ABB wan­delt sich

MI­CHEL DE­MA­RÉ Der Fi­nanz­chef und Lei­ter Glo­bal Mar­kets von ABB zu Ak­qui­si­ti­ons­po­li­tik, Ge­schäfts­gang und Aus­sich­ten des Ener­gie- und Au­to­ma­ti­ons­tech­nik­kon­zerns

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - FORT­SET­ZUNG AUF SEI­TE 17

Der In­dus­trie­kon­zern be­hält sei­ne Aus­rich­tung auf Ener­gie­und Au­to­ma­ti­ons­tech­nik bei. Doch in­ner­halb die­ser Ge­bie­te er­öff­nen sich neue Markt­chan­cen, er­klärt CFO Mi­chel De­ma­ré.

DIn­wie­fern? Da­mit er­öff­nen sich uns neue Ge­schäfts­fel­der. Das Un­ter­neh­men hat hier viel bes­se­ren Zu­gang zu den ame­ri­ka­ni­schen Ener­gie­ge­sell­schaf­ten als ABB, wir kön­nen Ven­tyx da­für Kon­tak­te zum Sek­tor Öl und Gas ver­schaf­fen. Wenn wir Ven­tyx gut in­te­grie­ren, die neu­en Mit­ar­bei­ter agie­ren las­sen und von ih­nen ler­nen, wird das ABB gros­se Vor­tei­le ver­schaf­fen, und der Preis wird sich so recht­fer­ti­gen. er In­dus­trie­kon­zern ABB ist auf Ak­qui­si­ti­ons­tour: Das Soft­ware­haus Ven­tyx wird für 1 Mrd.$ über­nom­men, und für die bri­ti­sche Chlo­ri­de Group bie­tet ABB um­ge­rech­net 1,45 Mrd. Fr. an. Die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf­ge­häuf­te Net­to­li­qui­di­tät wird nun in ex­ter­nes Wachs­tum in­ves­tiert – das zu ei­nem Zeit­punkt ins­ge­samt ver­hal­te­ner or­ga­ni­scher Ex­pan­si­on. CFO Mi­chel De­ma­ré ope­riert je­doch, wie das gan­ze Ma­nage­ment, nicht mit Blick auf ein­zel­ne Quar­ta­le.

Herr De­ma­ré, in den ver­gan­ge­nen Wo­chen folg­te im Hau­se ABB ei­ne Ak­qui­si­ti­on auf die an­de­re… …was sich zu­fäl­lig so er­ge­ben hat. Wir ar­bei­ten an vie­len Dos­siers und nun wur­den ei­ni­ge zur sel­ben Zeit un­ter­schrifts­reif.

Die Prei­se, die Sie na­ment­lich für Ven­tyx und Chlo­ri­de zah­len, wir­ken recht hoch. Zu­nächst sind das zwei sehr gu­te Ge­sell­schaf­ten mit an­sehn­li­chem Leis­tungs­aus­weis ge­mes­sen an der Pro­fi­ta­bi­li­tät. Für Un­ter­neh­men von gu­ter Qua­li­tät ist ein ho­her Preis zu ent­rich­ten. Ven­tyx ist ein star­kes Soft­ware­haus, und die Preis­bil­dung lässt sich nicht ver­glei­chen mit den her­kömm­li­chen Ebit­da-Mul­ti­ples für In­dus­trie­un­ter­neh­men. Ven­tyx bringt uns Know-how, das wir bis­her nicht hat­ten. ABB pro­du­ziert zwar be­reits viel Soft­ware, aber sie stand bei uns bis­lang nicht so im Fo­kus. Viel­mehr ver­kau­fen wir bis­her Hard­ware mit ein­ge­bau­ter Soft­ware. Ven­tyx wird uns hel­fen, aus der ABB-Soft­ware mehr Wert zu schöp­fen. Vor al­lem aber ste­hen die Ven­tyx-Pro­gram­me im Her­zen der Tech­nik für Smart Grids.

Chlo­ri­de ist ein tra­di­tio­nel­le­res Ob­jekt. Mit die­sem Schritt ha­ben wir den Markt über­rascht. Die Trans­ak­ti­on ist je­doch sehr sinn­voll. Es gibt der­zeit im Markt für un­ter­bre­chungs­freie Strom­ver­sor­gung ne­ben Chlo­ri­de nur die drei TopAn­bie­ter Emer­son, Schnei­der und Ea­ton. Mit dem Auf­bau von Smart Grids wird der Markt für die­se An­wen­dun­gen deut­lich wach­sen. Wir wa­ren mit Chlo­ri­de schon län­ger in Ge­sprä­chen über ei­ne Ko­ope­ra­ti­on und muss­ten un­se­ren Zug ma­chen, nach­dem Emer­son ei­ne Of­fer­te un­ter­brei­tet hat­te. Wer nun sagt, ABB of­fe­rie­re zu viel, un­ter­schätzt das Sy­ner­gie­po­ten­zi­al. ABB ver­fügt näm­lich be­reits über vie­le Tech­no­lo­gi­en, die für Pro­duk­te der un­ter­bre­chungs­frei­en Strom­ver­sor­gung zen­tral sind.

Und auf der Markt­sei­te? Auf der Um­satz­sei­te se­hen wir eben­falls Po­ten­zi­al. Emer­son möch­te sich mit Chlo­ri­de ei­ne Prä­senz in Eu­ro­pa ver­schaf­fen, wir da­ge­gen sind in Eu­ro­pa schon eta­bliert und kön­nen Chlo­ri­de die Märk­te in Asi­en wie auch in den USA er­öff­nen. Chlo­ri­de wird ABB Kun­den wie Da­ten­zen­tren oder Spi­tä­ler bes­ser er­schlies­sen. Zu­dem ist der Ser­vice­an­teil im ge­sam­ten Chlo­ri­de-Ge­schäft mit 37% sehr hoch, in Eu­ro­pa be­trägt die­ser Wert so­gar mehr als 50%, ein Le­vel, das auch in an­de­ren Re­gio­nen er­reich­bar scheint. Ins­ge­samt bie­ten wir den Ak­tio­nä­ren von Chlo­ri­de ei­nen an­ge­mes­se­nen Preis. ABB füllt da­für ei­ne Sor­ti­ments­lü­cke und er­fährt so ei­ne Wert­stei­ge­rung.

Ha­ben Sie An­zei­chen da­für, wie sich Emer­son nun ver­hal­ten will? Nein. Sie ha­ben noch et­was Zeit für ih­re Stel­lung­nah­me. Wer nun Be­den­ken hat, wir könn­ten uns in ei­nen Preis­kampf stür­zen: Wir ken­nen un­se­re Gren­zen und blei­ben dis­zi­pli­niert.

Ist ABB in die­sem Ge­schäft spät dran? Nicht un­be­dingt, die Rah­men­be­din­gun­gen ha­ben sich aber ge­än­dert. Als Schnei­der vor vier Jah­ren auf die­sem Ge­biet Ame­ri­can Po­wer Con­ver­si­on über­nahm, wa­ren wir nicht dar­an in­ter­es­siert, vor al­lem weil das Port­fo­lio sehr stark auf den Nie­der­span­nungs­be­reich aus­ge­rich­tet war. Das Auf­kom­men der Smart Grids hat das je­doch ge­än­dert. Da­durch sind Lö­sun­gen für das Über­brü­cken von Strom­aus­fäl­len, für Strom- spei­che­rung und -qua­li­tät viel wich­ti­ger ge­wor­den.

Da­ne­ben will ABB den An­teil an der in­di­schen Toch­ter von 52 auf 75% er­hö­hen. Das An­ge­bot an die Pu­bli­kums­ak­tio­nä­re soll­te vor En­de Ju­li ab­ge­wi­ckelt sein. Ers­te Re­ak­tio­nen von in­di­schen Bro­kern wa­ren zu­stim­mend, und es wur­de An­die­nen emp­foh­len. Der Ver­si­che­rer Li­fe In­suran­ce Cor­po­ra­ti­on of In­dia, der 16% be­sitzt, hat sich noch nicht ab­schlies­send ge­äus­sert. Der Er­folg des An­ge­bots wird al­so erst in den letz­ten Ta­gen der An­ge­bots­frist ab­schätz­bar sein. Für uns ist die Auf­sto­ckung wich­tig, um ABB In­di­en ver- mehrt auf den Ex­port aus­zu­rich­ten, be­son­ders auf den Mitt­le­ren Os­ten, wo die Preis­ni­veaus ähn­lich sind. Die in­di­schen Pu­bli­kums­ak­tio­nä­re ha­ben je­doch ur­sprüng­lich in die in­di­sche Fran­chise in­ves­tiert, und es gibt kei­nen Grund, ih­nen un­se­re glo­ba­le Fran­chise zu schen­ken. Aus mei­ner Sicht han­delt es sich hier we­ni­ger um ei­ne Ak­qui­si­ti­on als um ei­nen Ak­ti­en­rück­kauf.

Wenn mehr als 75% an­ge­dient wer­den? Als wir das An­ge­bot lan­cier­ten, sah es so aus, dass wir ge­mäss in­di­schen Vor­schrif­ten auf bis zu knapp 90% ge­hen könn­ten, soll­te die Of­fer­te deut­lich über­zeich­net wer­den. Nun gibt es ei­ne neue Re­ge­lung, die be­sagt, dass ei­ne ko­tier­te Ge­sell­schaft min­des­tens 20% Streu­be­sitz ha­ben muss. Ich se­he wei­ter­hin Vor­tei­le dar­in, dass ABB In­dia dort ko­tiert bleibt. Das macht uns in den Au­gen vie­ler In­der zu ei­ner in­di­schen Ge­sell­schaft, was uns im Ge­schäft hilft. Auf 100% zu ge­hen, wä­re kom­pli­ziert und we­gen der Vor­schrif­ten zur Preis­bil­dung teu­er. Mit 75% ha­ben wir die vol­le Kon­trol­le, wir kön­nen frei ent­schei­den.

Sie prü­fen wei­te­re Über­nah­me­ob­jek­te? Oh ja. Wir ana­ly­sie­ren grös­se­re Dos­siers so­wie klei­ne­re in den ein­zel­nen Di­vi­sio­nen, da gibt es noch vie­le Mög­lich­kei­ten. Ganz gros­se Trans­ak­tio­nen da­ge­gen brau­chen viel Zeit, kos­ten viel Geld und las­sen sich nicht im­mer um­set­zen. Mit un­se­rem bis­he­ri­gen schritt­wei­sen Vor­ge­hen bin ich ganz zu­frie­den, das glät­tet auch das Ri­si­ko­pro­fil.

Der Fi­nanz­markt kann dem­zu­fol­ge da­mit rech­nen, dass ABB wei­te­re Ak­qui­si­tio­nen im bis­her ver­folg­ten Stil vor­neh­men wird? Ich wä­re nicht über­rascht, wenn wei­te­re Über­nah­men in der Grös­sen­ord­nung von 0,5 bis 2 oder 3 Mrd. $ fol­gen wür­den. Wir be­we­gen uns nicht fort von un­se­rer Aus­rich­tung auf Ener­gie-und Au­to­ma­ti­ons­tech­nik, aber in­ner­halb die­ser Ge­bie­te hat sich der Fä­cher auf­ge­tan. Smart Grids, er­neu­er­ba­re Ener­gi­en, Ener­gie­ef­fi­zi­enz und da­zu­ge­hö­ri­ge Be­ra­tungs­diens­te wer­den die klas­si­sche ABB ve­rän- ge­gen­über der Kon­kur­renz, die nicht so auf­ge­stellt ist. All das wird uns et­was we­ni­ger spät­zy­klisch ma­chen.

An­ge­nom­men, ABB voll­zieht die­ses Jahr kei­ne wei­te­ren Deals als die an­ge­kün­dig­ten – wo wird dann die Net­to­cas­hpo­si­ti­on per En­de des Jah­res un­ge­fähr ste­hen? Ei­ne nor­ma­le Cash­flow-Ent­wick­lung vor­aus­ge­setzt, er­war­te ich ge­gen 5 Mrd. $. Wir be­hal­ten al­so viel Feu­er­kraft. Stan­dard and Poor’s hat uns üb­ri­gens just an dem Tag ein Up­grade ver­lie­hen, als wir den Kauf von Chlo­ri­de an­kün­dig­ten. Für mich bleibt es qua­si ei­ne Re­li­gi­on, die Bi­lanz­re­la­tio­nen auf so­li­dem Ni­veau In­vest­ment Gra­de zu hal­ten, ich den­ke an Sing­le-A. Selbst im Rah­men die­ser Vor­ga­be ha­ben wir noch viel Fi­nanz­kraft, oh­ne ei­ne Ka­pi­tal­er­hö­hung in Be­tracht zie­hen zu müs­sen. Geld

Bei al­ler Ak­qui­si­ti­ons­freu­de will CFO Mi­chel De­ma­ré die Bi­lanz­re­la­tio­nen von ABB un­be­dingt auf dem Ni­veau In­vest­ment Gra­de hal­ten.

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