Zit­ter­par­tie oh­ne En­de in Eu­ro­pa

Ge­rüch­te über Kre­dit­hil­fe für Spa­ni­en – Zen­tral­ban­ken stel­len gross­zü­gig Mit­tel zur Ver­fü­gung, aber nicht al­le wer­den ge­braucht

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ANDRE­AS NEINHAUS

Am eu­ro­päi­schen In­ter­ban­ken­markt kehrt kei­ne Ru­he ein. Nach der Schock­mel­dung der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) von En­de Mai, wo­nach die Fi­nanz­in­sti­tu­te in Eu­ro­land nächs­tes Jahr mit wei­te­ren 195 Mrd.€ an Ab­schrei­bun­gen rech­nen müs­sen, ver­dich­ten sich die Ge­rüch­te über ei­ne Schief­la­ge im spa­ni­schen Ban­ken­sek­tor. Wo die Mut­mas­sun­gen en­den und die Wahr­heit be­ginnt, lässt sich nicht ge­nau aus­ma­chen.

Deut­sche Me­di­en be­rich­ten über Hin­wei­se aus Brüssel, dass Spa­ni­ens Re­gie­rung als ers­tes Land Mit­tel aus dem im Mai be­schlos­se­nen Ga­ran­tie­pa­ket der Eu­ro­grup­pe und des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds er­hal­ten wird, um hei­mi­sche Ban­ken zu stüt­zen, die un­ter den ho­hen Aus­fäl­len von Im­mo­bi­li­en­kre­di­ten lei­den. Die im Zu­ge des am 9. Mai be­schlos­se­nen Pa­kets vor­ge­schla­ge­ne Eu­ro­pean Fi­nan­ci­al Sta­bi­li­ty Fa­ci­li­ty über 440 Mrd.€ wird ab 1. Ju­li funk­ti­ons­fä­hig sein und könn­te Kre­di­te aus­zah­len.

In Ma­drid und Brüssel wur­de um­ge­hend de­men­tiert. Spa­ni­en ha­be kei­ne Mit­tel aus der Fa­zi­li­tät nach­ge­fragt, in­for­mier­te der Staats­se­kre­tär des spa­ni­schen Schatz­amts. Nur lei­der ist in den letz­ten Mo­na­ten zu viel Ver­trau­en zer­schla­gen wor­den, um sol­chen Zu­si­che­run­gen noch zu glau­ben. Auch Grie­chen­lands Re­gie­rung ver­si­cher­te bis kurz vor Ab­ru­fung der Kre­di­te, sie be­nö­ti­ge kei­ne Hil­fe.

In­ter­ban­ken­markt blo­ckiert

Vom Markt tref­fen be­sorg­nis­er­re­gen­de Si­gna­le ein. Der Ren­di­te­auf­schlag zehn­jäh­ri­ger spa­ni­scher Staats­an­lei­hen ge­gen­über deut­schen hat sich auf 2,1 Pro­zent­punk­te aus­ge­wei­tet. Al­ler­dings las­tet die Nach­richt von der Ra­ting­ver­schlech­te­rung Grie­chen­lands (sie­he Sei­te 6) auf den Schuld­ti­teln al­ler so ge­nann­ten PIIGSStaa­ten (vgl. Gra­fik).

Der In­ter­ban­ken­satz Eu­ri­bor steigt. Ban­ken lei­hen sich ge­gen­sei­tig nur noch sehr kurz­fris­tig Geld, aus Sor­ge über die Bo­ni­tät des An­de­ren und den ei­ge­nen Li­qui­di­täts­be­darf. Die Spreads zwi­schen den Sät­zen für Kre­di­te bis zu ei­nem Jahr am In­ter­ban­ken­markt und je­nen für Over­night-In­dex-Swaps (OIS) ha­ben sich seit der ers­ten Mai­wo­che be­trächt­lich er­höht – ein un­trüg­li­ches Zei­chen für das Miss­trau­en. Ein Ana­lyst der Deut­schen Bank schreibt, Kre­di­te mit ei­ner Lauf­zeit von ei­nem Mo­nat und mehr am In­ter­ban­ken­markt sei­en sel­ten und teu­er ge­wor­den.

Das Zit­tern zu­nächst um Grie­chen­land und nun um Spa­ni­en for­dert er­neut die EZB her­aus. Zen­tral­ban­ken müs­sen ver­hin­dern, dass die Li­qui­di­tät im Sys­tem aus­trock­net, und sie müs­sen den Markt funk­ti­ons­fä­hig hal­ten. Da­zu kauft die EZB seit dem 10. Mai ge­zielt An­lei­hen auf.

Am Geld­markt ver­teilt sie gross­zü­gig Li­qui­di­tät. Die Auk­tio­nen der Ein­wo­chen­ten­der, dem EZB-Haupt­re­fi­nan­zie­rungs­ve­hi­kel, über­schrit­ten Mit­te Mai die Schwel­le von 100 Mrd.€ und fal­len je­de Wo­che hö­her aus. Zu­letzt nah­men 96 Ban­ken an der Auk­ti­on teil, so viel wie nie in die­sem Jahr. Am Don­ners­tag kün­dig­te die EZB auch an, die Drei­mo­nats­ten­der wie­der ein­zu­füh­ren.

Gleich­zei­tig par­ken Ban­ken Geld­re­ser­ven in bis­her nicht ge­se­he­nem Um­fang in der EZB. Die so ge­nann­te Ein­la­ge­fa­zi­li­tät, die von der EZB zu nur 0,25% ver­zinst wird, da­für je­doch al­ler­gröss­te Si­cher­heit bie­tet, ist auf ein Re­kord­vo­lu­men von 351 Mrd.€ ge­wach­sen.

Die Sym­pto­me er­in­nern an die Er­eig­nis­se vom Som­mer 2007, als die Sub­pri­meK­ri­se die in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­märk­te er­fass­te, und vom Herbst 2008, als die USBank Leh­man Bro­thers Kon­kurs an­mel­de­te. Das Aus­mass der Er­schüt­te­rung ist dies­mal in­des viel ge­rin­ger. Um Schlim­me­res zu ver­mei­den, ha­ben die Zen­tral­ban­ken um­ge­hend zu je­nen Not­mass­nah­men ge­grif­fen, die sich da­mals be­währt hat­ten. Im Fal­le der EZB-An­lei­hen­käu­fe rei­chen sie so­gar über die bis­he­ri­gen hin­aus.

Dol­lar­s­waps für al­le Fäl­le

Zen­tra­les An­lie­gen ist es auch, ei­ne Dol­lar­knapp­heit auf den wich­tigs­ten Märk­ten aus­ser­halb der USA zu ver­hin­dern. Die US-Zen­tral­bank rich­te­te da­zu am 9. Mai Dol­lar-Swap­li­ni­en mit den No­ten­ban­ken in Ka­na­da, Gross­bri­tan­ni­en, in der Schweiz und im Eu­ro­raum ein, wie sie es schon im Sep­tem­ber 2008 be­schlos­sen hat­te. Öko­no­men der Bank für In­ter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich (BIZ) ar­gu­men­tie­ren, dass eu­ro­päi­sche Ban­ken ei­ne um­fang­rei­che Dol­lar-Fi­nan­zie­rungs­lü­cke auf­wie­sen. Es be­stün­den si­gni­fi­kan­te Fris­ten­in­kon­gru­en­zen in Fremd­wäh­rungs­kre­di­ten, schrei­ben sie im BIZ-Quar­tals­be­richt, der am Mon­tag ver­öf­fent­licht wur­de. An­ge­sichts der Bo­ni­täts­sor­gen in Tei­len Eu­ro­pas fal­le es Ban­ken schwer, lau­fen­de Dol­lar­ver­bind­lich­kei­ten rei­bungs­los kurz­fris­tig zu re­fi­nan­zie­ren.

Vor al­lem die Ab­hän­gig­keit von kurz­fris­ti­gen Dol­l­ar­mit­teln ist den Ex­per­ten ein Dorn im Au­ge. Schwei­zer Ban­ken hät­ten aber ih­re kurz­fris­ti­gen Net­to-Dol­lar­po­si­tio­nen ge­gen­über Nicht­ban­ken von 300 Mrd. vor der Kri­se auf 100 Mrd.$ zu­rück­ge­fah­ren. Auch bri­ti­sche Ban­ken hät­ten ih­re Aus­stän­de ver­rin­gert. Deut­sche In­sti­tu­te wie­sen in­zwi­schen den gröss­ten Dol­lar­fi­nan­zie­rungs­eng­pass auf.

Die Swap­li­nie des Fed kommt al­so ge­ra­de recht. Vo­r­erst hat sie sich aber als rei­ne Vor­sichts­mass­nah­me er­wie­sen. In der Schweiz und in Gross­bri­tan­ni­en wur­de sie gar nicht, im Eu­ro­raum nur in ge­rin­gem Mas­se im Mai ge­nutzt. Im Ju­ni be­stand auch dort kein Be­darf mehr. Der Zins von 1,2% ist zu hoch, und es ist ge­nü­gend Li­qui­di­tät am Markt zu güns­ti­ge­ren Prei­sen ver­füg­bar. EZB-Prä­si­dent Tri­chet freut sich dar­über: Das Fang­netz wer­de nicht ge­braucht. Aber zum Glück wur­de es ge­spannt, ist hin­zu­zu­fü­gen, denn mit ei­ner Über­win­dung der Zit­ter­par­tie in Eu­ro­pa soll­te so bald nie­mand rech­nen.

Die Dol­lar­s­waps der US-No­ten­bank mit Sitz in Washington (Bild) wer­den kaum ge­nutzt.

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