Wahl­aus­gang in Bel­gi­en be­las­tet die Wirt­schaft

Lang­wie­ri­ge Re­gie­rungs­bil­dung zu er­war­ten – Ren­di­te der Staats­an­lei­hen ist schon im Vor­feld mar­kant ge­stie­gen

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - HTZ,

Mit der Wucht ei­nes po­li­ti­schen Tsu­na­mis hat die flä­misch-na­tio­na­lis­ti­sche Neue Flä­mi­sche Al­li­anz (N-VA) bei den vor­ge­zo­ge­nen Par­la­ments­wah­len Bel­gi­en über­spült. Die Nieu­we Vlaam­se Al­li­an­tie N-VA wur­de nicht nur im nie­der­län­disch-spra­chi­gen Flan­dern zur stärks­ten po­li­ti­schen Kraft, son­dern pro for­ma hoch­ge­rech­net in ganz Bel­gi­en. Die schwie­ri­ge und lang­wie­ri­ge Re­gie­rungs­bil­dung kann die Wirt­schaft zu­sätz­lich be­las­ten.

Bel­gi­en ist an­ge­schla­gen. Die Kon­junk­tur lahmt. Die Wirt­schafts­leis­tung ging im ver­gan­ge­nen Jahr nach An­ga­ben der bel­gi­schen Zen­tral­bank um 3,5% zu­rück. Für 2010 wird mit ei­nem ge­rin­gen Wachs­tum von 0,5 bis 1% ge­rech­net. Die durch­schnitt­li­chen Ar­beits­kos­ten lie­gen über dem EU-Durch­schnitt, was bei der Ent­schei­dung von Ge­ne­ral Mo­tors, das OpelWerk in Ant­wer­pen zu schlies­sen, ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben dürf­te.

Ho­hes Haus­halts­de­fi­zit

Die Staats­ver­schul­dung ist auf 100% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) ge­stie­gen. 2007 hat­te sie 84% des BIP be­tra­gen. Der bel­gi­sche Staat muss­te auf dem Hö­he­punkt der Fi­nanz­markt­kri­se vor an­dert­halb Jah­ren sei­ne gros­sen Fi­nanz­in­sti­tu­te For­tis und die KBC vor dem Un­ter­gang ret­ten, was Mil­li­ar­den­auf­wen­dun­gen er- for­der­te. Das Haus­halts­de­fi­zit stieg im ver­gan­ge­nen Jahr auf 5,9% (2008: 1,1) des BIP und lag da­mit um das Dop­pel­te über der im Maas­trich­ter Eu­ro-Ver­trag fest­ge­leg­ten Ober­gren­ze von 3%

Be­son­ders in Flan­dern wird be­fürch­tet, dass die aus­län­di­schen In­ves­ti­tio­nen sin­ken könn­ten, weil Bel­gi­en zu ei­nem in­sta­bi­len Land zu wer­den droht. An­ders als in den Nie­der­lan­den mit dem dor­ti­gen Rechts­rutsch (vgl. FuW Nr. 45 vom 12. Ju­ni) wur­de der bel­gi­sche Fi­nanz­markt be­reits vor den Wah­len be­las­tet. Wäh­rend das nörd­li­che Nach­bar­land nach wie vor ei­ne her­vor­ra­gen­de Bo­ni­tät ge­niesst und die Ren­di­te der nie­der­län­di­schen Staats- an­lei­hen fast so nied­rig ist wie die der deut­schen, schos­sen die Zin­sen für bel­gi­sche Staats­pa­pie­re schon vor den Wah­len in die Hö­he (vgl. Gra­fik).

Ra­ting be­stä­tigt

In der ver­gan­ge­nen Wo­che ist die Ren­di­te der zehn­jäh­ri­gen bel­gi­schen Staats­an­lei­hen 0,6 Pro­zent­punk­te auf 3,6% ge­stie­gen. Das Kö­nig­reich muss des­halb mehr Geld für den Schul­den­dienst auf­wen­den. Das Ra­ting wur­de bis­her aber nicht ge­senkt. Stan­dard & Poor’s stuft Bel­gi­ens Kre­dit­wür­dig­keit nach wie vor mit AA+ und sta­bi­lem Aus­blick ein.

Die bei­den Wahl­sie­ger, der wal­lo­ni­sche So­zia­list Elio Di Ru­po und der flä­mi­sche Na­tio­na­list Bart De We­ver, sind qua­si zur Zu­sam­men­ar­beit ver­ur­teilt. Die bei­den Po­li­ti­ker sind nicht nur vom Tem­pe­ra­ment her völ­lig un­ter­schied­lich. Dia­me­tral ste­hen sich auch die Par­tei­pro­gram­me der flä­mi­schen N-VA und der wal­lo­ni­schen Par­ti So­cia­lis­te (PS) ge­gen­über.

Wäh­rend Di Ru­po und sei­ne PS den bel­gi­schen Ein­heits­staat stär­ken und aus­bau­en wol­len, möch­ten ihn De We­ver und die N-VA auf­lö­sen. Wäh­rend De We­ver und sei­ne Par­tei­ge­nos­sen Bel­gi­ens ho­hen Schul­den­berg ab­zu­bau­en ge­den­ken, wol­len Di Ru­po und die So­zia­lis­ten noch mehr Schul­den ma­chen. De We­ver will in den kom­men­den vier Jah­ren 24 Mrd.€ ein­spa­ren. Di Ru­po will in den kom­men­den vier Jah­ren 7 Mrd.€ mehr aus­ge­ben. De We­ver will das So­zi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem in ein flä­mi­sches und ein wal­lo­ni­sches tren­nen. Di Ru­po will es so in der jet­zi­gen Form aus­bau­en. De We­ver will den um­strit­te­nen zwei­spra­chi­gen Wahl­kreis Brüssel-Halle-Vil­vo­or­de auf­spal­ten, Di Ru­po will ihn er­hal­ten.

Kön­nen sol­che fun­da­men­ta­len po­li­ti­schen Ge­gen­sät­ze über­wun­den wer­den? Es dürf­te je­den­falls lan­ge dau­ern, bis ei­ne neue Re­gie­rung steht. Vor dem 1. Ju­li, wenn Bel­gi­en die EU-Prä­si­dent­schaft über­nimmt, wird es sie wohl kaum schon ge­ben. Ob Di Ru­po und De We­ver ei­ne Lö­sung für ei­ne ge­mein­sa­me Re­gie­rung fin­den, ist völ­lig of­fen. Fin­den sie kei­ne, rückt die Per­spek­ti­ve der Re­pu­blik Flan­dern in Sicht­wei­te.

Ei­ne Über­ein­kunft der bei­den Wahl­sie­ger wä­re ei­ne Sen­sa­ti­on, die dem Kö­nig­reich und sei­ner Wirt­schaft ei­ne Atem­pau­se ver­schaf­fen wür­de – mehr aber wohl nicht. Kä­me es ei­nes Ta­ges wirk­lich zu ei­ner Spal­tung des Lan­des – et­wa wie 1992 in der da­ma­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei –, wür­de das für bei­de Lan­des­tei­le ein teu­res Aben­teu­er wer­den. Fest steht nach dem Ur­nen­gang vom ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de: Lang­fris­tig stre­ben die Fla­men die Un­ab­hän­gig­keit an.

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