Michael Spence

MICHAEL SPENCE Der No­bel­preis­trä­ger glaubt, dass Eu­ro­pas Be­sin­nung auf fis­ka­li­sche Li­mi­ten der gren­zen­lo­sen Aus­ga­ben­po­li­tik der USA über­le­gen ist

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - IN­TER­VIEW: ELI­SA­BETH TES­TER

Der No­bel­preis­trä­ger lobt Eu­ro­pa für sei­ne Spar­be­mü­hun­gen und bricht ei­ne Lan­ze für die Ein­heits­wäh­rung Eu­ro.

Die Wirt­schafts­ko­ry­phäe Michael Spence lobt Eu­ro­pa für den Um­gang mit der Schul­den­kri­se: «Eu­ro­pa glaubt an fis­ka­li­sche Li­mi­ten und will spa­ren. Die USA ge­ben aus, wie wenn die Schul­den nie zu­rück­ge­zahlt wer­den müss­ten.» In Be­zug auf das künf­ti­ge Wirt­schafts­wachs­tum setzt er auf die Schwel­len­län­der. In­fol­ge ih­rer zu­neh­men­den Ab­kop­pe­lung von den ent­wi­ckel­ten Län­dern sei die Wir­kung ih­rer Wachs­tums­im­pul­se im Wes­ten je­doch be­grenzt.

Spence, der für sei­ne For­schung zur asym­me­tri­schen In­for­ma­ti­on auf dem Ar­beits­markt mit dem No­bel­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten aus­ge­zeich­net wur­de (vgl. Text­kas­ten «Zur Per­son»), weil­te auf Ein­la­dung der von der Bank BSI ge­grün­de­ten Gam­ma Foun­da­ti­on in Lu­ga­no. Die Stif­tung be­schäf­tigt sich mit der theo­re­ti­schen und der an­ge­wand­ten For­schung auf dem Ge­biet der Ver­mö­gens­ver­wal­tung und der Funk­ti­ons­wei­se der Ka­pi­tal­märk­te.

Pro­fes­sor Spence, Sie lo­ben Eu­ro­pas Um­gang mit der Staats­ver­schul­dungs­kri­se. Wür­gen die an­ge­kün­dig­ten Spar­mass­nah­men den Kon­junk­tur­auf­schwung nicht ab? Das Be­wusst­sein, dass ge­spart wer­den muss, um den Haus­halt ir­gend­wann zu sta­bi­li­sie­ren, ist in Eu­ro­pa vor­han­den. Der Pa­ti­ent muss ge­heilt wer­den, was nur durch ei­ne ri­gi­de Aus­ga­ben­dis­zi­plin mög­lich ist. Nur so ist ir­gend­wann ein selbst­tra­gen­des Wachs­tum denk­bar.

Wie ge­hen die USA mit der ex­plo­die­ren­den Staats­ver­schul­dung um? Vor­läu­fig gar nicht. Die USA ver­fol­gen ei­nen grund­le­gend an­de­ren An­satz der Kri­sen­be­wäl­ti­gung als Eu­ro­pa. Sie er­hö­hen die Aus­ga­ben end­los. Die­se Po­li­tik will die US-Re­gie­rung so lan­ge auf­recht­er­hal­ten, bis die pri­va­te Nach­fra­ge wie­der greift und die Wirt­schaft sich er­holt hat. Die Fol­gen die­ser Ver­schul­dung wer­den zur­zeit aus­ge­blen­det.

Könn­te ein Grund für die un­bän­di­ge Aus­ga­ben­freu­de der USA sein, dass die Furcht vor De­fla­ti­on grös­ser ist als in Eu­ro­pa? Der durch die Kri­se ver­ur­sach­te Scha­den für Pri­va­te und den Staat ist in den USA tat­säch­lich viel grös­ser als in Eu­ro­pa. Hier sind die öf­fent­li­chen und die pri­va­ten Schul­den im Durch­schnitt deut­lich tie­fer, und es gab aus­ser in Gross­bri­tan­ni­en und Spa­ni­en kei­ne Im­mo­bi­li­en­bla­se. Der Kon­sum hat in Eu­ro­pa we­ni­ger ge­lit­ten. Es gibt al­so Asym­me­tri­en. Vi­el­leicht ha­ben die USA recht, das De­fla­ti­ons­ri­si­ko zu fürch­ten, und Eu­ro­pa tut gut dar­an, fis­ka­li­sche Pro­ble­me an­zu­spre­chen.

Pla­nen die USA, je­mals ih­re Schul­den zu­rück­zu­zah­len? Das ist nicht klar. Die Staats­ver­schul­dung be­trägt in­zwi­schen mehr als 100% des Brut­to­in­land­pro­dukts. Das ist kei­ne kom­for­ta­ble Si­tua­ti­on. Die Struk­tur des Fi­nanz­sys­tems, das wir nicht wirk­lich in al­len Ein­zel­hei­ten ver­ste­hen, spielt da­bei ei­ne wich­ti­ge Rol­le. In Ita­li­en, das ei­nen Pri­mär­über­schuss er­wirt­schaf­tet, aber auch in Län­dern wie In­di­en zum Bei­spiel ist das Sys­tem so auf­ge­baut, dass es mit re­la­tiv ho­hen Schul­den re­spek­ti­ve mit Die ame­ri­ka­ni­sche Öf­fent­lich­keit hat je­doch ver­ges­sen, dass sie eben­falls auf der Par­ty war. Sie gibt der Re­gie­rung und dem Fi­nanz­sek­tor die Schuld und ver­gisst, dass sie lan­ge über ih­re Ver­hält­nis­se ge­lebt und kon­su­miert hat.

Auch Eu­ro­pa ist nicht über al­le Zwei­fel er­ha­ben. Lohnt es sich über­haupt, den Eu­ro zu ret­ten? Auf je­den Fall. Er in­te­griert die Märk­te, re­du­ziert In­ves­ti­ti­ons­ri­si­ken und ver­grös­sert das Porte­feuille, aus dem der An­le­ger wäh­len kann, be­vor er ein Wech­sel­kurs­ri­si­ko ein­ge­hen muss. Zu­dem ist der Eu­ro ei­ne wich­ti­ge Kraft in der glo­ba­len Wirt­schaft. Er birgt in­ter­ne und ex­ter­ne Vor­tei­le. Die gan­ze eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on ist wich­tig.

Die jüngs­ten Mass­nah­men zur Ret­tung des Eu­ros ent­sprin­gen eher ei­nem po­li­ti­schen Wil­len als ei­ner rein öko­no­mi­schen Be­grün­dung. Das ist wahr. Das Haupt­pro­blem ist je­doch nicht das Kon­zept des Eu­ros per se, son­dern die Dis­zi­plin und die so­ge­nann- ten Tritt­brett­fah­rer: Län­der ver­su­chen zu pro­fi­tie­ren, oh­ne ih­ren Bei­trag an die Kos­ten zu leis­ten. Brüssel ver­fügt nicht über die Ka­pa­zi­tä­ten, al­les zu über­wa­chen und die Re­geln durch­zu­set­zen. Auf in­sti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne müs­sen An­pas­sun­gen ge­macht wer­den, aber den Eu­ro selbst wür­de ich nicht hin­ter­fra­gen.

Wel­che Fol­gen wird die Tat­sa­che ha­ben, dass die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank Junk Bonds als Si­cher­heit für Geld­markt­ge­schäf­te an­nimmt? Das ist na­tür­lich ei­ne un­gu­te Ent­wick­lung. Der Ent­scheid wur­de je­doch in ei­ner Kri­sen­si­tua­ti­on ge­fällt. Es ist nicht mög­lich, das Fi­nanz­sys­tem ein­fach zu­sam­men­bre­chen und vie­le Fi­nanz­in­sti­tu­te un­ter­ge­hen zu las­sen. Die glei­che Si­tua­ti­on hat­ten wir ja in den USA, als das Fed be­gann, ge­wis­se Wert­schrif­ten zu kau­fen, die nie je­mand da­für in Be­tracht ge­zo­gen hät­te. In ei­ner Kri­sen­si­tua­ti­on gibt es nur die Wahl zwi­schen drei Al­ter­na­ti­ven: ei­ner schlech­ten, ei­ner noch schlech­te­ren und ei­ner wirk­lich furcht­ba­ren.

Wann und wie wird sich die Welt­wirt­schaft von den Fol­gen der Kri­se er­ho­len? In den ent­wi­ckel­ten Län­dern ist für län­ge­re Zeit nur mit ei­nem lang­sa­men Wachs­tum zu rech­nen. Das De­le­ver­aging, al­so die Ent­schul­dung, ist noch nicht ab­ge­schlos­sen, und die Schul­den der pri­va­ten und der öf­fent­li­chen Haus- hal­te dämp­fen die Nach­fra­ge. Die an­hal­tend ho­he Ar­beits­lo­sig­keit und die er­höh­te Spar­nei­gung ver­schär­fen die Si­tua­ti­on zu­sätz­lich. Zu­dem wird der Auf­schwung von hef­ti­gen Schwan­kun­gen und In­sta­bi­li­tät auf­grund struk­tu­rel­ler Pro­ble­me ge­prägt sein. Da­zu kommt das Ri­si­ko ne­ga­ti­ver Fol­gen von Feh­lern der Fis­kal­po­li­tik.

Droht von­sei­ten des Im­mo­bi­li­en­sek­tors in den USA wei­ter­hin Ge­fahr? Ja. Das Fed be­lässt die Zin­sen un­ter an­de­rem so tief, da­mit die zur Er­neue­rung an­ste­hen­den Hy­po­the­ken zu güns­ti­gen Kon­di­tio­nen re­fi­nan­ziert wer­den kön­nen.

In den USA und Eu­ro­pa ist die La­ge al­so schwie­rig, Sie zäh­len so­mit auf die Schwel­len­län­der. In den Schwel­len­län­dern er­war­te ich ein an­hal­ten­des und selbst­tra­gen­des Wachs­tum. Sie ha­ben die Tur­bu­len­zen gut über­stan­den und sind nicht weit ent­fernt vom Vor­kri­sen­ni­veau. Sie kön­nen dem Wes­ten zwar hel­fen, sind je­doch nicht in der La­ge, das feh­len­de Wachs­tum zu er­set­zen. Die zu­neh­men­de Ab­kop­pe­lung der auf­stre­ben­den Märk­te vom Rest der Welt hat Vor­tei­le, be­schränkt je­doch gleich­zei­tig die Wir­kung der dor­ti­gen Wachs­tums­im­pul­se auf die ent­wi­ckel­ten Län­der.

Se­hen Sie kei­ner­lei Ge­fah­ren in Be­zug auf das Wachs­tum der Schwel­len­län­der? Die oft ge­nann­ten spe­ku­la­ti­ven Bla­sen schei­nen mir kein gros­ses Pro­blem zu sein. Chi­na muss je­doch sei­ne ex­port­ori­en­tier­te Wirt­schaft in Rich­tung in­län­di­scher Pri­vat­kon­sum len­ken und die Spar­quo­te sen­ken.

Wie deu­ten Sie die an­ge­kün­dig­te Auf­wer­tung der chi­ne­si­schen Wäh­rung? Das Pro­blem in Chi­na ist, dass die Haus­hal­te nicht über ge­nü­gend Ein­kom­men ver­fü­gen. Chi­na ist ei­ne In­ves­ti­ti­ons­Spar-Ma­schi­ne, do­mi­niert vom Un­ter­neh­mens-und vom öf­fent­li­chen Sek­tor. Die pri­va­te Spar­ra­te be­trägt 30%. Ähn­lich wie in Süd­ko­rea Mit­te der Acht­zi­ger­jah­re muss in Chi­na ein Struk­tur­wan­del in Rich­tung bes­ser be­zahl­te Ar­beit mit ei­ner hö­he­ren Wert­schöp­fung statt­fin­den. Die Auf­wer­tung des Ren­min­bis wird im Rah­men der Wäh­rungs­be­we­gun­gen von 2005 bis 2008 statt­fin­den. Sie wird hel­fen, kann das struk­tu­rel­le Pro­blem aber nicht lö­sen.

Sie spra­chen in Ih­ren Aus­füh­run­gen zu den Schwel­len­län­dern über Bra­si­li­en, In­di­en und Chi­na. Ist Num­mer vier der BricStaa­ten, Russ­land, ein ver­lo­re­ner Fall? Nein, es ist je­doch sehr schwie­rig, Russ­land ein­zu­schät­zen. Das Land be­sitzt viel Hu­man­ka­pi­tal und Bo­den­schät­ze. Auf den ers­ten Blick gibt es kei­nen Grund, wes­halb Russ­land nicht in die­sel­be Ka­te­go­rie wie die an­de­ren drei ge­hö­ren soll­te. Das Pro­blem liegt in der Re­gie­rung. Was will sie, wo­hin geht der Kurs? Für In­ves­to­ren ist es sehr schwie­rig, in die­ser Un­si­cher­heit Ent­schei­de zu fäl­len.

Wird es in den nächs­ten Jah­ren ei­ne glo­ba­le Um­ver­tei­lung der Macht ge­ben? Sie hat be­reits statt­ge­fun­den. In we­ni­ger als zehn Jah­ren wer­den 50% der welt­wei­ten Wirt­schafts­leis­tung von Schwel­len­län­dern er­bracht. Wir ver­su­chen, uns die­ser Tat­sa­che an­zu­pas­sen, was in den in­ter­na­tio­na­len Ko­or­di­na­ti­ons­the­men er­sicht­lich ist. Chi­na hat ei­ne gi­gan­ti­sche glo­ba­le Wir­kung, gleich­zei­tig be­trägt sein Pro-Kopf-Ein­kom­men le­dig­lich 3500 $ pro Jahr. Es gab noch nie ei­ne glo­bal si­gni­fi­kan­te Wirt­schaft, die so arm war. Die Span­nun­gen in­ner­halb von Län­dern wie Chi­na, In­di­en und Bra­si­li­en wer­den nun auf ei­ne in­ter­na­tio­na­le Dis­kus­si­ons­ebe­ne ge­bracht. Die gros­sen Play­er sind zahl­rei­cher, die Be­zie­hun­gen sind viel­sei­ti­ger ge­wor­den. Die Welt ist kom­ple­xer als frü­her.

Michael Spence: «In we­ni­ger als zehn Jah­ren wer­den 50% der welt­wei­ten Wirt­schafts­leis­tung von Schwel­len­län­dern er­bracht.»

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