Mehr Au­gen­mass in der Re­vi­si­on des Rech­nungs­le­gungs­rechts

Die Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on aus Sicht der Fa­mi­li­en­kon­zer­ne – Drei­tei­lung macht we­nig Sinn – Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men nicht be­nach­tei­li­gen

Finanz und Wirtschaft - - PODIUM - H. J. BERT­SCHI

Der Bun­des­rat hat ver­schie­de­ne Re­gu­lie­rungs­vor­ha­ben in Gang ge­setzt. Sie sind gröss­ten­teils be­reits in der par­la­men­ta­ri­schen Be­ra­tung. Nach der Fi­nanz­kri­se be­steht Hand­lungs­be­darf, aber wie in je­der Re­gu­lie­rung ist Au­gen­mass ge­fragt. Mit der vom Bun­des­rat vor­ge­schla­ge­nen Re­vi­si­on des Rech­nungs­le­gungs­rechts soll zwi­schen klei­nen (Fa­mi­li­en-)Un­ter­neh­men und ko­tier­ten Ge­sell­schaf­ten qua­si ei­ne drit­te Ebe­ne ge­schaf­fen wer­den – sie um­fasst grös­se­re, kon­zern­mäs­sig or­ga­ni­sier­te Fa­mi­li­en­ge­sell­schaf­ten. Die­se Drei­tei­lung ist im Re­vi­si­ons­recht ver­tret­bar. Im Rech­nungs­le­gungs­recht er­scheint sie aber nicht an­ge­mes­sen und ist des­halb noch­mals grund­sätz­lich zu hin­ter­fra­gen.

Be­son­ders be­trof­fen von den neu­en Vor­schrif­ten wä­ren mit­tel­stän­di­sche Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men mit zwei oder mehr ju­ris­ti­schen Ge­sell­schaf­ten und die zwei der fol­gen­den drei Kri­te­ri­en er­fül­len: über 40 Mio. Fr. Um­satz, über 250 Voll­zeit­stel­len und/oder über 20 Mio. Fr. Bi­lanz­sum­me. Sie müss­ten zu­künf­tig ei­nen kon­so­li­dier­ten Ab­schluss et­wa nach IFRS oder Swiss Gap Fer er­stel­len. Die­se und ähn­li­che Nor­men sind im üb­ri­gen Eu­ro­pa nur für ko­tier­te Un­ter­neh­men Stan­dard. Da­von wä­ren laut Schät­zun­gen schweiz­weit rund 3000 mitt­le­re Fir­men be­trof­fen. Ein er­heb­li­cher An­teil der in der Schwei­zer Wirt­schaft Be­schäf­tig­ten ar­bei­tet in Un­ter­neh­men von eben die­ser Grös­sen­klas­se.

Kon­tra­pro­duk­tiv

Die jetzt vor­ge­schla­ge­ne Re­ge­lung ist nicht lo­gisch. Ein Un­ter­neh­men mit nur ei­ner Ge­sell­schaft mit bei­spiels­wei­se 60 Mio. Fr. Um­satz und 270 Ar­beits­plät­zen ist die­ser Vor­schrift nicht un­ter­wor­fen. Ver­fügt das ins­ge­samt gleich gros­se Un­ter­neh­men aber über zwei oder mehr Ge­sell­schaf­ten, so un­ter­liegt es der Vor­schrift. Es muss ei­ne Rech­nungs­le­gung nach ei­nem an­er­kann­ten Stan­dard vor­neh­men, wie er sonst nur für ko­tier­te Un­ter­neh­men üb­lich und sinn­voll ist. Da­durch wird die trans­pa­ren­te Struk­tu­rie­rung wach­sen­der Ge­sell­schaf­ten in meh­re­re recht­li­che Ein­hei­ten er­schwert, was volks­wirt­schaft­lich kon­tra­pro­duk­tiv ist.

Die zu­sätz­li­che ad­mi­nis­tra­ti­ve Be­las­tung durch die neu­en Vor­schrif­ten wä­re er­heb­lich. Der ein­ma­li­ge Auf­wand liegt ty­pi­scher­wei­se im mitt­le­ren bis hö­he­ren sech­stel­li­gen, der jähr­li­che Mehr­auf­wand im tie­fe­ren bis mitt­le­ren sech­stel­li­gen Be­reich pro be­trof­fe­nen Be­trieb. Dem steht kein we­sent­li­cher Nut­zen ge­gen­über, denn der (auch aus un­se­rer Sicht wünsch­ba­re) Ak­tio­närs­min­der­hei­ten­schutz ist be­reits an­der­wei­tig si­cher­ge­stellt.

Die mo­men­tan schein­bar ab­flau­en­de Wirt­schafts­kri­se ha­ben die­se Un­ter­neh­men ver­gleichs­wei­se gut über­stan­den, weil – ne­ben an­de­ren Fak­to­ren – die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft ei­ne sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung hat­te. Schweiz­weit ha­ben wir vie­le mitt­le­re und grös­se­re Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men, die in der Kri­se von ih­ren (stil­len) Re­ser­ven zeh­ren konn­ten. Das soll an­ge­sichts der Er­fah­run­gen so blei­ben. Aus un­se­rer Sicht be­steht kein öf­fent­li­ches In­ter­es­se an vol­ler Trans­pa­renz in der Rech­nungs­le­gung nicht ko­tier­ter Un­ter­neh­men (inkl. Kon­zer­ne). Der An­le­ger-und Min­der­hei­ten­schutz hat nicht die glei­che Be­deu­tung wie bei gros­sen Pu­bli­kums­ge­sell­schaf­ten. Der not­wen­di­ge Schutz für Min­der­heits­ak­tio­nä­re in Fa­mi­li­en­ge­sell­schaf­ten ist be­reits im Ak­ti­en­recht ent­hal­ten.

Neu­for­mu­lie­rung nö­tig

Zu­sätz­li­che Re­ge­lun­gen im Rech­nungs­le­gungs­recht sind da­mit nicht not­wen­dig. Ein Ab­schluss nach ei­nem an­er­kann­ten Stan­dard soll nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­langt wer­den. Das muss un­ab­hän­gig da­von gel­ten, ob Un­ter­neh­men als Kon­zer­ne struk­tu­riert sind oder nicht. Es drängt sich des­halb ei­ne Neu­for­mu­lie­rung von Art. 963b OR auf, die be­wirkt, dass ein Ab­schluss nach OR für nicht ko­tier­te Un­ter­neh­men wie auch Kon­zer­ne ge­nügt.

Die Wirt­schafts­ver­bän­de ha­ben be­reits in der sei­ner­zei­ti­gen Ver­nehm­las­sung gros­se Vor­be­hal­te ge­gen die Re­vi­si­on an­ge­mel­det bzw. sie ab­ge­lehnt. Der Fo­kus der Ak­ti­en­rechts­re­form ist des­halb nach den jüngs­ten Er­fah­run­gen in die­sem zen­tra­len Be­reich neu zu set­zen. Nicht die Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men brau­chen ei­nen neu­en Rechts­rah­men und ei­ne ver­bes­ser­te Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce, son­dern die ko­tier­ten Gross­kon­zer­ne. Was für die­se nö­tig sein mag, ist für KMU zu­neh­mend schäd­lich. Die heu­ti­gen Rech­nungs­le­gungs­vor­schrif­ten des Ob­li­ga­tio­nen­rechts für Fa­mi­li­en­ge­sell­schaf­ten ge­nü­gen voll­auf. Es ist zu hof­fen, dass der Ge­setz­ge­ber hier kor­ri­gie­rend ein­greift. Dr. H. J. Bert­schi ist Un­ter­neh­mer in Dür­re­näsch.

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