US-Fi­nanz­markt­re­form ist vol­ler Un­ge­reimt­hei­ten

Ge­winn­po­ten­zi­al der Ban­ken mar­kant ein­ge­schränkt – Zwei­fel am Nut­zen – Ak­ti­en mei­den

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - JAN BAU­MANN,

Die Par­la­men­ta­ri­er sind be­müht, die Re­form der Fi­nanz­markt­re­gu­lie­rung rasch zu En­de zu brin­gen. Doch ob­schon die US-Re­gie­rung drängt, kommt die Ei­ni­gungs­kon­fe­renz von Se­nat und Re­prä­sen­tan­ten­haus nur schlep­pend vor­an. Schuld sind die De­tails: Je nach­dem, wel­che der zahl­rei­chen Re­gu­lie­rungs­va­ri­an­ten das Par­la­ment wählt, kommt das Pa­ket die Ban­ken mehr oder we­ni­ger teu­er zu ste­hen.

Im Ex­trem­fall könn­te et­wa die Er­trags­kraft der Wert­schrif­ten­häu­ser Gold­man Sachs und Mor­gan St­an­ley um rund ein Fünf­tel be­schnit­ten wer­den. Das zeigt Bran­chen­ana­lyst Keith Ho­ro­witz von Ci­ti­group in ei­ner neu­en Stu­die auf. Vor al­lem das Ei­gen­han­dels­ver­bot dürf­te den Ge­winn der bei­den Bro­ker schmä­lern.

Bes­ten­falls gut für Kun­den

Die Lis­te der Neue­run­gen im Re­gel­werk ist lang. Ein­zel­ne Ele­men­te – et­wa das Kre­dit­kar­ten­ge­setz und tiefere Kon­to­über­zugs­ge­büh­ren – sind zu­dem schon in Kraft ge­setzt wor­den. Sie wie­gen schwer für die drei im klas­si­schen Pri­vat­kun­den­ge­schäft tä­ti­gen Kon­zer­ne Bank of Ame­ri­ca, J. P. Mor­gan Cha­se und Ci­ti­group. Da­zu kommt nun, dass die Ban­ken im bar­geld­lo­sen Zah­lungs­ver­kehr mit De­bit­kar­ten (ent­spricht EC-Kar­ten in Eu­ro­pa) ge­rin­ge­re Ver­mitt­lungs­ge­büh­ren ab­zie­hen dür­fen. Dies al­lein be­deu­tet schät­zungs­wei­se je ei­nen Pro­zent­punkt we­ni­ger Ge­winn (sie­he Ta­bel­le). Er­heb­lich zu Bu­che schla­gen aus­ser­dem hö­he­re Gross­ban­ken­bei­trä­ge zur Fi­nan­zie­rung der staat­li­chen Ein­la­gen­ver­si­che­rung FDIC so­wie die Fi­nanz­kri­sen­ab­ga­be, mit der die Re­gie­rung in­ner­halb von zehn Jah­re 90 Mrd.$ her­ein­ho­len will.

Die Iro­nie der Sa­che ist, dass all die­se Auf­la­gen im Kre­dit­ge­schäft und im Zah­lungs­ver­kehr zwar die Pro­fi­ta­bi­li­tät der Ban­ken min­dern, sie aber nicht si­che­rer – al­so we­ni­ger ver­wund­bar durch ei­ne Fi­nanz­kri­se – ma­chen. Bes­ten­falls kom­men die Än­de­run­gen den Bank­kun­den zu­gu­te. Auch dies­be­züg­lich soll­ten sich die Po­li­ti­ker al­ler­dings kei­ne Il­lu­sio­nen ma­chen: Ei­nen gu­ten Teil der Min­der­ein­nah­men wer­den die Ban­ken kom­pen­sie­ren, in­dem sie die Kos­ten der schär­fe­ren Re­gu­lie­rung auf die Kon­su­men­ten über­wäl­zen. Die­ser Pro­zess hat be­reits be­gon­nen. Lau­fend er­hal­ten die Kun­den Post mit klein­ge­druck­ten In­for­ma­tio­nen zu neu­en Mo­da­li­tä­ten in der Be­rech­nung von Kon­to­über­zugs­ge­büh­ren. Auch wer­den ei­ni­ge Di­enst­leis­tun­gen, die bis­lang durch die reich­lich flies­sen­den Ein­nah­men aus dem Kre­dit­und De­bit­kar­ten­ge­schäft quer­sub­ven­tio­niert wur­den – und dank des­sen gra­tis wa­ren –, künf­tig ge­büh­ren­pflich­tig.

Auf der po­li­ti­schen Büh­ne steht der­weil et­was an­de­res im Vor­der­grund: Im No­vem­ber sind Zwi­schen­wah­len. Da wol­len sich die Volks­ver­tre­ter mit kon­su­men­ten­freund­li­chen Vor­la­gen pro­fi­lie­ren. Was die Ge­set­zes­än­de­run­gen dem Pu­bli­kum tat­säch­lich brin­gen, zeigt sich erst nach den Wah­len. Wich­tig scheint im ak­tu­el­len Um­feld zu sein, dass die Po­li­tik «et­was» un­ter­nimmt. Der Frust über die Fol­gen der Fi­nanz­kri­se ist gross. Die Ar­beits­lo­sig­keit be­trägt fast 10%; der US-Häu­ser­markt liegt nach wie vor im Ar­gen. Vie­len Leu­ten stösst es sau­er auf, wenn die Fi­nanz­bran­che we­ni­ge Mo­na­te nach dem kon­junk­tu­rel­len Tief schon wie­der an­sehn­lich ver­dient und teils üp­pi­ge Bo­ni ans Füh­rungs­per­so­nal ver­teilt. Am Pran­ger ste­hen vor al­lem die In­vest­ment­ban­ken und Bro­ker, al­len vor­an Gold­man Sachs. Die Be­trugs­kla­ge der Bör­sen­auf­sicht SEC von Mit­te April ver­gif­te­te die Stim­mung ge­gen das New Yor­ker Geld­haus zu­sätz­lich und trug da­zu bei, dass im Se­nat am 20. Mai ei­ne Mehr­heit zu­guns­ten der Fi­nanz­markt­re­form zu­stan­de kam.

Die Bro­ker pas­sen sich an

Gröss­ter Knack­punkt für Gold­man und Mor­gan St­an­ley ist die Vol­cker-Re­gel, be­nannt nach Ex-No­ten­bank­chef Paul Vol­cker. Sie sieht vor, dass FDIC-ge­schütz­te Ban­ken den Wert­schrif­ten­han­del nur im Auf­trag von Kun­den be­trei­ben, nicht auf ei­ge­nes Kon­to. Auch die als spe­ku­la­tiv gel­ten­den An­la­gen in Hedge Funds und Pri­va­te Equi­ty sol­len sämt­li­chen In­sti­tu­ten ver­wehrt sein, die vom FDIC-Si­cher­heits­netz pro­fi­tie­ren und pri­vi­le­gier­ten Zu­gang zum Dis­kont­fens­ter der US-No­ten­bank Fed ge­nies­sen. Wie ge­nau der Ei­gen­han­del vom Bro­ker­a­ge für Kun­den ab­zu­gren­zen sei, ist un­ge­klärt.

Bis zum Aus­bruch der Fi­nanz­kri­se vor zwei Jah­ren hat­ten die gros­sen Bro­ker auf­sichts­recht­lich ei­nen an­de­ren Sta­tus: Erst kurz nach dem Zu­sam­men­bruch von Leh­man Bro­thers im Sep­tem­ber 2008 wan­del­ten sie sich zu Ban­ken­hol­dings um und nah­men an der 700 Mrd.$ schwe­ren Tar­pStüt­zungs­ak­ti­on des Staa­tes teil. Nun, da die Märk­te wie­der leid­lich funk­tio­nie­ren, könn­ten die Bro­ker theo­re­tisch den vor­he­ri­gen Sta­tus an­neh­men. Sie wä­ren dann der Vol­cker-Re­gel nicht un­ter­wor­fen. Ernst­haft zie­hen sie das aber nicht in Er­wä­gung. Denn ei­nes ist ge­wiss: Der Schritt wür­de Par­la­ment und Re­gie­rung zu zu­sätz­li­cher Re­gu­lie­rung pro­vo­zie­ren. In di­rek­ter Kon­fron­ta­ti­on mit dem Staat ist auch in den USA kein gu­tes Bank-re­spek­ti­ve Bro­ker­ge­schäft mög­lich. Im ei­ge­nen In­ter­es­se wer­den sich die Wal­ls­treet-Häu­ser da­her dem Druck aus Washington beu­gen und Ban­ken­hol­dings blei­ben.

Der Ak­ti­en­markt hat sich auf die be­trüb­li­chen Aus­sich­ten im US-Bank­ge­schäft längst ein­ge­stellt. Es könn­te gar zu ei­nem Ent­las­tungs­ral­ly im Fi­nanz­seg­ment kom­men, so­bald die Re­form un­ter Dach ist – An­fang Ju­li soll es so weit sein. Für lang­fris­tig den­ken­de An­le­ger ist das aber kein Kauf­ar­gu­ment. Sie wer­den US-Gross­bank­ak­ti­en mei­den.

Am neu­en Haupt­sitz von Gold­man Sachs in New York dämpft die Re­form die Stim­mung.

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