«Wie­ner Bör­se star­tet mit ei­nem Ki­lo­me­ter Vor­sprung»

Michael Buhl, Vor­stand der Wie­ner Bör­se, nimmt zu Ak­qui­si­ti­ons­plä­nen in Ost­eu­ro­pa, der Kon­kur­renz zur Aim und zur Ko­ope­ra­ti­on mit der Deut­schen Bör­se Stel­lung

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - JAN SCHWAL­BE

Als ei­ne der äl­tes­ten Bör­sen der Welt hat die 1771 ge­grün­de­te Wie­ner Bör­se gros­se Tra­di­ti­on. Mit Hil­fe von Ak­qui­si­tio­nen in Ost­eu­ro­pa soll aus der im Ver­hält­nis zur SIX Swiss Ex­ch­an­ge deut­lich klei­ne­ren Bör­se ein wich­ti­ges Bör­sen­zen­trum wer­den. Mit den Zu­käu­fen der Bör­sen Bu­da­pest, Ljublja­na und Prag ist un­ter dem Na­men CEE Stock Ex­ch­an­ge Group (CEESEG), die auch die Wie­ner Bör­se um­fasst, be­reits die gröss­te Bör­sen­grup­pe Ost­eu­ro­pas (die rus­si­schen Re­pu­bli­ken aus­ge­klam­mert) her­an­ge­wach­sen. Mit ei­nem Markt­an­teil von 44,4% hat die CEESEG den gros­sen Wett­be­wer­ber War­schau (37,9%) ab­ge­hängt. Michael Buhl, Vor­stands­mit­glied der Wie­ner Bör­se und der CEESEG, er­klärt da­zu: «Es ist zwar ein Wett­lauf mit Po­len; doch ei­ner, in dem wir mit ei­nem Ki­lo­me­ter Vor­sprung star­ten.»

Ei­nes der Ak­qui­si­ti­ons­ob­jek­te ist die Bör­se in Bra­tis­la­va. Buhl hofft, dass sich dank der neu­en Re­gie­rung in der Slo­wa­kei auch die Be­sitz­struk­tur der Bör­se än­dert. Sein Ziel ist, im End­ef­fekt sämt­li­che ost­eu­ro­päi­sche Bör­sen un­ter ei­nem Dach zu ver­ei­nen. Im Vi­sier dürf­ten da­zu auch die noch staat­li­chen Bör­sen in Bu­ka­rest, Sa­ra­je­wo und Ban­ja Lu­ka sein.

Ge­gen Vor­ur­tei­le kämp­fen

Die Wie­ner Bör­se be­fin­det sich in Pri­vat­be­sitz. Sie ge­hört zu 52% ös­ter­rei­chi­schen Ban­ken und zu 48% ös­ter­rei­chi­schen Un­ter­neh­men. Der Um­satz war in den letz­ten Jah­ren rück­läu­fig. Der Wie­ner Bör­se fällt es schwer, die ein­hei­mi­schen An­le­ger zu be­geis­tern. Nur 11% des Um­sat­zes der CEESEG stam­men von in­sti­tu­tio­nel­len ös­ter­rei­chi­schen In­ves­to­ren. Michael Buhl fügt da­zu an: «Al­les, was aus­ser­halb von Ös­ter­reich ist, wird hier­zu­lan­de als bes­ser an­ge­se­hen. Wir kämp­fen ge­gen die­ses Vor­ur­teil.» 46% des Um­sat­zes ge­ne­rie­ren an­gel­säch­si­sche In­ves­to­ren (vgl. Gra­fik). Die Schwei­zer An­le­ger ma­chen le­dig­lich 4% aus. Dass Ös­ter­reich nicht über so nam­haf­te Blue Chips wie die Schweiz ver­fügt, ist ein Nach­teil und er­schwert die Ver­mark­tung der Bör­se. Dem ist sich auch Buhl be­wusst.

Ein Wachs­tums­seg­ment der Wie­ner Bör­se ist der De­ri­vat­han­del. Seit April wird über das Eur­ex-Sys­tem der deutsch­schwei­ze­ri­schen Ter­min­bör­se ge­han­delt. Zu­vor lief das Ge­schäft über das Sys­tem der skan­di­na­vi­schen OMX-Nas­daq. Buhl be­män­gelt, dass der Ser­vice seit der Über­nah­me der OMX durch die US-Tech­no­lo­gie­bör­se deut­lich nach­ge­las­sen hat­te. Durch die Ein­füh­rung des Eur­ex-Sys­tems ist der Um­satz ge­stie­gen. Sechs gros­se in­ter­na­tio­na­le Fi­nanz­häu­ser – bis­her wa­ren le­dig­lich ös­ter­rei­chi­sche Ban­ken ak­tiv – ha­ben zu­dem In­ter­es­se an ei­ner An­bin­dung be­kun­det.

Zen­trum für Bör­sen­gän­ge?

Die Zu­sam­men­ar­beit mit der Deut­schen Bör­se ist frucht­bar. Die Wie­ner Bör­se han­delt seit 1999 auf dem Xe­tra-Sys­tem. In­ner­halb von drei Jah­ren sol­len auch Prag, Bu­da­pest und Ljublja­na mit dem deut­schen Han­dels­sys­tem aus­ge­rüs­tet sein. Das wird zu ei­nem Um­satz­schub füh­ren.

Buhl ist da­von über­zeugt, dass lo­ka­le Bör­sen auch in Zu­kunft ih­re Be­rech­ti­gung ha­ben. Ein lu­kra­ti­ves Wachs­tums­seg­ment sind für ihn Bör­sen­gän­ge aus Ost­eu­ro­pa. Nach­dem sich in den letz­ten Jah­ren die meis­ten ost­eu­ro­päi­schen Un­ter­neh­men über den Lon­do­ner Al­ter­na­tiv In­vest­ment Mar­ket (Aim) dem Pu­bli­kum ge­öff­net hat­ten, zeich­net sich ei­ne Trend­wen­de ab.

«Der Aim hat sich aus dem Markt ge­schos­sen. Emis­sio­nen wer­den nicht ge­pflegt», spricht Buhl die feh­len­de Li­qui­di­tät am Lon­do­ner Ju­nior­markt an. Vie­le Un­ter­neh­men ha­ben in London schmerz­lich er­fah­ren, dass der Zu­gang zum Ka­pi­tal­markt nach der Emis­si­on für sie ver­rie­gelt war. «Es hilft, wenn die Me­di­en über ein Un­ter­neh­men be­rich­ten und Ana­lys­ten vor Ort sind, die sich den Ak­ti­en wid­men», dop­pelt der Bör­sen­vor­stand nach.

Ei­nen Bör­sen­gang der Wie­ner Bör­se oder der CEESEG will Buhl zwar nicht aus­schlies­sen. «Wer ko­tiert ist, ist an­greif­ba­rer, und es wird schwie­ri­ger, lang­fris­ti­ge Zie­le zu ver­fol­gen», gibt er zu be­den­ken. In den kom­men­den Jah­ren wird sich ent­schei­den, ob die CEESEG und die Wie­ner Bör­se den Wett­lauf mit War­schau ge­win­nen und die Füh­rung im Han­del mit ost­eu­ro­päi­schen Ak­ti­en ze­men­tie­ren. Die Chan­cen da­zu ste­hen gut.

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