Ener­gie­po­li­tik oh­ne Biss

Als Wahl­kämp­fer be­schwor Ba­rack Oba­ma noch die en­er­gie­po­li­ti­sche Wen­de. Als Prä­si­dent beugt er sich zu­neh­mend den Zwän­gen des ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik­be­triebs. MAR­TIN GOLLMER

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Die Re­de ver­sprach wich­tig zu wer­den. Da­von zeug­te der Ort, den US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma ver­gan­ge­ne Wo­che für sei­nen Fern­seh­auf­tritt zur bes­ten Sen­de­zeit ge­wählt hat­te: das Oval Of­fice, sein Bü­ro im Weis­sen Haus. Oba­mas Vor­gän­ger hat­ten das be­deu­tungs­schwan­ge­re Zen­trum der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik je­weils als Platt­form be­nutzt, wenn die USA vor gros­sen Her­aus­for­de­run­gen stan­den. Oder wenn weit­rei­chen­de Ent­schei­dun­gen zu fäl­len wa­ren, die es not­wen­dig mach­ten, dass das ame­ri­ka­ni­sche Volk zu­sam­men­stand und ge­mein­sam zu neu­en Ufern auf­brach.

Oba­ma hat es in sei­ner bis­he­ri­gen an­dert­halb­jäh­ri­gen Amts­zeit nicht an The­men ge­fehlt, um sich aus dem Oval Of­fice an die Na­ti­on wen­den zu kön­nen: ei­ne Fi­nanz­markt­kri­se, die das Ban­ken­sys­tem an den Rand des Un­ter­gangs brach­te, die schwers­te Re­zes­si­on seit Jahr­zehn­ten, das Mil­li­ar­den Dol­lar ver­schlin­gen­de Ge­sund­heits­sys­tem, das trotz­dem Mil­lio­nen von Ame­ri­ka­nern aussen vor liess, die Krie­ge im Irak und in Af­gha­nis­tan, die oh­ne En­de zu sein schei­nen. Doch schliess­lich war es die Öl­ka­ta­stro­phe im Golf von Me­xi­ko, die Oba­ma da­zu brach­te, zum ers­ten Mal aus sei­nem Bü­ro zum Volk zu spre­chen.

Zu we­nig en­er­gisch

Oba­ma, dem vor­ge­wor­fen wur­de, zu we­nig en­er­gisch auf die dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­se im Golf re­agiert zu ha­ben, be­schränk­te sich denn auch nicht dar­auf, klein­krä­me­risch auf­zu­zäh­len, was sei­ne Re­gie­rung zur Be­wäl­ti­gung der Ka­ta­stro­phe al­les schon ge­tan ha­be und noch tun wer­de. Er nutz­te den for­mell-fei­er­li­chen Rah­men des Oval Of­fice auch, um die Not­wen­dig­keit ei­ner neu­en, nach­hal­ti­gen Ener­gie­po­li­tik für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten her­aus­zu­strei­chen.

Ei­ne Wen­de in der US-Ener­gie­po­li­tik weg von den schmut­zi­gen fos­si­len Bren­nund Treib­stof­fen Koh­le, Öl und Gas hin zu sau­be­ren Ener­gie­quel­len wie Son­ne und Wind hat­te Oba­ma schon im Wahl­kampf ver­spro­chen. Ei­nen Teil sei­ner Ver­spre­chen lös­te der Prä­si­dent be­reits in den ers­ten Mo­na­ten sei­ner Amts­zeit ein, als er in ein rie­si­ges Pa­ket zur Wie­der­an­kur­be­lung der US-Kon­junk­tur auch mil­li­ar­den­schwe­re Mass­nah­men zur För­de­rung der Son­nen-und Wind­ener­gie, zur Mo­der­ni­sie­rung des Strom­ver­tei­lungs­net­zes (Smart Grid) so­wie zur en­er­ge­ti­schen Sa­nie­rung von Ge­bäu­den ein­brach­te. Spä­ter folg­ten Vor­schrif­ten, mit de­nen der Treib­stoff­ver­brauch von in den USA ge­bau­ten Per­so­nen­wa­gen und Klein­las­tern den Stan­dards aus­län­di­scher Fahr­zeu­ge an­ge­nä­hert wer­den soll­te.

Im Ju­ni vor ei­nem Jahr ver­ab­schie­de­te dann das Re­prä­sen­tan­ten­haus ein um- fas­sen­des, für ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se weit­rei­chen­des Ener­gie-und Kli­ma­ge­setz, das un­ter an­de­rem die Ein­füh­rung ei­nes Emis­si­ons­han­dels­sys­tems mit kon­ti­nu­ier­lich sin­ken­den Ober­gren­zen für den Aus­stoss des be­son­ders kli­ma­schäd­li­chen Treib­haus­ga­ses CO2 vor­sah (Ca­pand-Tra­de-Sys­tem).

Doch dann kam Sand ins Ge­trie­be. Oba­ma und die re­gie­ren­den De­mo­kra­ten ver­lo­ren im Ja­nu­ar in ei­ner Nach­wahl im Se­nat die Su­per­mehr­heit von sech­zig Stim­men, die es ih­nen er­laubt hat­te, Blo­ckie­rungs­ver­su­che der Re­pu­bli­ka­ner ab- zu­weh­ren. Die end­gül­ti­ge Ver­ab­schie­dung des Ener­gie-und Kli­ma­ge­set­zes schien ver­un­mög­licht zu sein, zu­mal die Re­pu­bli­ka­ner, die das ge­plan­te Emis­si­ons­han­dels­sys­tem als gröss­te Steu­er­er­hö­hung al­ler Zei­ten brand­mark­ten, schon im Re­prä­sen­tan­ten­haus fast ge­schlos­sen ge­gen den Er­lass ge­stimmt hat­ten.

Auf der ver­zwei­fel­ten Su­che nach re­pu­bli­ka­ni­schen Stim­men be­gann Oba­ma Krö­ten zu schlu­cken. Zu­nächst re­ak­ti­vier­te er die Op­ti­on Atom­ener­gie. Im Fe­bru­ar sprach sei­ne Re­gie­rung aus ei­nem Fonds von 18,5 Mrd.$ ei­ne ers­te Bürg­schaft für ein neu­es Re­ak­tor­pro­jekt im Bun­des­staat Geor­gia. Kre­dit­ga­ran­ti­en für drei wei­te­re Vor­ha­ben sol­len dem­nächst fol­gen. Im Bud­get fürs Fis­kal­jahr 2011 ist vor­ge­se­hen, die­sen Topf auf 54,5 Mrd.$ auf­zu­sto­cken, um sie­ben bis zehn wei­te­re Pro­jek­te un­ter­stüt­zen zu kön­nen. Da­mit stei­gen die Chan­cen, dass in den USA erst­mals seit dem Un­fall 1979 im Atom­kraft­werk Th­ree Mi­le Is­land in der Nä­he von Har­ris­burg wie­der Re­ak­to­ren ge­baut wer­den. Oba­ma stand der Atom­ener­gie bis­her zwie­späl­tig ge­gen­über: Ei­ner­seits be­klag­te er das un­ge­lös­te Atom­müll­pro­blem, an­de­rer­seits sah er ihr Po­ten­zi­al als CO2-freie Ener­gie­quel­le.

Dann ent­schied er sich En­de März, die un­ter De­mo­kra­ten und Um­welt­schüt­zern um­strit­te­nen Off­s­hore-Boh­run­gen nach Öl und Gas in wei­te­ren Tei­len der ame­ri­ka­ni­schen Küs­ten­ge­wäs­ser zu­zu­las­sen. Bis­her wa­ren sol­che Boh­run­gen nur in ei­nem Teil des Golfs von Me­xi­ko er­laubt. Der Prä­si­dent ar­gu­men­tier­te, die er­wei­ter­te Nut­zung ein­hei­mi­scher Roh­stof­fe er­mög­li­che ei­ne un­ab­hän­gi­ge­re und si­che­re Ener­gie­ver­sor­gung der USA. Im Jahr 2008 stamm­ten 57% des in den USA ver- brauch­ten Öls aus dem Aus­land – ein be­trächt­li­cher Teil da­von aus dem Per­si­schen Golf und aus Afri­ka.

Doch dann mach­te die Öl­ka­ta­stro­phe im Golf von Me­xi­ko Oba­ma ei­nen neu­en Strich durch die Rech­nung. Der Un­ter­gang der Bohr­in­sel «Deep­wa­ter Ho­ri­zon» und die nach­fol­gen­de gi­gan­ti­sche Öl­pest im Golf von Me­xi­ko zei­gen, dass mit Off­s­hore-Boh­run­gen nach wie vor enor­me Ri­si­ken ver­bun­den sind.

Oba­ma sah sich ge­zwun­gen, ein Bohr­mo­ra­to­ri­um für tie­fe Ge­wäs­ser zu er­las­sen, bis die Un­ter­su­chung der Un­fall- ur­sa­che ab­ge­schlos­sen ist und zum Er­lass neu­er Si­cher­heits-und Über­wa­chungs­vor­schrif­ten ge­führt hat. Da­mit muss­te der Prä­si­dent wie­der auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs mit der Öl­in­dus­trie ge­hen und brach­te re­pu­bli­ka­ni­sche Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te er­neut ge­gen sich auf, die er eben noch für die Ver­ab­schie­dung des Ener­gie­und Kli­ma­ge­set­zes ge­won­nen glaub­te.

Zu we­nig mu­tig

Sein Pro­jekt ei­ner kli­ma­freund­li­chen Ener­gie­po­li­tik ist da­mit wei­ter­hin in der Schwe­be. Vor die­sem Hin­ter­grund wirk­te sei­ne Re­de aus dem Oval Of­fice selt­sam ver­hal­ten. Oba­ma er­läu­ter­te mit kei­nem Wort, wie sehr der mass­lo­se Um­gang des Lan­des mit Ener­gie die knap­pen Roh­stoff­re­ser­ven plün­dert und das Kli­ma be­las­tet. Nur ver­klau­su­liert mach­te er dar­auf auf­merk­sam, dass ein ef­fi­zi­en­te­rer Ein­satz von Ener­gie auch über hö­he­re Ener­gie­prei­se er­reicht wer­den muss. Die um­strit­te­ne Ein­füh­rung ei­nes CO2-Han­dels­sys­tems, die not­wen­dig wä­re, um sau­be­ren Ener­gie­trä­gern ge­gen­über schmut­zi­gen zum Durch­bruch zu ver­hel­fen, er­wähn­te er schon gar nicht mehr.

Ein flam­men­des, in­spi­rie­ren­des Plä­doy­er für ei­ne neue Ener­gie­po­li­tik war Oba­mas Re­de nicht. Er be­klag­te zwar, dass bis­her nicht nur Lob­by­is­ten, son­dern auch feh­len­der po­li­ti­scher Mut ei­ne en­er­gie­po­li­ti­sche Wen­de ver­hin­dert hät­ten. Aber er selbst re­de­te dem Volk we­der mu­tig ins Ge­wis­sen, noch ent­warf er kühn ei­ne nach­hal­ti­ge Ener­gie­zu­kunft. Oba­ma, der im Wahl­kampf mit Vi­sio­nen ge­glänzt hat­te, scheint sich im Prä­si­den­ten­amt den Zwän­gen des ame­ri­ka­ni­schen Po­lit­be­triebs ge­beugt zu ha­ben.

Oba­mas Re­de zur Öl­ka­ta­stro­phe im Golf von Me­xi­ko war nicht weg­wei­send, son­dern wirk­te selt­sam ver­hal­ten.

MAR­TIN GOLLMER

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