Fran­ken ist si­che­rer Ha­fen

DE­VI­SEN Mo­nat­li­che Wech­sel­kurs­pro­gno­se – Ge­mein­schafts­wäh­rung bleibt wei­ter un­ter Druck

Finanz und Wirtschaft - - OBLIGATIONEN/DEVISEN - JEAN­NE RICHENBERGER

Die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB) or­tet seit dem Zins­ent­scheid von ver­gan­ge­ner Wo­che kein De­fla­ti­ons­ri­si­ko mehr. Des­halb sieht sie von De­vi­sen­markt­in­ter­ven­tio­nen ab – der Fran­ken wer­tet sich auf. Am Frei­tag­abend er­reich­te die Va­lu­ta auf 1,3461 Fr./€ ei­nen Re­kord. Die mo­nat­lich von «Fi­nanz und Wirt­schaft» be­frag­ten De­vi­sen­ex­per­ten rech­nen in ei­nem Jahr mehr­heit­lich mit ei­ner fes­ten hel­ve­ti­schen Va­lu­ta.

«Drei Pha­sen der Stär­ke»

Mar­cus Het­tin­ger von Cre­dit Suis­se or­tet drei Pha­sen der Fran­ken­stär­ke: Ers­tens grei­fe die SNB nicht mehr am Markt ein. Das ak­tu­el­le Kurs­ni­veau be­grün­det er mit der en­gen Zins­dif­fe­renz der Eu­ro­zo­ne zur Schweiz. Sie wer­de sich aber – zwei­te Pha­se – zu­guns­ten des Fran­kens aus­wei­ten. Denn auf­grund der In­ter­ven­tio­nen lie­ge der Li­bor­satz der­zeit un­ter dem Ziel von 25 Ba­sis­punk­ten, ei­ne Rück­füh­rung sei ab­seh­bar und ei­ne Fran­ken­auf­wer­tung die Fol­ge. Die drit­te Pha­se fin­de dann En­de Jahr statt, mit ei­ner Zins­er­hö­hung der SNB. «Un­ter 1.35 Fr./€ wä­re der Fran­ken über­be­wer­tet. Der von uns be­rech­ne­te lang­fris­ti­ge Fair Va­lue liegt auf 1.40 Fr./€. Aber die Fis­kal­si­tua­ti­on so­wie der Leis­tungs­bi­lanz­über­schuss der Schweiz spre­chen da­für, dass der Fran­ken zum Eu­ro wei­ter­hin eher teu­er han­deln wird», re­sü­miert der De­vi­sen­ex­per­te.

Neu­tral ist Het­tin­ger in Be­zug auf das meist­ge­han­del­te Wäh­rungs­paar. Fun­da­men­tal spre­che zwar ei­ni­ges für ei­nen fes­te­ren Eu­ro zum Dol­lar. So sei die Va­lu­ta kräf­ti­ger ge­fal­len, als die Zins­dif­fe­renz im­pli­zie­re. Zu­dem hal­te sich der Ka­pi­tal­ab­fluss aus der Eu­ro­zo­ne in Gren­zen – zwar wer­de die Mehr­heit der grie­chi­schen Staats­an­lei­hen im Aus­land ge­hal­ten, aber in­ner­halb der Eu­ro­zo­ne. Auch für ei­ne Sta­bi­li­sie­rung sprä­chen die Hedge Funds, die ih­re re­kord­ho­hen Leer­ver­käu­fe in Eu­ro zu­rück­ge­fah­ren hät­ten. Des Wei­te­ren sei in den USA nicht mit ei­ner Zins­er­hö­hung zu rech­nen. «Das sind vie­le ne­ga­ti­ve Fak­to­ren für den Dol­lar und po­si­ti­ve für den Eu­ro», fasst der Ex­per­te zu­sam­men. Al­ler­dings fal­le das chart­tech­ni­sche Bild für den Eu­ro ne­ga­tiv aus. Po­si­ti­ve Fun­da­men­tal­da­ten und ne­ga­ti­ve Chart­tech­nik wür­den sich auf­he­ben. Auf­grund der Zins­dif­fe­renz müs­se der Gre­en­back auch zur hel­ve­ti­schen Va­lu­ta schwä­cher han­deln, stellt Het­tin­ger fest.

Wei­te­re SNB-In­ter­ven­tio­nen?

Tho­mas Flu­ry von UBS stellt die Fra­ge, wann die SNB er­neut am Markt in­ter­ve­nie­ren muss – nichts spre­che für ei­nen schwä­che­ren Fran­ken. Die eu­ro­päi­schen Zin­sen blie­ben tief, die Schwei­zer Wirt­schaft ent­wick­le sich sta­bil. Die Schweiz sei ein si­che­rer Ha­fen. So­bald sich die hel­ve­ti­sche Va­lu­ta zu kräf­tig auf­wer­te, müs­se die SNB ein­grei­fen. Den fai­ren Wert des Eu­ros und des Dol­lars be­zif­fert der Ex­per­te auf 1.49 Fr./€ bzw. 1.19 Fr./$.

Der Fran­ken-Dol­lar-Wech­sel­kurs wer­de von ei­nem Gleich­ge­wicht der Schwä­che do­mi­niert. Zu­dem wür­den sich die Ame­ri­ka­ner wohl lang­sam ge­gen ei­nen zu star­ken Dol­lar stem­men. Das kön­ne be­reits am Tref­fen der G-20 die­ses Wo­che­n­en­de sicht­bar wer­den. Zu­dem for­dern Russ­land und Chi­na ei­ne Di­ver­si­fi­ka­ti­on der Wäh­rungs­re­ser­ven von Zen­tral­ban­ken in an­de­re Wäh­run­gen. Dar­un­ter lit­te der Gre­en­back. «Wir emp­feh­len nicht, vom Eu­ro in den Dol­lar um­zu­schich­ten. Die An­le­ger soll­ten sich nach De­vi­sen von bes­ser wach­sen­den Volks­wirt­schaf­ten um­se­hen.» Ei­ne Um­schich­tung von gros­sen zu klei­nen Wäh­rungs­räu­men sei zu emp­feh­len, un­ter an­de­rem in den ka­na­di­schen und den aus­tra­li­schen Dol­lar, den Fran­ken so­wie skan­di­na­vi­sche Wäh­run­gen.

Lutz Kar­po­witz von Com­merz­bank sieht den Fran­ken durch die Eu­ro­schwä­che be­las­tet und nennt als Grund die Schul­den­kri­se in der Eu­ro­zo­ne. Die­ser Druck wer­de wei­ter be­ste­hen, da ei­ne lang­fris­ti­ge Lö­sung nicht ab­zu­se­hen sei. Zu­dem wer­de die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank spä­ter und lang­sa­mer den Leit­zins an­he­ben als die ame­ri­ka­ni­sche No­ten­bank – was ge­gen die Ge­mein­schafts­wäh­rung spre­che. Für den Fran­ken sieht der Ex­per­te ein Auf­wer­tungs­ri­si­ko in Rich­tung 1.30 Fr./€. Die volks­wirt­schaft­li­che Ver­fas­sung der Schweiz sei bes­ser als die der Eu­ro­zo­ne, hin­zu kom­me die Funk­ti­on der hel­ve­ti­schen Va­lu­ta als si­che­rer Ha­fen. Doch die SNB wer­de ei­ne zu star­ke Auf­wer­tung ver­hin­dern.

Zu Wo­chen­be­ginn be­weg­te die An­kün­di­gung der Peop­le’s Bank of Chi­na (PBOC), sie wer­de ei­ne Auf­wer­tung des Ren­min­bis zu­las­sen, den De­vi­sen­markt. Het­tin­ger pro­gnos­ti­ziert ei­ne gra­du­el­le Auf­wer­tung der chi­ne­si­schen Va­lu­ta um 5%. Sie wer­de nach und nach an­ge­passt – wie dies be­reits von 2005 bis 2008 der Fall ge­we­sen sei. Der An­kün­di­gung spricht der Ex­per­te Si­gnal­wir­kung zu: Mög­li­che Kri­tik aus den USA wer­de re­du­ziert, gleich­zei­tig wer­de an­ge­deu­tet, dass die üb­ri­gen asia­ti­schen Wäh­run­gen stär­ker wer­den kön­nen. Die Auf­wer­tung sei aber nicht ge­eig­net, das Wirt­schafts­wachs­tum zu dämp­fen. Er rech­net des­halb zu­sätz­lich mit Zins­er­hö­hun­gen in Chi­na und Be­schrän­kun­gen in der Kre­dit­ver­ga­be.

«Chi­na geht tak­tisch vor»

Flu­ry hält das Vor­ge­hen der PBOC für ge­schickt. «Die Chi­ne­sen ha­ben da­mit den Ame­ri­ka­nern den Wind aus den Se­geln ge­nom­men. In ei­nem zwei­ten Schritt kön­nen sie dann selbst For­de­run­gen stel­len – und zwar als gröss­ter Gläu­bi­ger.» Chi­na wol­le ei­ne Ent­wer­tung sei­ner Re­ser­ven ver­hin­dern und, um das zu er­rei­chen, mehr Spar­druck auf die USA aus­üben. Auch Flu­ry rech­net im lau­fen­den Jahr mit ei­nem Wert­ge­winn der chi­ne­si­schen Va­lu­ta von rund 5%.

Kar­po­witz hat in den ver­gan­ge­nen Ta­gen et­was mehr Vo­la­ti­li­tät im Ren­min­biDol­lar-Paar be­ob­ach­tet. Aber an den Re­geln der PBOC ha­be sich nichts ge­än­dert. Noch im­mer fi­xiert sie täg­lich ei­nen Kurs mit ei­ner er­laub­ten Schwan­kungs­brei­te von 0,5%. Seit 2008 war der Fix­kurs aber nicht mehr ver­än­dert wor­den – bis Wo­chen­be­ginn. Seit­dem nutzt die No­ten­bank die Schwan­kungs­brei­te wie­der aus. Die­ses Vor­ge­hen ist in den Au­gen des Ex­per­ten rei­ne Tak­tik, um vor dem Tref­fen der G-20 aus der Schuss­li­nie zu ge­ra­ten. Zu­letzt sei dann auch kei­ne gros­se Auf­wer­tung zu be­ob­ach­ten. Zu­dem schei­ne sich die PBOC wie­der auf ei­nen Wäh­rungs­korb zur Kurs­be­stim­mung zu be­sin­nen. Die­se han­dels­ge­wich­te­te Ori­en­tie­rung sei sinn­voll, ur­teilt Kar­po­witz. Mit ihr wer­de ge­gen­über dem Dol­lar al­les mög­lich – so­gar ei­ne Ab­wer­tung.

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