Der Eu­ro ist bes­ser als sein Ruf

Kri­tik am Eu­ro ha­gelt es von al­len Sei­ten. Ist sie auch ge­recht­fer­tigt und be­legt durch Fak­ten? Oder ha­ben Wut, Frust und Sor­ge fast nur mit schlech­ter Stim­mung zu tun? THO­MAS STRAUB­HAAR

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Kei­ne Fra­ge: Der Eu­ro ist vom Wun­der­kna­ben zum Sor­gen­kind mu­tiert. Die ho­he Staats­ver­schul­dung ein­zel­ner Mit­glied­län­der macht Hil­fe­leis­tun­gen an­de­rer er­for­der­lich. Erst war es ein grie­chi­sches Dra­ma. Dann folg­te ei­ne spa­ni­sche Grip­pe. Jetzt droht Por­tu­gal, Ir­land und selbst Ita­li­en und Frank­reich ei­ne kri­ti­sche Schief­la­ge. Dass die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) ma­ro­de Staats­ti­tel auf­kauft, ist mehr als ein ord­nungs­po­li­ti­scher Sün­den­fall. Sie ver­liert da­mit ih­re po­li­ti­sche Un­ab­hän­gig­keit. Die in mehr als zehn Jah­ren auf­ge­bau­te Glaub­wür­dig­keit der EZB steht auf dem Spiel. Das ver­un­si­chert die Märk­te. Und es pro­vo­ziert Spe­ku­lan­ten zu neu­en An­grif­fen.

In Zei­ten der Un­si­cher­heit und der da­mit ver­bun­de­nen Ängs­te prü­geln vie­le auf den im­mer noch jun­gen Eu­ro ein. Man­che se­hen in ihm das Übel al­les Bö­sen. An­de­re ma­chen ihn gar – in Um­keh­rung der Rea­li­tä­ten – ver­ant­wort­lich für die ge­wal­ti­gen öko­no­mi­schen Pro­ble­me, vor de­nen Eu­ro­pa steht. In die­sem Um­feld drängt sich ei­ne nüch­ter­ne Be­trach­tung auf.

Was wä­re oh­ne?

Ers­tens ist zu fra­gen: Wo stün­de Eu­ro­pa heu­te oh­ne Eu­ro? Ei­ne Ant­wort ist nicht ein­fach, da sie em­pi­risch nicht be­leg­bar ist. Aber: Die Bla­sen, de­ren Plat­zen zu ei­ner glo­ba­len Fi­nanz­kri­se und dann zu ei­ner welt­wei­ten Re­zes­si­on ge­führt hat, hat­ten ih­ren Ur­sprung in ei­ner ex­pan­si­ven US-Geld­po­li­tik und über­stei­ger­ten Hoff­nun­gen in ei­ne New Eco­no­my. Als Fol­ge der en­gen Ver­net­zung al­ler Märk­te schwapp­ten bei­de, erst die Freu­den auf­ge­bläh­ten Wachs­tums, dann die Sor­gen über­ris­se­ner Ri­si­ken, in die gan­ze Welt. Des­halb gibt es Zwei­fel, dass mo­ne­tä­re Un­ab­hän­gig­keit vor An­ste­ckung schützt.

Gross­bri­tan­ni­en ist ein kla­res In­diz da­für, dass ein Ab­seits­ste­hen kei­nen si­che­ren Schutz bie­tet. Zwi­schen 2008 ( Jah­res­durch­schnitt) und Mai 2010 hat sich das Pfund zum Dol­lar um sat­te 25% ab­ge­wer­tet. Der Eu­ro hat zum Dol­lar nur knapp 15% ver­lo­ren. Zum Pfund hat er 7,6% an Wert ge­won­nen. Da­zu kommt, dass die ma­kro­öko­no­mi­schen Pro­ble­me Bri­tan­ni­ens in kei­ner Wei­se an­ders oder gar ge­rin­ger sind als die der Eu­ro­zo­ne. In Gross­bri­tan­ni­en schrumpf­te die Wirt­schaft stär­ker als in der Eu­ro­zo­ne, und der Auf­schwung in die­sem Jahr ist nur un­we­sent­lich kräf­ti­ger.

Zwei­tens in­ter­es­siert, ob na­tio­na­le Wäh­run­gen stär­ker ge­blie­ben wä­ren als der Eu­ro. Auch da spricht ei­ni­ges da­ge­gen. Der Eu­ro stand im Mai 2010 im Mo­nats­durch­schnitt ge­gen­über den meis­ten an­de­ren eu­ro­päi­schen Wäh­run­gen kaum schwä­cher da als in (noch) gu­ten Zei­ten im Jah­res­durch­schnitt 2008. Nur zur nor­we­gi­schen Kro­ne (–4%) und zum Fran­ken (–10,7%) hat er sich deut­lich ab­ge­wer­tet. In Nor­we­gen spielt das Öl, in der Schweiz der si­che­re Ha­fen des Fi­nanz­plat­zes ei­ne Son­der­rol­le. In bei­den Fäl­len gal­ten die­se Fak­to­ren schon lan­ge vor dem Eu­rozeit­al­ter.

Drit­tens ist nicht aus­zu­schlies­sen, dass «klei­ne» na­tio­na­le Wäh­run­gen noch stär­ker im Zen­trum spe­ku­la­ti­ver Atta­cken ge­stan­den hät­ten als der «gros­se» Eu­ro. Was wä­re bei ei­ner Zah­lungs­un­fä­hig­keit ei­nes wäh­rungs­po­li­tisch al­lein ste­hen­den Grie­chen­land ge­sche­hen? Hät­ten die üb­ri­gen EU-Län­der kühl zu­schau­en kön­nen, wie die Drach­me in den Kel­ler ge­fal­len und die

Der geld­po­li­ti­sche Stra­te­gie­wech­sel soll­te nicht mehr in wei­ter Fer­ne lie­gen. Sonst wird aus dem Eu­ro tat­säch­lich ein Teu­ro.

THO­MAS STRAUB­HAAR

Ar­beits­lo­sig­keit durch die De­cke ge­schos­sen wä­re? Wohl kaum. Da­zu sind al­le Märk­te, al­so auch die Gü­ter-, die Ka­pi­ta­lund die Ar­beits­märk­te, zu eng ver­floch­ten. Die Krank­heit ei­nes Lan­des führt au­to­ma­tisch zur An­ste­ckung an­de­rer. Des­halb ist man Is­land zu Hil­fe ge­eilt, und des­halb ha­ben die USA in den Neun­zi­ger­jah­ren Me­xi­ko un­ter die Ar­me ge­grif­fen.

Vier­tens hängt die Be­deu­tung ei­nes schwa­chen Eu­ros da­von ab, wel­che Rol­le der Wech­sel­kurs für den Wirt­schafts­raum spielt, der mit 326 Mio. Men­schen und ei­nem Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) von 13,6 Bio. $ ziem­lich gleich gross ist wie die USA mit 304 Mio. Men­schen und ei­nem BIP von 14,1 Bio. $ ist. Heu­te ex­por­tiert Deutsch­land rund 75% nach Eu­ro­pa, gut 60% in die EU-27 und et­wa 40% in den Eu­ro­raum. Knap­pe 10% ge­hen nach Nord-und Latein­ame­ri­ka und nur 7% in die USA. Die un­mit­tel­ba­re Ab­hän­gig­keit des Han­dels mit dem Dol­lar­raum ist für Eu­ro­pa nicht mehr das ganz gros­se The­ma.

Fünf­tens ist zu klä­ren, was ge­nau mit ei­nem «schwa­chen» Eu­ro ge­meint ist. Wohl hat sich der Eu­ro zum Dol­lar seit dem Höchst im No­vem­ber 2009 rund 20% ab­ge­wer­tet. Das freut die Ex­por­teu­re, doch es är­gert die Im­por­teu­re. Auch ge­samt­wirt­schaft­lich gibt es Vor-und Nach­tei­le. Zwar steigt die At­trak­ti­vi­tät eu­ro­päi­scher Pro­duk­te auf den Welt­märk­ten. In Dol­lar ge­rech­net wer­den sie bil­li­ger. Da­für er­hö­hen sich aber die Pro­duk­ti­ons­kos­ten. Für Ener­gie (Öl, Gas, die meis­tens im­mer noch in Dol­lar ver­rech­net wer­den) und im­por­tier­te Vor­leis­tun­gen aus dem Dol­lar­raum muss mehr be­zahlt wer­den. Das frisst ei­nen Teil der Vor­tei­le gleich wie­der auf.

Sechs­tens ist der Aus­sen­wert des Eu­ros heu­te et­wa wie­der gleich wie bei sei­ner Ge­burt. Als er am 4. Ja­nu­ar 1999 an den Start ging, kos­te­te er 1.18 $ und an sei­nem ers­ten Ge­burts­tag am 4. Ja­nu­ar 2000 ge­ra­de noch 1.03 $. Jetzt sind es 1.23 $, al­so kein Grund zur Pa­nik.

Sieb­tens geht es bei der «Schwä­che» ei­ner Wäh­rung um den Ver­lust der in­ne­ren Sta­bi­li­tät. Da ist das Vor­ur­teil des Teu­ros ein ge­wal­ti­ger emo­tio­na­ler Stim­mungs­ma­cher. Nüch­tern be­trach­tet zeigt sich ein völ­lig an­de­res Bild. Der Eu­ro ist kein Teu­ro. Im Ge­gen­teil, er hat tie­fe In­fla­ti­on und da­mit ei­ne ho­he Sta­bi­li­tät von Prei­sen und rea­ler Kauf­kraft ge­bracht.

Wie bru­tal da­ne­ben hier die Emo­tio­nen lie­gen, zeigt ein ein­fa­cher Ver­gleich der Jah­res­teue­rung für Deutsch­land, wo der ge­fühl­te Teu­ro die gröss­ten An­hän­ger hat. Nach den vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt er­mit­tel­ten Ver­brau­cher­prei­sen lag die durch­schnitt­li­che jähr­li­che In­fla­ti­ons­ra­te für Deutsch­land in den letz­ten zehn Jah­ren bei 1,5%. In D-Mark-Zei­ten war sie 2,5% in den Neun­zi­ger­jah­ren, 2,5% in den Acht­zi­gern, 4,1% in den Sieb­zi­gern und 1,3% in den Sech­zi­gern.

Ei­ne Sor­ge ist be­rech­tigt

Ach­tens hin­ge­gen ist die Furcht be­rech­tigt, dass sich der in­ne­re Wert des Eu­ros in den nächs­ten Jah­ren ver­rin­gern dürf­te. Das ist die ei­gent­li­che Sor­gen hin­ter dem schwa­chen Eu­ro. An­ge­sichts der im­men­sen Staats­schul­den, der tie­fen Zin­sen und der lo­cke­ren Geld­po­li­tik der EZB baut sich ei­ne neue Bla­se der Geld­ent­wer­tung auf, die für die lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­tät des Eu­ros Be­den­ken weckt und mit­tel­fris­tig hö­he­re In­fla­ti­on er­war­ten lässt.

Al­ler­dings muss die­se Bla­se nicht in je­dem Fal­le plat­zen. Wenn die EZB recht­zei­tig auf die geld­po­li­ti­sche Brem­se tritt, wird sie das Schlimms­te ver­hin­dern kön­nen. Noch ist die Zeit des geld­po­li­ti­schen Wech­sels hin zu hö­he­ren Zin­sen nicht ge­kom­men. Er dürf­te und soll­te aber nicht mehr in wei­ter Fer­ne sein. Nur so kann si­cher­ge­stellt wer­den, dass aus dem Eu­ro kein Teu­ro wird. Tho­mas Straub­haar, Ham­bur­gi­sches Welt-Wirt­schafts-In­sti­tut HWWI und Uni­ver­si­tät Ham­burg, zur­zeit Helmut Schmidt Fel­low an der Trans­at­lan­tic Aca­de­my in Washington DC.

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