We­nig über­zeu­gend

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - GW,

Frank­reichs Staats­prä­si­dent Nicolas Sar­ko­zy sorgt sich um die Kre­dit­wür­dig­keit sei­nes Lan­des. Da die AAA-Best­no­te für Staats­an­lei­hen nach An­sicht von Ex­per­ten nur zu hal­ten ist, wenn ein har­ter Spar­kurs ein­ge­schla­gen wird, er­fol­gen nun ent­spre­chen­de An­kün­di­gun­gen. So ver­sprach Pre­mier­mi­nis­ter François Fil­lon das Haus­halts­de­fi­zit bis 2013 um 100 Mrd.€ zu sen­ken. Auch stell­te Ar­beits­mi­nis­ter Eric Wo­erth die Eck­punk­te der seit lan­gem er­war­te­ten Ren­ten­re­form vor.

Ein Re­förm­chen

Stop­fen will Wo­erth das Loch in den Ren­ten­kas­sen mit­hil­fe ei­ner schritt­wei­sen An­he­bung des Ren­ten­al­ters von der­zeit 60 auf 62 Jah­re bis 2018, der Er­hö­hung des Spit­zen­steu­er­sat­zes von 40 auf 41%, der Strei­chung von Frei­be­trä­gen auf Ka­pi­tal­er­trä­gen so­wie der Ver­rin­ge­rung von Ver­güns­ti­gun­gen für Un­ter­neh­men. Denn oh­ne Re­form droht das De­fi­zit der Ren­ten­kas­sen bis 2018 von der­zeit 32 Mrd. auf 42 Mrd.€ zu stei­gen, bis 2050 so­gar auf 72 bis 114 Mrd.€. Bes­ten­falls, denn die Be­rech­nun­gen ge­hen von ei­nem Rück­gang der Ar­beits­lo­sen­quo­te auf 6,5% aus und sind da­mit viel zu op­ti­mis­tisch, da Frank­reich ei­nen sol­chen Wert seit Jah­ren nicht mehr er­reicht hat. Die An­he­bung des Ren­ten­al­ters soll nun 20 Mrd.€ in die Staats­kas­sen spü­len, Steu­er­hö­hun­gen und Bei­trags­er­hö­hun­gen für Staats­be­am­te je 4 Mrd. €. Zu­dem will die Re­gie­rung die vom frü­he­ren Pre­mier­mi­nis­ter Lio­nel Jo­s­pin ein­ge­führ­te Ren­ten­re­ser­ve – die En­de 2009 ein Ver­mö­gen von 33 Mrd.€ auf­wies – nut­zen, um das in den nächs­ten Jah­ren an­fal­len­de De­fi­zit zu de­cken.

Das Pro­jekt ist vor die­sem Hin­ter­grund nichts an­de­res als ein Re­förm­chen, denn vor ei­ner grös­se­ren An­he­bung des Ren­ten­al­ters schreckt Staats­prä­si­dent Sar­ko­zy aus Angst vor Pro­tes­ten zu­rück. Zu­dem sieht das Pro­jekt Aus­nah­men für Ar­bei­ter mit kör­per­lich an­stren­gen­den Be­ru­fen und für die­je­ni­gen vor, die be­reits mit acht­zehn Jah­ren oder frü­her ih­re Er­werbs­tä­tig­keit auf­ge­nom­men ha­ben. Auch nach der ge­plan­ten Än­de­rung wird Frank­reichs Ren­ten­sys­tem ei­nes der gross­zü­gigs­ten in Eu­ro­pa blei­ben. So wur­de das Ren­ten­al­ter in Deutsch­land mitt­ler­wei­le auf 67 Jah­re an­ge­ho­ben, in Gross­bri­tan­ni­en und Ita­li­en auf 65. Die Re­gie­rung ge­stand be­reits in­di­rekt ein, dass die Re­form nicht aus­rei­chen wird.

Sie will 2018 Bi­lanz zie­hen. Dann dürf­te ei­ne wei­te­re Re­form fol­gen. Die Exe­ku­ti­ve räum­te eben­falls ein, dass die Re­form nur we­nig da­zu bei­tra­ge, das Staats­de­fi­zit wie ver­spro­chen bis 2013 von der­zeit 8% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) auf 3% zu sen­ken; sie dürf­te das De­fi­zit bis 2013 le­dig­lich um 0,5% sen­ken.

Op­ti­mis­ti­sche Pro­gno­se

Auch die an­ge­kün­dig­ten Spar­plä­ne wer­den nicht aus­rei­chen, um die ver­spro­che­ne De­fi­zit­s­en­kung zu er­rei­chen: 50 Mrd. € sol­len aus Ein­spa­run­gen vor al­lem im Staats­dienst kom­men. Wei­te­re 50 Mrd. € sol­len durch Mehr­ein­nah­men her­ein­kom­men, wo­bei die Be­rech­nun­gen auf ei­ner zu op­ti­mis­ti­schen Wachs­tums­pro­gno­se von 2,5% pro Jahr ab 2011 be­ru­hen. Doch es wer­den weit­her­um Zwei­fel ge­äus­sert, ob die er­hoff­te Wachs­tums­dy­na­mik der­art schnell zu­rück­keh­ren wird. Aus­ser­dem ist es Frank­reich bei frü­he­ren Spar­run­den le­dig­lich ge­lun­gen, das De­fi­zit um 0,5 bis 0,7 Pro­zent­punk­te jähr­lich zu sen­ken. Das jet­zi­ge Ziel scheint da­mit we­nig rea­lis­tisch.

Die Ren­ten­re­form und die an­ge­kün­dig­ten Ein­spa­run­gen sind Ver­spre­chen, die die Märk­te und die Part­ner in der Eu­ro­päi­schen Uni­on be­ru­hi­gen sol­len. Vor rich­tig tie­fen Ein­schnit­ten aber schreckt die Re­gie­rung zu­rück. Schliess­lich er­in­nert sie sich gut an die Re­gie­rungs­zeit von Alain Jup­pé als Pre­mier­mi­nis­ter: Nach­dem Streiks 1995 das Land wo­chen­lang lahm­ge­legt hat­ten, muss­te er sei­ne Ren­ten­re­form fal­len las­sen. Zu­dem ste­hen 2012 wie­der Prä­si­dent­schafts­wah­len an – und die hat Sar­ko­zy be­reits im Blick. Ihm dro­hen je­doch auch jetzt Pro­tes­te, ob­wohl die Ren­ten­re­form viel mil­der aus­ge­fal­len ist als er­war­tet: Die Ge­werk­schaf­ten rie­fen für den 24. Ju­ni zu Ak­tio­nen auf und kün­dig­ten für den Herbst wei­te­re Kund­ge­bun­gen an.

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