Wel­cher Schul­den­stand ist über­haupt re­le­vant?

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - AN

Am Don­ners­tag ei­nig­ten sich die Staats-und Re­gie­rungs­chefs der EU dar­auf, Brüssel mehr Kom­pe­ten­zen zu ver­lei­hen, um die Re­geln des Sta­bi­li­täts­pakts durch­zu­set­zen. Ab 2011 müs­sen na­tio­na­le Re­gie­run­gen ih­ren Haus­halt­ent­wurf der Kom­mis­si­on vor­le­gen, be­vor da­heim die Par­la­men­te über ihn ab­ge­stimmt ha­ben (eu­ro­päi­sches Se­mes­ter). Was in der De­bat­te häu­fig un­ter­geht: Der Schul­den­stand lässt sich un­ter­schied­lich de­fi­nie­ren. Das Maas­trich­ter Kon­zept, an dem sich der Sta­bi­li­täts­pakt aus­rich­tet, um­fasst al­le staat­li­chen Ver­bind­lich­kei­ten in Form von of­fe­nen Rech­nun­gen und Ein­la­gen, Kre­di­ten und Wert­pa­pie­ren oh­ne Ak­ti­en. Nicht er­fasst sind be­stimm­te Fi­nanz­in­stru­men­te wie De­ri­va­te und Han­dels­kre­di­te. Die zwei­te of­fi­zi­el­le De­fi­ni­ti­on ba­siert auf der Volks­wirt­schaft­li­chen Ge­samt­rech­nung ESVG 95. Sie ist wei­ter ge­fasst und ent­hält die im Maas­trich­ter Kon­zept aus­ge­klam­mer­ten Fi­nanz­de­ri­va­te.

Ge­mäss der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) er­ge­ben sich be­acht­li­che Dif­fe­ren­zen. Die öf­fent­li­chen Schul­den be­lie­fen sich im Eu­ro­raum En­de 2009 auf 78,7% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP), ge­mäss Maas­trich­ter Kon­zept. Be­rech­net nach ESVG 95 fiel die Schul­den­quo­te mit 91,5% weit hö­her aus. In den ers­ten zehn Jah­ren der Wäh­rungs­uni­on hat der Un­ter­schied zwi­schen den bei­den Ab­gren­zun­gen stets 12 Pro­zent­punk­te be­tra­gen (vgl. Gra­fik). Ne­ben der Fra­ge der In­stru­men­te spielt da­bei die Be­wer­tung ei­ne Rol­le: ESVG 95 er­fasst Ver­bind­lich­kei­ten zum Markt­wert, Maas­tricht hin­ge­gen die Fi­nanz­in­stru­men­te zum No­mi­nal­wert.

In bei­den Fäl­len wird die Brut­to­ver­schul­dung aus­ge­wie­sen. Sie ist für An­le­ger von Be­deu­tung, weil ihr Ge­gen­wert über An­lei­hen, Geld­markt­pa­pie­re und Kre­di­te fi­nan­ziert wer­den muss. Öko­no­men be­vor- zu­gen mit Blick auf die Sol­venz ei­nes Staats die Net­to­staats­ver­schul­dung: Sie zie­hen das vom Staat ge­hal­te­ne Fi­nanz­ver­mö­gen (vgl. Gra­fik) von den Ver­bind­lich­kei­ten ab. En­de 2009 be­lief es sich auf 38%, so­dass die ent­spre­chen­de Net­to­schul­den­quo­te 53,4% des BIP aus­mach­te.

Die EZB hält die Net­to­ver­schul­dung als Richt­grös­se nur für be­grenzt aus­sa­ge­kräf­tig. Denn ein­zig 41% des Ver­mö­gens sei­en li­qui­de und könn­ten im Ernst­fall rasch zur Til­gung der Schul­den mo­bi­li­siert wer­den.

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