Chi­na gibt sich mehr Spiel­raum

MAN SPRICHT VON der An­kün­di­gung der Peop­le’s Bank of Chi­na, den Yuan-Wech­sel­kurs zu fle­xi­bi­li­sie­ren

Finanz und Wirtschaft - - AUF EINEN BLICK - MARK DITT­LI

Die Fi­nanz­märk­te, man kennt es, nei­gen zu Re­flex­re­ak­tio­nen. Am Mon­tag, dem Tag nach der An­kün­di­gung der Peop­le’s Bank of Chi­na (PBoC), den Wech­sel­kurs des Yu­ans zu «fle­xi­bi­li­sie­ren», folg­ten die Bör­sen dem ty­pi­schen Mus­ter: Ak­ti­en von Roh­stoff­kon­zer­nen wie Rio Tin­to und BHP Bil­li­ton so­wie zy­kli­sche, ex­port­las­ti­ge Ti­tel wie Ri­che­mont und ABB leg­ten kräf­tig zu, wäh­rend die «Sa­fe ha­ven»-An­la­gen Dol­lar und USSchatz­pa­pie­re an Ter­rain ver­lo­ren.

Am Di­ens­tag war der Schub be­reits zu En­de, und die Sie­ger des Vor­ta­ges zähl­ten zu den gröss­ten Ver­lie­rern. Ei­ne Ra­ting­her­ab­stu­fung von Fitch für die Gross­bank BNP Pa­ri­bas, Sor­gen über den Zu­stand des spa­ni­schen Ban­ken­sek­tors so­wie die Prä­sen­ta­ti­on des bri­ti­schen Bud­gets (vgl. Sei­te 9) do­mi­nier­ten das Ge­sche­hen. Gut so – das ver­schafft An­le­gern Zeit, die Nach­rich­ten aus Chi­na so­wie ih­re mög­li­chen Fol­gen für die eu­ro­päi­sche und die USWirt­schaft nüch­tern zu ana­ly­sie­ren.

Rück­kehr zum Craw­ling Peg?

Zu­nächst ist fest­zu­stel­len: Pe­king hat – sechs Ta­ge vor Be­ginn des G-20-Gip­fels in To­ron­to – nicht an­ge­kün­digt, den Yuan auf­zu­wer­ten. Viel­mehr soll er in­ner­halb ei­nes Wäh­rungs­korbs fle­xi­bi­li­siert wer­den (vgl. Sei­te 28). Der Markt wer­tet den Schritt als Rück­kehr zum Craw­ling Peg, wie er zwi­schen Ju­li 2005 und Ju­li 2008 ge­herrscht hat­te, als der Yuan lang­sam zum Dol­lar auf­ge­wer­tet wur­de. Die Öko­no­men von Bar­clays et­wa rech­nen mit ei­ner Auf­wer­tung von 5% pro Jahr. Es darf je­doch nicht ver­ges­sen wer­den, dass sich der Yuan zum Eu­ro seit En­de 2009 be­reits um 17% ver- teu­ert hat. Fle­xi­bi­li­sie­rung kann nach An­sicht der Ana­lys­ten von Mo­nu­ment Se­cu­ri­ties al­so auch be­deu­ten, dass die Chi­ne­sen ei­ne mög­li­che wei­te­re Auf­wer­tung des Dol­lars zum Eu­ro nicht mehr im vol­len Um­fang mit dem Yuan ab­bil­den wür­den.

Doch an­ge­nom­men, der Yuan wür­de tat­säch­lich wie­der gra­du­ell zum Dol­lar auf­ge­wer­tet – was wä­ren die Kon­se­quen­zen? Im In­land er­hält die PBoC durch die Fle­xi­bi­li­sie­rung die Mög­lich­keit zu ei­ner au­to­no­me­ren Zins­po­li­tik und da­mit ein grös­se­res Ar­senal, um dro­hen­de In­fla­ti­on zu be­kämp­fen. Im Grenz­be­reich wirkt ei­ne Yuan-Auf­wer­tung selbst des­in­fla­tio­när, weil da­durch Im­por­te, be­son­ders Roh­stof­fe, ver­bil­ligt wer­den.

Auf Ebe­ne der glo­ba­len Han­dels­strö­me ist der Ef­fekt schwie­ri­ger zu be­zif­fern, denn Chi­na ist längst nicht mehr nur auf den Ex­port aus­ge­rich­tet. Mit den USA und dem EU-Raum er­wirt­schaf­tet das Land zwar gros­se Han­dels­bi­lanz­über­schüs­se – 227 Mrd.$ mit den USA im ver­gan­ge­nen Jahr –, doch mit an­de­ren Län­dern wie Ja­pan (45 Mrd.$), Süd­ko­rea (59 Mrd.$) oder Bra­si­li­en (14 Mrd.$) schreibt Chi­na ein Han­dels­de­fi­zit. Zu­dem ist Chi­nas Han­dels­über­schuss mit den USA zwi­schen 2005 und 2008 trotz Yuan-Auf­wer­tung wei­ter ge­wach­sen, was sug­ge­riert, dass die Ame­ri­ka­ner ih­re Im­por­te aus Chi­na zu­min­dest kurz-bis mit­tel­fris­tig mit kei­nem an­de­ren Land sub­sti­tu­ie­ren kön­nen.

Er­höh­te Kauf­kraft

Der nütz­lichs­te Ef­fekt ei­ner Yuan-Auf­wer­tung – so­fern sie kommt – lä­ge für die Welt­wirt­schaft in der er­höh­ten Kauf­kraft chi­ne­si­scher Un­ter­neh­men und Kon­su­men­ten. Da­von wür­den die Ex­port­wirt­schaf­ten Ko­reas, Tai­wans, Aus­tra­li­ens und Bra­si­li­ens pro­fi­tie­ren. Die­se Län­der ver­moch­ten ih­re Aus­fuh­ren nach Chi­na in der letz­ten Yuan-Auf­wer­tungs­pha­se von 2005 bis 2008 um 25 bis 50% zu stei­gern (vgl. Gra­fik). West­li­che Ex­por­teu­re wür­den eben­falls ge­win­nen – al­ler­dings nur, wenn ih­re Pro­duk­ti­ons­kos­ten nicht auch in Yuan an­fal­len. Die Ana­lys­ten von So­cié­té Gé­né­ra­le iden­ti­fi­zie­ren in ei­ner Stu­die Per­nod Ri­card, ABB, BHP Bil­li­ton, LVMH, Ri­che­mont, At­las Cop­co und Schnei­der als mög­li­che Ge­win­ner. Po­ten­zi­el­le Ver­lie­rer, so­fern sie den Wäh­rungs­ef­fekt nicht den Kon­su­men­ten über­wäl­zen kön­nen, wä­ren De­tail­händ­ler wie Wal-Mart Sto­res.

In­ves­to­ren soll­ten sich je­doch hü­ten, ei­nen An­la­ge­ent­scheid al­lein auf Ba­sis er­war­te­ter Wäh­rungs­ef­fek­te zu fäl­len. Die aus Sicht der Fi­nanz­märk­te er­freu­lichs­te Fol­ge des Vor­stos­ses aus Pe­king wä­re, wenn das US-Schatz­amt in sei­nem für An­fang Ju­li er­war­te­ten Ge­schäfts­be­richt den Yuan nicht als «ma­ni­pu­lier­te Wäh­rung» de­kla­riert und wenn im US-Kon­gress die di­ver­sen Vor­stös­se zu­rück­ge­zo­gen wür­den, die die Ver­hän­gung von Straf­zöl­len auf Im­por­ten aus Chi­na for­dern. Die Wahr­schein­lich­keit, dass Letz­te­res ge­schieht und die po­li­ti­sche Rhe­to­rik in Washington ei­nen we­ni­ger pro­tek­tio­nis­ti­schen Ton an­schlägt, ist nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand al­ler­dings ge­ring.

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