Wer misst, misst Mist

Ma­the­ma­ti­sche Akri­bie führt oft in die Ir­re – Wie mit der Un­ge­nau­ig­keit ar­bei­ten

Finanz und Wirtschaft - - PODIUM - ANDRÉ WUERTH

Ob in den «ex­ak­ten» Na­tur­wis­sen­schaf­ten (Elek­tro­tech­nik, Bio­lo­gie, Che­mie etc.) oder den «un­nüt­zen» So­zi­al­wis­sen­schaf­ten ge­mes­sen wird, es gilt beim Mes­sen: Wer misst, misst Mist. Dass Mes­sen be­son­ders schwie­rig ist, wenn man sich mit so­zia­len Rea­li­tä­ten wie zum Bei­spiel dem Ver­hal­ten von Fi­nanz­märk­ten aus­ein­an­der­setzt, liegt in der Na­tur des Mess­ob­jekts. Nichts­des­to­trotz neh­men die So­zi­al­wis­sen­schaf­ten die Kom­ple­xi­tät sehr wohl ernst, mit der Kon­se­quenz, dass Be­fun­de, will man un­rea­lis­ti­sches Mes­sen und ent­spre­chend ir­re­lei­ten­des Han­deln an den Fi­nanz­märk­ten ver­mei­den, eben we­der sim­pel noch li­ne­ar noch mo­no­k­au­sal sind.

Ge­ra­de an den Fi­nanz­märk­ten und beim ent­spre­chen­den Ri­si­ko­ma­nage­ment hilft zu­dem ma­the­ma­ti­sche Akri­bie nichts, ja sie ist so­gar ir­re­füh­rend. Es bringt nichts, über die vier­te Stel­le nach dem Kom­ma zu dis­ku­tie­ren. Sol­ches sug­ge­riert le­dig­lich Pseu­do­si­cher­heit. Ent­schei­dend ist, be­wusst mit Un­ge­nau­ig­keit vor dem Kom­ma zu ar­bei­ten und sich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, die gros­sen Li­ni­en zu er­ken­nen und zu ana­ly­sie­ren.

As­set-Ma­na­ger im Di­lem­ma

Für vie­le Prak­ti­ker ist nicht die Wirt­schafts­wis­sen­schaft weg­wei­send, son­dern sie ori­en­tie­ren sich am Ver­hal­ten der an­de­ren Teil­neh­mer an den Fi­nanz­märk­ten, oft sum­ma­risch un­ter dem Eti­kett der Psy­cho­lo­gie und des Bauch­ge­fühls zu­sam­men­ge­fasst. Ihr Di­lem­ma ist, dass sys­tem­kon­form mit den über­lie­fer­ten For­meln ge­ar­bei­tet wer­den muss, aber letzt­lich aus dem Bauch her­aus ge­han­delt wird. Das heisst, ein emo­tio­na­ler Ent­scheid wird ex post mit­hil­fe der Ma­the­ma­tik nach-ra­tio­na­li­siert.

Auch wird bei die­sem sub­jek­ti­ven Mes­sen so ge­mes­sen, dass am En­de eben viel Mist ge­mes­sen wird, im Kern aber Emo­tio­nen Tür und Tor ge­öff­net wer­den, ganz aus­ge­prägt in Stress­pha­sen. Letz­te­re be­tref­fen die Wirt­schafts-wie auch die Na­tur­wis­sen­schaf­ten be­son­ders, denn de­ren ein­fa­chen Ge­set­ze ge­nü­gen le­dig­lich für ei­nen mitt­le­ren Rea­li­täts­be­reich. Aus­ser­halb des Nor­mal­falls – und spe­ku­la­ti­ve Bla­sen und Crashs ste­hen aus­ser­halb der Nor­ma­li­tät – nimmt die Un­schär­fe der die Rea­li­tät zu stark aus­schlies­sen­den, künst­lich iso­lier­ten Pro­zes­se so zu, dass die Wirt­schafts-und Na­tur­wis­sen­schaf­ten in sol­chen emo­tio­nal hoch­ge­hen­den Markt­pha­sen in Er­klä­rungs­not­stand, ja ge­ra­de­zu in ei­ne Le­gi­ti­ma­ti­ons­kri­se ge­ra­ten. Die Brauch­bar­keit der Mo­del­le ist durch die Fi­nanz­markt­rea­li­tät wie­der­holt wi­der­legt wor­den.

Die So­zi­al­wis­sen­schaf­ten ha­ben hin­ge­gen in den letz­ten Jahr­zehn­ten be­ein­dru­cken­de Mess­in­stru­men­te her­vor­ge­bracht, um mit so­zia­ler Kom­ple­xi­tät pro­blem­lö­send um­zu­ge­hen. Die Ent­wick­lung ist durch­aus er­mu­ti­gend, denn Na­turund Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten nä­hern sich den So­zi­al­wis­sen­schaf­ten zü­gig an, um die ei­ge­ne Rea­li­täts­taug­lich­keit zu ver­bes­sern. Die Wis­sen­schaft­lich­keit je­g­li­cher Dis­zi­plin wird doch dar­in ge­se­hen, in­wie­weit sie die Rea­li­tät ih­res For-

in­ef­fi­zi­ent kein Grund, sich ent­mu­ti­gen zu las­sen. schungs­ob­jekts nicht künst­lich – und all­zu oft bis zur Tri­via­li­tät – re­du­ziert, son­dern ge­ra­de um­ge­kehrt die Kom­ple­xi­tät ernst nimmt und sys­te­ma­ti­sche Ver­fah­ren zur Er­fas­sung eben die­ser kom­ple­xen Rea­li­tät ent­wi­ckelt.

So hat neu­lich in die­ser Zei­tung Fi­nanz­pro­fes­sor Thors­ten Hens fest­ge­stellt, dass «Fi­nanz­märk­te (…) in den Be­reich der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten» fal­len (vgl. FuW Nr. 2 vom 9. Ja­nu­ar). An­de­re Öko­no­mie­pro­fes­so­ren for­schen am Ho­mo oe­co­no­mi­cus und ma­chen dank So­zi­al­wis­sen­schaft aus die­ser «Tri­vi­al-Re­tor­te» ei­nen Men­schen oder be­fas­sen sich mit Glück in der Öko­no­mie. Schliess­lich ist auch in­ter­es­sant zu be­ob­ach­ten, dass Wirt­schafts­no­bel­prei­se oft an So­zi­al­wis­sen­schaf­ter ge­hen.

Wie er­wähnt su­chen die an den Fi­nanz­märk­ten ak­ti­ven Prak­ti­ker für ih­re Ori­en­tie­rung nach Mess­in­stru­men­ten. Sie tüf­teln, ent­wi­ckeln und ver­wer­fen, und da­bei wächst ei­ne be­ein­dru­cken­de Selbst­kri­tik her­an, mit der Kon­se­quenz, dass vie­le in­sti­tu­tio­nel­le In­ves­to­ren aus­ge­spro­chen of­fen für so­li­de, em­pi­ri­sche So­zi­al­wis­sen­schaft sind.

So­zi­al­wis­sen­schaft hilft

Stim­mung zu mes­sen, dar­aus ein Ak­ti­en­ex­po­sure zu de­fi­nie­ren und so vor grös­se­ren Ver­lus­ten (nicht Ta­ges-, aber struk­tu­rel­len Ver­lus­ten wie Dot­com-und Sub­pri­me-Crashs) zu schüt­zen, ist ein will­kom­me­ner An­satz. So ge­se­hen sind die An­sprü­che der in­sti­tu­tio­nel­len In­ves­to­ren an das As­set Ma­nage­ment rea­lis­tisch. Out­per­for­mance ge­nügt, ab­so­lu­te Per­for­mance ist nicht ge­for­dert. Die­ser An­spruch kommt ei­nem sys­te­ma­tisch un­ge­nau­en Sen­ti­ment-Ex­po­sure-In­stru­ment ent­ge­gen.

Ein sol­ches In­stru­ment muss al­so ei­ner­seits an den Fi­nanz­märk­ten sys­te­ma­tisch und emo­ti­ons­los Emo­tio­nen mes­sen und an­de­rer­seits Emo­tio­nen des As­set-Ma­na­gers sys­te­ma­tisch eli­mi­nie­ren. Für Ers­te­res braucht es ei­ne kon­ti­nu­ier- li­che, sys­te­ma­ti­sche Ana­ly­se des In­halts von Fi­nanz­markt­in­for­ma­tio­nen, die Emo­tio­nen rea­lis­tisch in Ka­te­go­ri­en und Di­men­sio­nen zer­legt. Zu­dem muss das In­stru­ment nach der Stim­mungs­mes­sung die kon­se­quen­te Um­set­zung der er­fass­ten Stim­mung in das Ak­ti­en­ex­po­sure si­cher­stel­len, kom­men dem In­ves­tor da­bei doch al­le Pro­zes­se mensch­li­cher In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung in die Que­re. So weist die So­zi­al­psy­cho­lo­gie dar­auf hin, dass Han­deln näm­lich eher auf An­nah­men als auf Tat­sa­chen ba­siert.

In­stru­men­te sind da

Ein sol­ches Sen­ti­ment-Ex­po­sure-In­stru­ment muss auf vier Ebe­nen grei­fen. Ers­tens muss das Ak­ti­en­ex­po­sure dis­kus­si­ons­los an die Stim­mungs­mes­sung ge­kop­pelt sein. Zwei­tens muss die Ti­tel­s­e­lek­ti­on emo­ti­ons­los durch­struk­tu­riert sein. Drit­tens muss der Be­ob­ach­ter selbst sys­te­ma­tisch be­ob­ach­tet wer­den, und vier­tens: Der Auf-und Ab­bau ei­ner Ak­ti­en­po­si­ti­on darf Emo­tio­nen kei­ne Chan­ce las­sen.

Das gan­ze In­stru­ment hat nur ein Ziel: nach zwei ver­hee­ren­den Bör­sen­crashs in nur acht Jah­ren den nächs­ten nicht mit­zu­ma­chen. Das In­stru­ment liegt vor, das Be­wusst­sein des Mes­sens von Mist ist ge­schärft, der Track Re­cord ein­deu­tig, und er­hält­lich ist es in Form ei­nes Schwei­zer Ak­ti­en-und ei­nes Welt-ETF-Porte­feuilles oder als Abon­ne­ment. Es dient der Ori­en­tie­rung in Fi­nanz­märk­ten und zur Re­duk­ti­on ei­ge­ner Emo­tio­nen in Form ei­nes je­weils mitt­wochs ver­öf­fent­lich­ten Sen­ti­ment Ex­po­sure In­dex (SEI), be­ste­hend aus zwei Zah­len. Die ei­ne de­fi­niert die Fi­nanz­markt­stim­mung, die zwei­te das der er­fass­ten Stim­mung zwin­gend ent­spre­chen­de Ak­ti­en­ex­po­sure. Dr. André Wuerth, As­set-Ma­na­ger und ope­ra­ti­ver Lei­ter von AS As­set Ser­vices SA in Au­ver­nier-Neu­châ­tel, Lehr­be­auf­trag­ter der Uni­ver­si­tät Zü­rich und Do­zent an der Akad HFBF.

Fi­nanz­märk­te sind ent­ge­gen man­chen Theo­ri­en häu­fig Mus­tern. Für An­le­ger ist das

und fol­gen ir­ra­tio­na­len

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