Ja­pans Re­for­mer wan­deln sich zu Prag­ma­ti­kern

Tiefere Un­ter­neh­mens- und hö­he­re Mehr­wert­steu­er an­ge­strebt – Wachs­tum durch staat­li­che In­ves­ti­tio­nen – Spiel­raum ist eng

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - MAR­TIN FRITZ,

Ja­pans neu­er Pre­mier­mi­nis­ter Nao­to Kan und sei­ne De­mo­kra­ti­sche Par­tei ha­ben ih­re Wachs­tum­sam­bi­tio­nen nicht auf­ge­ge­ben: Bis 2020 soll das Brut­to­in­land­pro­dukt durch In­ves­ti­tio­nen in Um­welt­schutz, Ge­sund­heit, Tou­ris­mus und an­de­re Schlüs­sel­be­rei­che jähr­lich re­al um min­des­tens 2% stei­gen – das wä­re dop­pelt so schnell wie seit der Jahr­tau­send­wen­de und vier­mal so viel wie das von der No­ten­bank ge­schätz­te Po­ten­zi­al. Zu­gleich wol­len die Re­for­mer kei­ne Luft­schlös­ser mehr bau­en und die In­ves­ti­tio­nen so­li­de fi­nan­zie­ren, wäh­rend sie frü­he­re Wahl­ver­spre­chen als zu teu­er auf­ge­ge­ben ha­ben.

Die neue Wachs­tums­stra­te­gie soll bis zu 5 Mio. neue Ar­beits­plät­ze schaf­fen, wo­bei die Ar­beits­lo­sen­quo­te von jetzt über 5% schon bald auf 4% fal­len soll. Das gröss­te Hin­der­nis für ech­tes Wachs­tum blei­be je­doch die De­fla­ti­on, räumt die Re­gie­rung in dem 113 Sei­ten lan­gen Do­ku­ment ein. Sie ver­langt des­halb als ers­ten Schritt auf dem Weg zu mehr Nach­fra­ge ein En­de der De­fla­ti­on im Haus­halts­jahr 2011/12 (En­de März). Die Bank von Ja­pan müs­se «al­le An­stren­gun­gen» da­für un­ter­neh­men. Als zwei­te Ge­fahr be­trach­tet die Re­gie­rung ei­nen ex­zes­si­ven An­stieg des Yens, was die ja­pa­ni­schen Ex­por­te noch mehr be­ein­träch­ti­gen wür­de.

Der Staat soll sich auf sie­ben Be­rei­che kon­zen­trie­ren, um neu­es Wachs­tum zu er­zeu­gen. Im Um­welt­be­reich sol­len mit­hil­fe tech­no­lo­gi­scher In­no­va­tio­nen 1,4 Mio. neue Jobs ent­ste­hen. We­gen der al­tern­den Ge­sell­schaft wür­den in der Ge­sund­heits­ver­sor­gung knapp 2,9 Mio. neue Stel­len ge­schaf­fen. Ins­ge­samt könn­ten hier je 50 Bio. Yen (610 Mrd. Fr.) an Ex­tra-Wirt­schafts­leis­tung zu­stan­de kom­men. Auch dem Tou­ris­mus wird mit 560 000 Jobs und 12 Bio. Yen Um­satz gros­ses Po­ten­zi­al be­schei­nigt.

Stand­ort auf­wer­ten

Zu­dem will sich Ja­pan durch Steu­er­er­leich­te­run­gen und Sub­ven­tio­nen zum Asi­en-Haupt­quar­tier für in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne ent­wi­ckeln und da­bei mehr aus­län­di­sche In­ves­ti­tio­nen an­lo­cken.

Auch der al­te Traum von ei­nem be­deu­ten­den Fi­nanz­platz Tokio wird wie­der­be­lebt. Die Re­gie­rung plant da­für un­ter an­de­rem ei­ne schritt­wei­se Sen­kung der Un­ter­neh­mens­steu­ern von der­zeit knapp 41% auf das in­ter­na­tio­na­le Durch­schnitts­ni­veau von 25%.

Die Plä­ne stos­sen an zwei Punk­ten auf Kri­tik. Ers­tens bleibt der Staat wie in den letz­ten Jahr­zehn­ten Ja­pans gröss­ter In­ves­tor, der an­geb­lich weiss, auf wel­chen Fel­dern Ka­pi­tal am ef­fi­zi­en­tes­ten zum Ein­satz kommt, statt über­re­gu­lier­te Be­rei­che der Wirt­schaft zu öff­nen und so pri­va­te In­ves­ti­tio­nen an­zu­re­gen. Da­her wird be­fürch­tet, dass das Ka­pi­tal der pri­va­ten Un­ter­neh­men künf­tig noch stär­ker ins Aus­land ab­wan­dert. Zwei­tens ist nicht zu er­ken­nen, wo­her die Re­gie­rung das Ka­pi­tal für die not­wen­di­gen In­ves­ti­tio­nen neh­men will, oh­ne neue Schul­den zu ma­chen. So wür­de die Kür­zung der Un­ter­neh­mens­steu­er um 10 Pro­zent­punk­te über zehn Jah­re das BIP um 1,1% stei­gern, doch das ma­che nur zwei Drit­tel der Ein­nah­men­ver­lus­te für den Staat wett, er­rech­net das Daiichi-For­schungs­in­sti­tut.

We­gen der ho­hen Schul­den kann der Staat nur schwer mehr in­ves­tie­ren. So ist of­fen­bar ge­plant, die Staats­aus­ga­ben oh­ne Sub­ven­tio­nen an die Kom­mu­nen und oh­ne Schul­den­dienst wäh­rend der nächs­ten drei Jah­re auf 53,5 Bio. Yen ein­zu­frie­ren und die Neu­ver­schul­dung bei 44,3 Bio. Yen zu de­ckeln. So soll das pri­mä­re De­fi­zit – al­so die Haus­halts­lü­cke oh­ne Schul­den­dienst – bis März 2016 hal­biert und bis März 2021 auf null ver­rin­gert wer­den.

In ih­rem Pro­gramm für die Ober­haus­wahl am 11. Ju­li ver­zich­tet die DPJ be­reits dar­auf, das im April ein­ge­führ­te Kin­der­geld von 13000 Yen (160 Fr.) wie bis­lang ver­spro­chen zu ver­dop­peln. Statt­des­sen will man Krip­pen­plät­ze und Schul­mit­tag­es­sen be­zu­schus­sen. Auch an­de­re teu­re Wahl­ver­spre­chen aus dem Vor­jahr wie die Ab­schaf­fung der Au­to­bahn­ge­büh­ren tau­chen in dem Pro­gramm nicht mehr auf.

Knack­punkt Kon­s­um­steu­er

Doch der Knack­punkt bleibt die Mehr­wert­steu­er. Pre­mier­mi­nis­ter Kan hat an­ge­deu­tet, dass er sich ge­mein­sam mit der Op­po­si­ti­on ei­ne Ver­dop­pe­lung auf 10% vor­stel­len kann. Als frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt für die An­he­bung nann­te DPJ-Po­li­tik­chef Koi­chi­ro Gen­ma, of­fen­bar mit Blick auf die De­fla­ti­on, den Herbst 2012. Zu­dem ver­sprach Ka­bi­netts­se­kre­tär Yo­shi­hi­to Sen­go­ku vor ei­ner sol­chen Steu­er­er­hö­hung ei­ne Neu­wahl als ei­ne Art Volks­ab­stim­mung.

Die Ein­nah­men aus der Mehr­wert­steu­er stei­gen al­so erst spä­ter und wer­den vor­aus­sicht­lich für die jähr­lich um 1 Bio. Yen stei­gen­den So­zi­al­aus­ga­ben zweck­ge­bun­den. So we­nig fi­nan­zi­el­len Spiel­raum hat­te wohl noch kei­ne ja­pa­ni­sche Nach­kriegs­re­gie­rung. Oh­ne­hin muss sie zu­nächst bei der Ober­haus­wahl in drei Wo­chen ih­re nächs­te Feu­er­tau­fe über­ste­hen, be­vor sie ih­re Auf­ga­ben an­ge­hen kann.

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