Der zwei­te An­lauf

Mit ei­nem über­ar­bei­ten Phae­ton will Volks­wa­gen noch­mals die eta­blier­te Kon­kur­renz auf­mi­schen – Ab En­de Au­gust auf dem Schwei­zer Markt

Finanz und Wirtschaft - - AUTOMOBIL - PE­TER RUCH

DPo­ten­zi­al in Eu­ro­pa

er 2002 lan­cier­te Volks­wa­gen Phae­ton war in Eu­ro­pa nie das er­hoff­te Er­folgs­mo­dell. Ob­wohl in der Glä­ser­nen Ma­nu­fak­tur in Dres­den mit viel Hand­ar­beit ge­fer­tigt, schaff­te es der Ober­klas­sen-VW nie, sich ge­gen die eta­blier­ten Kon­kur­ren­ten durch­zu­set­zen. In der Schweiz sind 2010 ge­ra­de mal neun Fahr­zeu­ge be­stellt oder schon aus­ge­lie­fert wor­den – was aber na­tür­lich auch an der be­vor­ste­hen­den Mo­dell­ab­lö­sung lag.

Et­was an­ders sieht die Si­tua­ti­on in Asi­en aus. 2009 fan­den über 4000 Phae­ton ei­nen Käu­fer al­lein in Chi­na, rund 1000 Stück wur­den in Süd­ko­rea ab­ge­setzt. Mit dem Face­lift hat VW denn auch mehr den asia­ti­schen Markt im Fo­kus denn die sehr ver­wöhn­te eu­ro­päi­sche Kund­schaft. Da­bei hat die zwei­te Ver­si­on des gröss­ten VW auch in Eu­ro­pa durch­aus das Zeug da­zu, in der Ober­klas­se zu ei­nem fes­ten Wert zu wer­den. Mit der über­ar­bei­te­ten Front wirkt der neue Phae­ton nun deut­lich bul­li­ger, und na­tür­lich kom­men vor­ne wie hin­ten auf­fäl­li­ge LED-Leuch­ten zum Ein­satz. Das Grund­kon­zept blieb aber er­hal­ten. So gibt’s den neu­en Phae­ton auch wie­der mit zwei un­ter­schied­li­chen Rad­stän­den, All­rad­an­trieb und ei­ner sehr kom­for­ta­blen Luft­fe­de­rung. Nach wie vor ein Hoch­ge­nuss ist die fast zug­frei ar­bei­ten­de Kli­ma­an­la­ge, die Ver­ar­bei­tung ist auf sehr ho­hem Ni­veau.

Da er­staunt es um so mehr, dass es VW im Zu­ge der Über­ar­bei­tung nicht ge­schafft hat, den im Ver­gleich zu den an­de­ren Be­dien­ele­men­ten sehr bil­lig wir­ken­den Licht­schal­ter durch ein ed­le­res Teil zu er­set­zen. Die Chi­ne­sen wird das we­nig stö­ren, denn im Reich der Mit­te gilt der Phae­ton als Chauf­feur­li­mou­si­ne, der Be­sit­zer des Au­tos sitzt hin­ten. Eben­so we­nig stört in Chi­na die Tat­sa­che, dass der Phae­ton längst nicht so pres­ti­ge­träch­tig ist wie ein Au­di A8, ein Sie­be­ner-BMW oder ei­ne Mer­ce­des-S-Klas­se.

Auch be­tref­fend Fahr­dy­na­mik kommt der Wolfs­bur­ger nicht an sei­ne gros­sen Kon­kur­ren­ten her­an, der gros­se, eben­falls erst kürz­lich kom­plett er­neu­er­te Au­di oder der Sie­be­ner sind deut­lich dy­na­mi­scher. Da­für glänzt der auch in der Kurz­ver­si­on deut­lich über 5m lan­ge Phae­ton mit her­vor­ra­gen­dem Fahr­kom­fort und ei­nem sehr feu­da­len Rau­m­an­ge­bot im Fond. Wie schon beim Vor­gän­ger sind dort wahl­wei­se ei­ne Sitz­bank (to­tal fünf Plät­ze) oder zwei Ein­zel­sit­ze er­hält­lich.

Die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on des VW Phae­ton kann mit den mo­derns­ten As­sis­tenz- sys­te­men auf­war­ten, die der­zeit auf dem Markt er­hält­lich sind. Ein Ab­stands­tem­po­mat, der den Wa­gen auf Wunsch au­to­ma­tisch bis zum Still­stand ab­bremst, ist nun eben­so lie­fer­bar wie Aus­sen­spie­gel, die optisch vor Fahr­zeu­gen im to­ten Win­kel war­nen. Oder wie wä­re es mit der An­bin­dung ans In­ter­net, durch die sich zum Bei­spiel Re­stau­rant­adres­sen di­rekt ins Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem über­neh­men las­sen?

Ein wei­te­res High­light ist die ad­ap­ti­ve Licht­re­ge­lung, die durch Ka­me­ra­er­ken­nung an­de­rer Fahr­zeu­ge für ei­ne mög­lichst op­ti­ma­le Fahr­bahn­aus­leuch­tung sorgt. Zahl­rei­che die­ser Gim­micks sind na­tür­lich nicht im Grund­preis von 95900 Fr. ( V6-Ben­zi­ner mit kur­zem Rad- stand) in­be­grif­fen, doch das ist bei den Kon­kur­renz­mo­del­len aus Deutsch­land ja auch nicht an­ders.

Kraft­voll und spar­sam

Wer sei­nen Phae­ton stan­des­ge­mäss mo­to­ri­sie­ren möch­te, greift zum Zwölf­zy­lin­der mit 331 kW/450 PS (14,5 l/ 100 km). Für den schma­le­ren Geld­beu­tel oder das öko­lo­gi­sche Ge­wis­sen gibt’s ei­nen V8 mit 261 kW/355 PS, der mit 12,5 l pro 100 km aus­kom­men soll. Deut­lich ef­fi­zi­en­ter sind da die bei­den V6-Mo­to­ren. Der Ben­zi­ner leis­tet 206 kW/ 280 PS und ver­hilft dem klar über zwei Ton­nen wie­gen­den Au­to zu aus­rei­chen­den Fahr­leis­tun­gen, soll laut Werk da­bei im Schnitt 11,4 l/100 km durch die Ein­spritz­dü­sen pres­sen. In Sa­chen Ver­brauch klar der sinn­volls­te Mo­tor ist der V6-Die­sel, der sich mit le­dig­lich 8,5 l/ 100 km zu­frie­den­ge­ben soll.

Der Phae­ton ist nicht nur we­gen sei­ner hoch­wer­ti­gen Ver­ar­bei­tung, sei­ner teils sehr po­ten­ten Mo­to­ren und sei­nes de­zen­ten Auf­tritts ein sehr ex­klu­si­ves Au­to; man muss nicht fürch­ten, an je­der Ecke auf ei­nen Phae­ton zu tref­fen. Und man be­kommt für viel Geld auch sehr viel Au­to. Wer al­so auf die pres­ti­ge­träch­ti­gen Au­diRin­ge, die mar­kan­te BMW-Nie­re oder den Stern auf der Hau­be ver­zich­ten kann, wird mit dem neu­en Phae­ton si­cher glück­lich. Pe­ter Ruch ist frei­er Au­to­jour­na­list und Mit­glied der «Au­to des Jah­res»-Ju­ry.

Mar­kant, mo­dern, at­trak­tiv: Front und Heck des neu­en VW Phae­ton wur­den leicht, aber ef­fekt­voll über­ar­bei­tet. Das feu­da­le In­te­ri­eur ist erst­klas­sig in Qua­li­tät und An­mu­tung.

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