Har­ter Kampf um «weis­se Koh­le»

Strom­kon­zer­ne rüs­ten Spei­cher­kraft­wer­ke auf – Net­z­eng­päs­se be­gren­zen Aus­bau – Re­power und BKW müs­sen sich spu­ten

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - CHRIS­TOPH GISIGER

Das Ren­nen um neue Was­ser­kraft­wer­ke in den Ber­gen spitzt sich zu. Um die «weis­se Koh­le» noch bes­ser zu nut­zen, ha­ben die Strom­kon­zer­ne ei­ne gan­ze Rei­he von Gross­pro­jek­ten lan­ciert. Die Ka­pa­zi­tät der Über­tra­gungs­lei­tun­gen ist je­doch be­grenzt, wes­halb es für die BKW und Re­power eng wird.

«Die Ka­pa­zi­tät im Strom­netz reicht für ma­xi­mal drei Pro­jek­te. Mit den an­de­ren muss dann so­lan­ge zu­ge­war­tet wer­den, bis die neu­en Strom­au­to­bah­nen in Eu­ro­pa fer­tig ge­stellt sind», sag­te Fe­lix Von­to­bel, Lei­ter Pro­duk­ti­on und Über­tra­gung von Re­power, am Di­ens­tag in Chur wäh­rend der Prä­sen­ta­ti­on des Pump­spei­cher­pro­jekts «La­go Bi­an­co». Wird das ehr­gei­zi­ge Un­ter­fan­gen um­ge­setzt, so könn­te die Bünd­ner Strom­grup­pe in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten 1000 MW Leis­tung ab­ru­fen, was et­wa der Ka­pa­zi­tät ei­nes Kern­kraft­werks vom Typ Gös­gen ent­spricht.

Ge­plant ist, den La­go Bi­an­co am Berni­na­pass zu ver­grös­sern und mit dem La­go di Po­s­chia­vo über ei­nen gut 20 km lan­gen Druck­stol­len mit mehr als 1000 m Ge­fäl­le zu ver­bin­den. Stim­men die Bünd­ner Ge­mein­den dem Kon­zes­si­ons­ge­such En­de Jahr zu, so soll das rund 1,5 Mrd. Fr. teu­re Pump­spei­cher­werk 2019 den Be­trieb auf­neh­men. Für Kraft­werk-Chef Von­to­bel sind die Chan­cen zur Um­set­zung in­takt: Mit der Berni­na-Hoch­span­nungs­lei­tung «qua­si vor der Haus­tür» und gu­ten Zu­gangs­mög­lich­kei­ten zu den Bau­plät­zen ha­be das Pro­jekt schon fast «pa­ra­die­si­sche Vor­aus­set­zun­gen», führ­te er aus.

BKW star­ten Neu­an­lauf

Re­power lie­fert sich da­mit ei­nen Wett­lauf ge­gen das Pro­jekt «KWO plus», hin­ter dem die Ber­ni­schen Kraft­wer­ke BKW FMB Ener­gie, die Städ­te Bern und Zü­rich so­wie der Kan­ton Ba­sel­land ste­hen. Weil sich Na­tur­schüt­zer hef­tig da­ge­gen ge­wehrt und im Früh­jahr 2009 vor Bundesgericht ei­nen for­mal­ju­ris­ti­schen Sieg er­run­gen hat­ten, ge­stal­tet sich die Um­set­zung bis­lang har­zig. Eben­falls am Di­ens­tag hat die Be­trei­ber­ge­sell­schaft KWO an der GV je­doch über neue Plä­ne in­for­miert: Die­sen Som­mer wer­den die Kon­zes­si­ons­ge­su­che für drei un­ab­hän­gi­ge Pro­jek­te mit ins­ge­samt 840 MW und 1 Mrd. Fr. Kos­ten ein­ge­reicht, wo­bei das Pump­spei­cher­werk Grim­sel 3 und die Ver­grös­se­rung des Grim­sel­sees die Kern­ele­men­te bil­den.

Wäh­rend Re­power und die BKW noch um die Kon­zes­sio­nen rin­gen, sind Ax­po und Al­piq ei­nen Schritt vor­aus. So hat Ax­po im Früh­jahr mit dem Bau von «Lin­thal 2015» im Kan­ton Glarus be­gon­nen. Es han­delt sich um das der­zeit gröss­te Vor­ha­ben im Schwei­zer Ener­gie­be­reich, des­sen Herz­stück ein Pump­spei­cher­werk im Ber­gin­nern zwi­schen Lim­mern-und Mutt­see ist. Im Bau ist eben­so das Pro­jekt «Nant de Dran­ce», das Al­piq mit den SBB und dem EW FMV rea­li­siert. Auch hier ist ein un­ter­ir­di­sches Pump­spei­cher­werk ge­plant, das die Stau­se­en Emoss­on und Vieux-Emoss­on ver­bin­det und neu auf ei­ne Leis­tung bis zu 900 MW kom­men könn­te, wie Al­piq am Di­ens­tag mit­teil­te.

Ge­mein­sam ist al­len vier Pro­jek­ten, dass be­ste­hen­de An­la­gen auf­ge­rüs­tet wer­den. Das Flu­ten gan­zer Al­pen­tä­ler, wie das wäh­rend des Baus der gros­sen Tal­sper­ren in den Fünf­zi­ger-und Sech­zi­ger­jah­ren der Fall war, ist heu­te nicht mehr denk­bar. Es geht auch nicht pri­mär dar­um, das Ener­gie­vo­lu­men an sich aus­zu­deh­nen, son­dern die ab­ruf­ba­re Leis­tung zu er­hö­hen. Das wird we­gen des Aus­baus der Wind­und Son­nen­en­er­gie zu­se­hends wich­ti­ger: Ih­re Pro­duk­ti­on ist kaum plan­bar, wes­halb Span­nungs­schwan­kun­gen im Netz aus­ge­re­gelt wer­den müs­sen – und ge­nau dar­in liegt die Stär­ke fle­xi­bler Spei­cher­an­la­gen. Zu­dem zah­len na­tio­na­le Netz­be­trei­ber wie Swiss­grid oder Ter­na in Ita­li­en für sol­che «Re­gel­ener­gie» viel Geld.

Gut ge­öl­te Cash­ma­schi­nen

Kein Wun­der al­so, for­ciert die Strom­bran­che den Aus­bau der Spei­cher­kraft. Ge­ne­rell wird für Pro­jek­te die­ser Art mit 5 bis 8% Net­to­ren­di­te auf dem ein­ge­setz­ten Ka­pi­tal so­wie rund vier­zig Jah­ren Ab­schrei­bungs­dau­er ge­rech­net. Das ist ein lan­ger Zei­t­raum, in dem sich viel än­dern kann. Noch in den Neun­zi­ger­jah­ren et­wa wa­ren die Elek­tri­zi­täts­prei­se so nied­rig,

Ax­po und Al­piq sind be­reits am Bau­en dass die Schwei­zer Was­ser­kraft­wer­ke als nicht amor­ti­sier­ba­re In­ves­ti­tio­nen (NAI) gal­ten und be­zwei­felt wur­de, ob die An­la­gen nach Ablauf der Kon­zes­si­on über­haupt er­neu­ert wer­den könn­ten. In­zwi­schen ha­ben sie sich durch die stei­gen­den Strom­ta­ri­fe je­doch zu wah­ren Cash­ma­schi­nen ent­wi­ckelt und die Rück­stel­lun­gen in den Bi­lan­zen sind al­le­samt auf­ge­löst.

Ent­schei­dend für die Ren­ta­bi­li­tät der neu­en Pump­spei­cher­an­la­gen ist letzt­lich der Spre­ad zwi­schen Ba­se-und Peak­load, al­so die Preis­span­ne zwi­schen Grund­und Spit­zen­last im Gross­han­del. Wenn der Ver­brauch zum Bei­spiel wäh­rend der Nacht ge­ring ist, wird Was­ser mit güns­ti­gem Strom aus den oh­ne­hin rund um die Uhr lau­fen­den Kern-und Koh­le­kraft­wer­ken in die Spei­cher­se­en ge­pumpt. Klet- tern die Prei­se dann im Ta­ges­ver­lauf, star­ten die Tur­bi­nen der Spei­cher­wer­ke. Ins­ge­samt geht da­bei rund ein Vier­tel der Ener­gie ver­lo­ren, wes­halb die Span­ne zwi­schen Hoch-und Nie­der­ta­rif zum pro­fi­ta­blen Be­trieb ge­nü­gend gross sein muss.

Da­mit ist schwie­rig ab­zu­schät­zen, ob sich die mas­si­ven In­ves­ti­tio­nen am En­de des Ta­ges loh­nen. Nicht zu­letzt auch des­halb, weil in Eu­ro­pa im­mer mehr Gas­kraft­wer­ke ans Netz kom­men, die eben­falls recht fle­xi­bel ein­setz­bar sind und der­zeit von güns­ti­gen Brenn­stoff­prei­sen pro­fi­tie­ren. Dank der be­reits be­ste­hen­den Spei­cher­an­la­gen (die gröss­ten­teils schon weit­ge­hend ab­ge­schrie­ben wur­den und bil­lig pro­du­zie­ren) sind ko­tier­te Schwei­zer Strom­kon­zer­ne wie Al­piq, BKW und Re­power aber so oder so gut auf­ge­stellt.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.