Kei­ne Angst vor der Zins­wen­de

Füh­ren­de Zen­tral­ban­ken wer­den die Geld­po­li­tik noch lan­ge nicht straf­fen – Dort, wo die Geld­po­li­tik nor­ma­li­siert wird, stei­gen die An­lei­hen­ren­di­ten kaum

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ANDRE­AS NEINHAUS

Eu­ro­pa schramm­te in der ers­ten Mai­wo­che haar­scharf an ei­nem Crash auf den Fi­nanz­märk­ten vor­bei. Die­se Mei­nung ver­tritt die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) in ih­rem am Don­ners­tag ver­öf­fent­lich­ten Mo­nats­be­richt. Aus­ge­hend von den Sor­gen an den Staats­an­lei­hen­märk­ten über ei­ne Schul­den­um­struk­tu­rie­rung in Grie­chen­land und ei­ne An­ste­ckung Por­tu­gals und Ir­lands sei da­mals der Fun­ke auf die Geld­märk­te über­ge­sprun­gen. Nicht nur un­be­si­cher­te Ter­min-, son­dern so­gar Über­nacht­kon­trak­te wur­den zu­se­hends il­li­qui­de, der Zu­gang zu Dol­lar­fi­nan­zie­run­gen wur­de plötz­lich schwie­rig. Wird den Ban­ken der Weg zur Re­fi­nan­zie­rung ver­sperrt, re­agie­ren die Ak­ti­en­bör­sen. Schlim­me­res wur­de nur ver­mie­den, weil die Wäh­rungs­hü­ter so­fort Not­fall­mass­nah­men er­grif­fen.

Die EZB in­ter­ve­nier­te di­rekt im Staats­an­lei­hen­markt und kauf­te be­son­ders ge­fähr­de­te Pa­pie­re, und sie be­schloss wei­te­re Li­qui­di­täts­auk­tio­nen für die Ban­ken. Die US-No­ten­bank ver­ein­bar­te mit Zen­tral­ban­ken im Aus­land Dol­lar­s­waps, um ge­nü­gend Li­qui­di­tät in der US-Va­lu­ta zur Ver­fü­gung zu stel­len. Am Wo­che­n­en­de vom 8./9. Mai wur­de noch ei­ne an­de­re wich­ti­ge Wei­che ge­stellt: Still­schwei­gend wur­de ak­zep­tiert, dass mit der ers­ten Leit­zins­er­hö­hung noch län­ger zu­ge­war­tet wer­den muss als bis­her an­ge­nom­men.

Vor­sich­ti­ge Zins­pro­gno­sen

Die Ana­lys­ten der US-Bank Mor­gan St­an­ley er­war­ten kei­ne Zins­er­hö­hung der No­ten­ban­ken in der Eu­ro­zo­ne, den USA und Gross­bri­tan­ni­en mehr in die­sem Jahr. Sie rech­nen – ent­ge­gen dem Markt­kon­sens – so­gar da­mit, dass die Bank of Ja­pan im Herbst den Ta­ges­geld­satz von 0,1 auf 0,05% leicht sen­ken wird.

Im Früh­jahr 2011 wer­de das US-Fe­deral-Re­ser­ve dann erst­mals den Ziel­satz für Fe­deral Funds, den es seit De­zem­ber 2008 zwi­schen 0 und 0,25% hält, auf 0,5% er­hö­hen und bis En­de des Jah­res auf 2,5% an­he­ben. Das ist an­ge­sichts der er­war­te­ten ver­gleichs­wei­se ro­bus­ten Kon­junk­tur­ent­wick­lung ge­recht­fer­tigt: Das US-Wirt­schafts­wachs­tum soll sich 2011 auf durch­schnitt­lich 3,3% bzw. ein­schliess­lich In­fla­ti­on auf no­mi­nal 5,7% be­lau­fen. Das Fed geht von ver­gleich­ba­ren An­nah­men für die US-Kon­junk­tur aus.

Den­noch liegt Mor­gan St­an­ley mit die­sen Zins­er­war­tun­gen am obe­ren En­de der Ska­la. Die Kol­le­gen von Bar­clays Ca­pi­tal ge­hen zwar eben­falls von ei­ner Nor­ma­li­sie­rung aus, al­ler­dings nicht über 1,75% bis En­de 2011. Gold­man Sachs er­war­tet we­ni­ger Wachs­tum und hält die Vor­aus­set­zun­gen nicht für ge­ge­ben, dass das Fed 2011 die Leit­zin­sen her­auf­set­zen wird. In- ter­es­san­ter­wei­se er­hielt die­se Ex­trem­an­sicht kürz­lich durch ein For­schungs­pa­pier der US-Di­strikt­no­ten­bank von San Fran­cis­co mo­ra­li­sche Un­ter­stüt­zung. Es ar­gu­men­tiert, dass an­hand der Tay­lorRe­gel und des his­to­ri­schen Ver­hal­tens der US-No­ten­bank das Fed frü­hes­tens 2012 die Kon­di­tio­nen straf­fen müs­se.

Kom­men­den Di­ens­tag tagt der für die Zins­po­li­tik zu­stän­di­ge Of­fen­markt­aus­schuss des Fe­deral Re­ser­ve. An­le­ger soll­ten ge­nau ver­fol­gen, wie viel Ge­wicht das Gre­mi­um der wirt­schaft­li­chen Er­ho­lung und der Not­wen­dig­keit ei­ner geld­po­li­ti­schen Nor­ma­li­sie­rung bei­misst.

Un­ter­neh­mens­ti­tel im Vor­teil

In der Eu­ro­zo­ne dürf­te die EZB bis zu ei­ner ers­ten Straf­fung noch ein Jahr war­ten. Zu gross ist der Druck, die Geld-und An­lei­hen­märk­te stress­frei zu hal­ten und die Staa­ten nicht in ih­rer schmerz­haf­ten Haus­halts­sa­nie­rung zu be­hin­dern. Wie in den USA kön­nen die Markt­zin­sen je­doch nicht mehr tie­fer fal­len und wer­den all­mäh­lich an­zie­hen. Als ers­tes In­diz für ei­ne Nor­ma­li­sie­rung kann der Ta­ges­geld­satz im Eu­ro-In­ter­ban­ken­ge­schäft Eo­nia be­trach­tet wer­den. Er no­tiert an­ders als frü­her nicht na­he dem zen­tra­len Leit­zins (1%), son­dern na­he der tie­fen EZB-Ein­la­gen­ver­zin­sung (0,25%), seit die Zen­tral­bank bei Li­qui­di­täts­ge­schäf­ten sämt­li­che Ge­bo­te der Ban­ken voll­um­fäng­lich zu­teilt. Die EZB ver­sucht, die­se Vor­aus­set­zung zu­min­dest bis Herbst auf­recht­zu­er­hal­ten.

An den in­ter­na­tio­na­len An­lei­hen­märk­ten dreht sich der­zeit al­les um Bo­ni­täts­über­le­gun­gen. Nur erst­klas­si­ge Qua­li­tät wird nach­ge­fragt, al­les an­de­re mit zum Teil über­trie­be­nen Preis­ab­schlä­gen be­legt. Das bie­tet in Pha­sen der Markt­schwä­che Ge­le­gen­heit, be­kann­te Un­ter­neh­mens­schuld­ner mit ei­ner über­zeu­gen­den Bi­lanz güns­tig zu er­wer­ben. Mit Blick auf die an­hal­ten­de Er­ho­lung der Welt­wirt­schaft ver­spre­chen Fir­men­an­lei­hen die bes­ten Chan­cen.

Staats­pa­pie­re sind an­ge­sichts der bei­spiel­los ho­hen Ver­schul­dung vie­ler Län­der wei­ter­hin mit gros­sen Kurs­ri­si­ken be­haf­tet. Hin­zu kom­men po­li­ti­sche Un­si­cher­hei­ten, an­ge­fan­gen von den Re­gie­rungs­mehr­hei­ten für ei­ne Sa­nie­rung der Staats­fi­nan­zen bis zur Be­reit­schaft in der Eu­ro­zo­ne, die Schul­den ei­nes Mit­glied­lan­des um­zu­struk­tu­rie­ren.

In den we­ni­gen Län­dern, wo die No­ten­ban­ken be­reits be­gon­nen ha­ben, die tie­fen Leit­zin­sen zu er­hö­hen, sind des­we­gen die An­lei­hen­ren­di­ten kaum ge­stie­gen bzw. die Kur­se nicht ge­fal­len. Da­für ha­ben sich die Wäh­run­gen auf­ge­wer­tet. Va­ria­bel ver­zins­te Pa­pie­re sind ei­ne sinn­vol­le Si­cher­heits­vor­keh­rung. An­le­ger soll­ten da­her die an­ste­hen­de Zins­wen­de nicht fürch­ten – son­dern sie nut­zen.

Auf der Su­che nach Mehr­heits­po­si­tio­nen: Am EU-Gip­fel folg­ten die Teil­neh­mer weit­ge­hend der Li­nie von Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel.

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