Ent­schei­den die Klein­ak­tio­nä­re?

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND -

Volks­tü­me­lei oder Welt­of­fen­heit? Was sich in Po­len durch­set­zen wird, ent­schei­det sich am Sonn­tag, wenn die ers­te Run­de der Prä­si­dent­schafts­wah­len über die Büh­ne geht. Wä­re der jüngst ver­stor­be­ne Prä­si­dent Lech Kac­zyn­ski noch am Le­ben, wür­den die Wah­len wohl klar zu­guns­ten von Se­jm-Mar­schall Bro­nislaw Ko­mo­row­ski aus­ge­hen. Der Kan­di­dat der Rechts­li­be­ra­len liegt laut Um­fra­gen zwar im­mer noch in Füh­rung, doch die fast mys­tisch an­ge­hauch­te Volks­trau­er um die ver­un­glück­te Eli­te hat zur Fol­ge, dass ihm nun der frü­he­re Mi­nis­ter­prä­si­dent und Zwil­lings­bru­der des to­ten Prä­si­den­ten, Ja­roslaw Kac­zyn­ski, auf den Fer­sen liegt. Für den rechts­li­be­ra­len Ka­bi­netts­chef Do­nald Tusk könn­te sich mit der Wahl Kac­zyns­kis der Alb­traum fort­set­zen, dass ihm ein na­tio­nal-kon­ser­va­ti­ver Prä­si­dent, ob­wohl er kaum Exe­ku­tiv­voll­mach­ten hat, wei­ter­hin die Re­gie­rungs­ar­beit er­schwert, in­dem er wich­ti­ge Ge­set­zes­vor­schlä­ge trot­zig ab­lehnt. Dass Ja­roslaw den Fuss­stap­fen sei­nes ver­stor­be­nen Zwil­lings­bru­ders folgt, zeig­te sich im Zu­ge sei­ner Wahl­kam­pa­gne: Mit der fal­schen Be­haup­tung, dass Ko­mo­row­ski die Pri­va­ti­sie­rung des Ge­sund­heits­we­sens be­ab­sich­ti­ge, woll­te er Angst schü­ren. Pri­va­ti­sie­run­gen las­sen sich in Po­len je­doch längst nicht mehr zum Volks­ge­spenst hoch­sti­li­sie­ren. Als die Re­gie­rung im Mai den Gross­teil ih­res 55%-Ak­ti­en­pa­kets am Ver­si­che­rer PZU an der Bör­se pla­zier­te, zeig­te ei­ne Vier­tel­mil­li­on pol­ni­scher Klein­in­ves­to­ren re­ges In­ter­es­se an den Pa­pie­ren. Vie­le un­ter ih­nen wa­ren in Bör­sen­ge­schäf­ten gänz­lich un­er­fah­ren. Trotz Grie­chen­lan­dk­ri­se mach­ten PZU an der War­schau­er Bör­se gleich am ers­ten Han­dels­tag 15% Ge­winn. En­de Ju­ni soll sich die­se Er­folgs­sto­ry wie­der­ho­len, dies­mal mit dem Ak­ti­en­an­teil von 52%, den der Staat am Strom­rie­sen Tau­ron hält. Auf der IPO-Lis­te des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums ste­hen aus­ser­dem die Ti­tel zwei­er Che­mie­wer­ke. Die Chan­ce, ein Volk von Klein­ak­tio­nä­ren zu wer­den, nut­zen die Po­len of­fen­bar mit Be­geis­te­rung.

Die er­hoff­ten 25 Mrd. Zlo­ty aus dem Pri­va­ti­sie­rungs­pro­zess sol­len War­schau hel­fen, das Haus­halts­de­fi­zit von über 7% zu sa­nie­ren. Struk­tur­pro­ble­me löst das na­tür­lich nicht. Kurz­fris­tig hel­fen die Ein­nah­men je­doch, die Ge­samt­ver­schul­dung von 55% des BIP nicht zu über­schrei­ten; dann müss­te laut pol­ni­schem Ge­setz ri­go­ros die Spar­brem­se ge­zo­gen wer­den. Da­mit wä­re nicht nur das Wirt­schafts­wachs­tum (der­zeit 1,8%) in Ge­fahr: Im nächs­ten Jahr ist in Po­len näm­lich kaum mit Fis­kal­dis­zi­plin zu rech­nen, weil Par­la­ments­wah­len an­ste­hen. Und die sind wich­ti­ger als die Fra­ge, wer jetzt Prä­si­dent wird.

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