Die Fran­ken­stär­ke bremst den Auf­schwung

Aus­sen­han­dels­zah­len noch stark – Aber Ex­por­te in den Eu­ro­raum ver­lie­ren an preis­li­cher Kon­kur­renz­fä­hig­keit – Tou­ris­mus­an­bie­ter vor har­ten Zei­ten

Finanz und Wirtschaft - - KONJUNKTURSPIEGEL - ANDRE­AS NEINHAUS

Zwei un­glei­che No­ten­ban­ken ha­ben im Ju­ni er­klärt, den hei­mi­schen Wech­sel­kurs nicht mehr künst­lich zu schwä­chen. Chi­nas Peop­le’s Bank be­en­de­te den Dol­lar-Peg und will den Ren­min­bi künf­tig kon­trol­liert auf­wer­ten las­sen. We­ni­ge Ta­ge zu­vor gab die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank ih­re In­ter­ven­ti­ons­po­li­tik auf. Nach­dem sie in vier­zehn Mo­na­ten 185 Mrd. Fr. auf­ge­wen­det hat­te, um zu ver­hin­dern, dass sich der Fran­ken zu sehr ge­gen­über dem Eu­ro fes­tig­te, will sie sich nun von der ak­ti­ven Kurs­pfle­ge ver­ab­schie­den. Bei­de wäh­rungs­po­li­ti­schen Rich­tungs­wech­sel wer­den den Kon­junk­tur­ver­lauf be­ein­träch­ti­gen. Wäh­rend in Chi­na die ab­seh­ba­re Auf­wer­tung ge­ring blei­ben dürf­te und mit­tel­fris­tig die In­land­nach­fra­ge des Rie­sen­reichs im Ver­gleich zum Ex­port­sek­tor stär­ken soll­te, ist in der Schweiz ei­ne ra­sche­re und ein­schnei­den­de­re Re­ak­ti­on zu er­war­ten.

Der Fran­ken hat sich die­se Wo­che auf 1.35 Fr./€ ge­fes­tigt. Es er­üb­rigt sich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es sich um ei­ne Re­kord­no­tie­rung han­delt. Seit vier Mo­na­ten na­vi­giert der Fran­ken-Eu­ro-Wech­sel­kurs in his­to­risch un­be­kann­tem Ge­wäs­ser (vgl. Gra­fik). Im Zwölf­mo­nats­ver­gleich hat sich der Eu­ro 12% ab­ge­wer­tet, seit dem Aus­bruch der Fi­nanz­kri­se im Som­mer 2007 22%. Die Schweiz ex­por­tier­te in den ers­ten fünf Mo­na­ten des lau­fen­den Jah­res Wa­ren für rund 39 Mrd. Fr. in die Eu­ro­päi­sche Wäh­rungs­uni­on (EWU), de­ren sech­zehn Mit­glied­staa­ten den Eu­ro als Ge­mein­schafts­wäh­rung ad­op­tiert ha­ben. Das ent­spricht der Hälf­te der in die­sem Zei­t­raum im Aus­land ver­kauf­ten Gü­ter.

Vie­le Schwei­zer Ex­port­un­ter­neh­men sind von der Wech­sel­kurs­ver­schie­bung da­her di­rekt be­trof­fen. Wird be­rück­sich­tigt, dass der Eu­ro auf dem Kon­ti­nent auch aus­ser­halb der EWU die Rol­le ei­ner Leit­wäh­rung ein­nimmt, sind na­he­zu 60% der Wa­ren­ex­por­te mehr oder we­ni­ger an die Eu­ro­ent­wick­lung «ge­bun­den».

Im­port­über­schuss täuscht

Die mar­kan­te Auf­wer­tung wird die­ses und nächs­tes Jahr das Ex­port­ge­schäft brem­sen, von dem die Schweiz als klei­ne of­fe­ne Volks­wirt­schaft ab­hängt. Die Wachs­tums­aus­sich­ten dürf­ten dar­un­ter lei­den (vgl. ne­ben­ste­hen­den Text­kas­ten). Bis­lang ist da­von aber noch kaum et­was zu spü­ren. Ge­mäss Eid­ge­nös­si­scher Zoll­ver­wal­tung hat der Wa­ren­han­del tap­fer stand­ge­hal­ten. Die Aus­fuh­ren nah­men in den ers­ten fünf Mo­na­ten 6,3%, und al­lein im Mai 9,9% zum Vor­jahr zu. Die Welt­wirt­schaft be­fin­det sich auf Er­ho­lungs­kurs, wo­von die gut auf­ge­stell­ten Schwei­zer Ex­port­un­ter­neh­men pro­fi­tie­ren. Der Wech­sel­kurs spielt in die­ser Pha­se ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Be­zeich­nend ist aber, dass das gröss­te Aus­fuhr­wachs­tum aus­ser­halb Eu­ro­pas er­zielt wird.

Der star­ke Fran­ken wird die Er­trags­rech­nung der Schwei­zer Ex­por­teu­re schmä­lern. Der Druck auf die Mar­gen steigt. Al­ler­dings sind die fi­nan­zi­el­len Fol­gen je nach Bran­che un­ter­schied­lich. Vie­le be­zie­hen auch um­fang­rei­che Vor­leis­tun­gen aus dem Eu­ro­raum, die nun wech­sel­kurs­be­dingt güns­ti­ger ge­wor­den sind und die Kos­ten­rech­nung ent­las­ten. Die Schweiz fuhr mit Eu­ro­land 2010 bis­her ei­nen Im­port­über­schuss im Wa­ren­han­del von 11 Mrd. Fr. ein. Per sal­do, so lässt sich ar­gu­men­tie­ren, bringt die Fran­ken­stär­ke zum Eu­ro so­gar ei­nen fi­nan­zi­el­len Vor­teil mit sich, weil mehr aus Eu­ro­land ein­ge­führt als dort­hin ver­kauft wird.

Aber die­ses aka­de­mi­sche Ar­gu­ment hält der Pra­xis nicht stand: An­bie­ter müs­sen sich an ih­rem in Fran­ken kal­ku­lier­ten Ver­kaufs­preis mes­sen las­sen – ge­gen ei­ne Kon­kur­renz, die nun mit 12% güns­ti­ger ge­wor­de­nen Eu­ro-Prei­sen ope­riert. Die­ser schwie­ri­gen Her­aus­for­de­rung muss sich der in Deutsch­land eta­blier­te Schwei­zer Ex­por­teur von In­dus­trie­che­mi­ka­li­en ge­nau­so stel­len wie ein im In­land ope­rie­ren­des mit­tel­stän­di­sches Un­ter­neh­men der Me­tall­er­zeu­gung, das sich plötz­lich ei­ner güns­ti­gen Kon­kur­renz aus Dritt­län­dern ge­gen­über­sieht.

Auch Di­enst­leis­tun­gen sind be­trof­fen. Die Schwei­zer Kauf­kraft wird in den Grenz­re­gio­nen den Um­satz im De­tail­han­del dämp­fen, weil vie­le Kon­su­men­ten zum Gross­ein­kauf in den Eu­ro­raum fah­ren. Be­son­ders her­aus­ge­for­dert ist der Tou­ris­mus. Be­reits 2009 war für die Bran­che ein schwie­ri­ges Jahr ge­we­sen, als vie­le Ge­schäfts­rei­sen­de we­gen der Wirt­schafts­und Fi­nanz­kri­se fern­blie­ben. Die Zahl der Lo­gier­näch­te von Gäs­ten aus dem eu­ro­päi­schen Aus­land nahm da­mals im Ge­samt­jahr 7% ab. Die Win­ter­sai­son (No­vem­ber bis April) be­kam den Ge­gen­wind we­ni­ger stark zu spü­ren (–1,5%, Lo­gier­näch­te eu­ro­päi­scher Fe­ri­en­gäs­te). Nun ist die Bran­che al­ler­dings mit ei­nem dop­pel­ten Kauf­kraft­ver­lust eu­ro­päi­scher Tou­ris­ten – die Eu­ro­schwä­che so­wie ab­seh­ba­re Steu­er-und Ab­ga­ben­er­hö­hun­gen in vie­len Län­dern – kon­fron­tiert.

Kräf­ti­ge Bin­nen­kon­junk­tur

Mit ei­ner bal­di­gen Rück­kehr über 1.40 Fr./€ soll­te nicht ge­rech­net wer­den. Kur­se von 1.50 oder gar 1.60 Fr./€, mit de­nen Un­ter­neh­men vor ein bzw. vor zwei Jah­ren bud­ge­tier­ten, sind vo­r­erst un­er­reich­bar. Da­zu müss­te die Staats­schul­den­kri­se in der EWU bei­ge­legt wer­den und die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank die Leit­zin­sen sub­stan­zi­ell er­hö­hen – bei­des liegt in wei­ter Fer­ne. De­vi­sen­ex­per­ten pro­gnos­ti­zie­ren für Ju­ni 2011 mehr­heit­lich ei­nen Eu­ro von 1.40 Fr./€ oder dar­un­ter (sie­he Sei­te 6).

Glück­li­cher­wei­se ent­wi­ckelt sich die In­land­nach­fra­ge so­li­de. Der pri­va­te Kon­sum fällt ro­bust aus, ob­wohl die Re­al­löh­ne prak­tisch sta­gnie­ren. Der Kon­su­min­di­ka­tor der UBS und die Kon­su­men­ten­stim­mung, die vom Staats­se­kre­ta­ri­at für Wirt­schaft Se­co er­ho­ben wird, ha­ben sich zu­letzt klar ver­bes­sert. Die sai­son­be­rei­nig­te Ar­beits­lo­sen­quo­te ist seit An­fang 2010 so­gar leicht ge­sun­ken und be­trug im Mai 4%. Die be­fürch­te­te Spit­ze ver­gan­ge­ner Re­zes­sio­nen, als die Ra­te über 5% sprang, wird dies­mal nicht er­reicht wer­den. Das Se­co geht mit Jah­res­durch­schnitts­wer­ten von 3,9 (2010) und 3,7% (2011) aus.

Schwei­zer Kon­junk­tur­pro­gno­sen

Die Efta-Mi­nis­ter un­ter­zeich­ne­ten am Don­ners­tag in Is­land (Bild: EVD-Che­fin Do­ris Leuthard) ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit der Ukrai­ne.

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