Po­lit-Stress

Brenn­ele­men­te­steu­er wird Er­geb­nis mas­siv be­las­ten – Un­klar­heit über AKW-Lauf­zeit­ver­län­ge­rung – Ak­ti­en neh­men be­reits viel Ne­ga­ti­ves vor­weg

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - DIETEGEN MÜL­LER,

Va­ge Aus­sich­ten für deut­sche Ver­sor­ger: Es dro­hen neue Steu­ern, und wo­mög­lich wer­den die Lauf­zei­ten von Kern­kraft­wer­ken nicht so ver­län­gert wie er­hofft. Trotz­dem gel­ten die Di­vi­den­den als si­cher.

Die deut­schen Ver­sor­ger sind der­zeit nicht zu be­nei­den. Die Spar­be­mü­hun­gen der Re­gie­rung, die zum Ziel ha­ben, die Schul­den­auf­nah­me über die nächs­ten drei Jah­re um gut 80 Mrd.€ zu ver­rin­gern, set­zen sich zu ei­nem er­heb­li­chen Teil nicht aus Ein­spa­run­gen, son­dern aus hö­he­ren For­de­run­gen des Staa­tes zu­sam­men. So sol­len die Strom­er­zeu­ger über ei­ne Brenn­ele­men­te­steu­er 2,3 Mrd.€ jähr­lich zur zu­sätz­li­chen Fi­nan­zie­rung der Staats­kas­se bei­steu­ern.

Das Vor­ha­ben, von dem an­zu­neh­men ist, dass es um­ge­setzt wird – was in der deut­schen Ener­gie­po­li­tik kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist –, hat die Ak­ti­en von Eon und RWE seit An­kün­di­gung am 7. Ju­ni un­ter Ab­ga­be­druck ge­bracht. Höchst­wahr­schein­lich wird die Steu­er für die Ver­sor­ger den Ge­winn – und da­mit die Di­vi­den­den – schmä­lern.

Kei­ne Über­wäl­zung mög­lich

Nach Ein­schät­zung von Ana­lys­ten wird es schwie­rig sein, die Steu­er auf die Kun­den zu über­wäl­zen, da Atom­kraft­wer­ke prak­tisch nie die preis­be­stim­men­den Ka­pa­zi­tä­ten am Markt sind – in Deutsch­land sind dies St­ein­koh­le-und Gas­kraft­wer­ke. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (bei­de CDU) er­klär­ten, die Steu­er wer­de un­ab­hän­gig da­von, ob es zu ei­ner Ver­län­ge­rung der Lauf­zeit von Atom­kraft­wer­ken kommt, ein­ge­führt.

Das Vor­ha­ben schafft Un­si­cher­heit, weil nicht fest­steht, ob den Ver­sor­gern die Ver­län­ge­rung der Lauf­zeit von Atom­kraft­wer­ken zu­ge­stan­den wird, wie dies im Ko­ali­ti­ons­ver­trag im Sep­tem­ber 2009 fest­ge­hal­ten wur­de. Dass Sand im Ge­trie­be ist, zeigt sich dar­an, dass trotz die­ser Zu­sa­ge die Ver­sor­ger sich mit der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on nicht ei­nig wer­den konn­ten, zu wel­chen Kon­di­tio­nen die Lauf­zeit­ver­län­ge­rung er­teilt wer­den soll.

Es geht nicht nur um den Zeit­ho­ri­zont, son­dern auch dar­um, in wel­chem Um­fang und auf wel­che Art die durch die Ver­län­ge­rung an­fal­len­den Zu­satz­ge­win­ne ( Wind­fall Pro­fits) ab­ge­schöpft wer­den. Ob die Brenn­ele­men­te­steu­er da­zu die­nen wird, die Mehr­ein­nah­men aus ei­ner Lauf­zeit­ver­län­ge­rung ab­zu­schöp­fen, ist heu­te nicht klar. Es kann ge­nau­so gut sein, dass zu­sätz­lich zur Steu­er ei­ne Ab­ga­be er­ho­ben wird, die in Ver­bin­dung mit ei­ner Lauf­zeit­ver­län­ge­rung steht. Am Don­ners­tag hiess es in den Me­di­en, die Ver­sor­ger for­der­ten ei­ne Ver­län­ge­rung von fünf­zehn Jah­ren und wür­den die Hälf­te der Zu­satz­ge­win­ne in ei­nen Fonds ein­spei­sen, der In­ves­ti­tio­nen in Er­neu­er­ba­re-Ener­gie-Ka­pa­zi­tä­ten (vgl. rechts) fi­nan­zie­ren soll.

Auch Ver­sor­ger prü­fen Kla­ge

Ver­kom­pli­ziert wird die Si­tua­ti­on durch un­kla­re po­li­ti­sche Mehr­hei­ten. Ei­ne Lauf­zeit­ver­län­ge­rung muss wo­mög­lich – wenn sie ei­nen Zeit­ho­ri­zont von über zehn Jah­ren um­fasst – von der Län­der­kam­mer (Bun­des­rat) ab­ge­seg­net wer­den. Die Ko­ali­ti­on ver­tritt zwar die Auf­fas­sung, der Bun­des­rat ha­be kein Mit­spra­che­recht. Es be­steht aber ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Ri­si­ko, dass die Ent­schei­dung dann an­fecht­bar ist. Der rhein­land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Kurt Beck (SPD) droht mit ei­ner Kla­ge. Soll­te der Bun­des­rat ei­ne Mit­spra­che ha­ben, ist auch ei­ne Ab­leh­nung der Lauf­zeit­ver­län­ge­rung vor­stell­bar.

Ge­mäss der FAZ prü­fen aber auch die Ver­sor­ger ih­rer­seits ei­ne Kla­ge ge­gen die Re­gie­rung we­gen der Brenn­ele­men­te­steu­er. Das Vor­ha­ben wi­der­spre­che EURicht­li­ni­en. Die Ver­sor­ger wit­tern ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, was in­so­fern ins Ge­wicht fällt, als et­wa fran­zö­si­scher Atom- strom, der nicht be­steu­ert wer­den soll, ei­nen Preis­vor­teil hat.

Wie si­cher ist die Di­vi­den­de?

RWE droht be­reits da­mit, In­ves­ti­tio­nen zu­rück­zu­fah­ren und die Di­vi­den­de zu kür­zen. Die Es­se­ner ha­ben ein Ver­spre­chen im Markt, die Di­vi­den­de bis 2013 min­des­tens auf der­zei­ti­gem Ni­veau (3.50 € je Ak­tie) zu hal­ten. Lü­der Schu­ma­cher, Ana­lyst bei Uni­credit, er­klärt, der Markt glau­be nicht an die Si­cher­heit der Di­vi­den­de, was er aber nicht ganz nach­voll­zie­hen kön­ne. Er sieht ge­nü­gend Spiel­raum in der In­ves­ti­ti­ons­po­li­tik, dass Mit­tel­zu­fluss und Bi­lanz­stär­ke nicht zu sehr tan­giert wür­den.

Auch sei da­von aus­zu­ge­hen, dass es – be­dingt durch die Fol­gen der Re­zes­si­on – nicht so rasch zu ei­ner Knapp­heit in den Er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten kom­men wird wie frü­her er­war­tet, so­mit In­ves­ti­tio­nen in die preis­mäch­ti­gen Mid-Me­rit-Kraft­wer­ke (Koh­le, Gas) nicht so rasch not­wen­dig sind. «Erst 2015 oder 2016 dürf­te der Markt dre­hen und sich In­ves­ti­tio­nen loh­nen.» Dann wie­der­um, so Schu­ma­cher, wer­den die fi­nanz­kräf­ti­gen in­te­grier­ten Ver­sor­ger ei­ne bes­se­re Aus­gangs­po­si­ti­on be­sit­zen als klei­ne­re re­gio­na­le Ver­sor­ger, da sie gros­se In­ves­ti­tio­nen bes­ser stem­men kön­nen und ri­si­ko­fä­hi­ger sind.

Uni­credit be­rech­net ei­nen Bar­wert der Steu­er­be­las­tung – auf zwan­zig Jah­re kal- ku­liert (!) – von 9,6 Mrd.€ für Eon und 7,2 Mrd.€ für RWE. Dies ent­spricht in et­wa dem er­rech­ne­ten Bar­wert für die Ver­län­ge­rung der Lauf­zeit über zehn Jah­re. Soll­te es zu­sätz­lich zu ei­ner Ab­schöp­fung der Lauf­zeit­ver­län­ge­rungs­ge­win­ne kom­men, ist der Kurs­rück­gang ge­recht­fer­tigt. Wenn nicht, zäh­len die deut­schen Ver­sor­ger zu den Fa­vo­ri­ten im Sek­tor – nicht zu­letzt, weil wei­te­re un­er­freu­li­che Über­ra­schun­gen un­wahr­schein­li­cher sind als bei Un­ter­neh­men, de­ren Hei­mat­markt ein Land mit hö­he­rer Staats­ver­schul­dung als Deutsch­land ist. Dort könn­ten sol­che Be­las­tun­gen wie die Brenn­ele­men­te­steu­er erst noch dro­hen, soll­ten wei­te­re EU-Län­der auf die­se Idee kom­men.

Die zu­sätz­li­che Be­steue­rung von Kern­ener­gie soll dem deut­schen Staat jähr­lich 2,3 Mrd. € ein­brin­gen.

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