US-Fi­nanz­markt­re­form un­ter Dach

Das Par­la­ment wird das um­fas­sen­de Re­form­pa­ket nächs­te Wo­che ver­ab­schie­den – Vie­le Ein­grif­fe sind ab­ge­mil­dert wor­den

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - JAN BAU+ MANN,

Auf dem Ka­pi­tol in Washington ha­ben die Par­la­men­ta­ri­er von Don­ners­tag auf Frei­tag Nacht­ar­beit ge­leis­tet. Nach dem gut zwan­zigs­tün­di­gen Sit­zungs­ma­ra­thon kön­nen das Re­prä­sen­tan­ten­haus und der Se­nat nun recht­zei­tig vor dem Na­tio­nal­fei­er­tag am 4. Ju­li die Fi­nanz­markt­re­form ver­ab­schie­den.

Es han­delt sich um die be­deu­tends­te Neu­re­gu­lie­rung, seit die Administration in der Gros­sen De­pres­si­on der Dreis­si­ger­jah­re das Trenn­ban­ken­sys­tem ein­führ­te. Da­mals ver­bot der Glass-Stea­gall Act den Kre­dit­in­sti­tu­ten, gleich­zei­tig das In­vest­ment Ban­king zu be­trei­ben. En­de der Neun­zi­ger­jah­re wur­de die Tren­nung auf­ge­ho­ben, und die gros­sen US-Fi­nanz­kon­zer­ne wie Ci­ti­group und J. P. Mor­gan Cha­se mach­ten sich in sämt­li­chen Spar­ten des Bank­ge­schäfts breit.

Ty­pi­sche Kom­pro­miss­vor­la­ge

Die Kre­dit­kri­se hat vor zwei Jah­ren scho­nungs­los die Ent­glei­sun­gen bloss­ge­legt, die sich vie­le US-Häu­ser wäh­rend des Im­mo­bi­li­en-und Kre­dit­ver­brie­fungs­booms leis­te­ten. Auf dem Hö­he­punkt der Kre­dit­wir­ren im Herbst 2008 wuss­te nie­mand mehr, wel­che Bank und wel­cher Bro­ker wie na­he am Bank­rott stand. Die Aus­wir­kun­gen der Ver­trau­ens­kri­se auf die USWirt­schaft wa­ren de­sas­trös.

US-Re­gie­rung und Par­la­ment wol­len da­für sor­gen, dass sol­che Ex­zes­se in der Ris­ko­an­nah­me nicht mehr mög­lich sind. Und tat­säch­lich riecht das nun ge­schnür­te Pa­ket et­was nach Glass-Stea­gall. In der Pra­xis wird die Re­form aber nicht zur Auf­spal­tung der Ban­ken­hol­dings füh­ren. Der Fi­nanz­bran­che ge­lang es durch in­ten­si­ves Lob­by­ing die schärfs­ten Be­stim­mun­gen der Vor­la­ge ab­zu­stump­fen. So müs­sen die Ban­ken nun doch nicht al­le ih­re Ak­ti­vi­tä­ten im Be­reich der nicht bör­sen­ge­han­del­ten De­ri­va­te in ge­son­der­te Ge­sell­schaf­ten aus­glie­dern.

Ur­sprüng­lich sah ein Zu­satz zur Ge­set­zes­ver­si­on des Se­nats dies vor (Lin­colnA­mend­ment). Da­mit kön­ne ver­hin­dert wer­den, dass der Staat je­mals wie­der mit Steu­er­gel­dern ein gros­ses, sys­tem­re­le­van­tes Fi­nanz­in­sti­tut ret­ten müs­se, das sich mit exo­ti­schen Kre­dit­de­ri­va­ten ver­spe­ku­liert hat, lau­te­te die Idee. Im Ein­ver­neh­men mit der Administration von Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma und der US-No­ten­bank schwäch­te die Ei­ni­gungs­kon­fe­renz das Amend­ment aber stark ab. Die Par­la­men­ta­ri­er sa­hen ein, dass sie mit der strik­ten Ver­ban­nung des Over-the-Coun­ter-De­ri­vat­ge­schäfts aus dem Ge­schäfts­feld ein­la­gen­ver­si­cher­ter Ban­ken das sys­te­mi­sche Ri­si­ko nur ver­schie­ben, je­doch nicht min­dern wür­den: We­ni­ger streng re­gu­lier­te Ak­teu­re, die nicht dem Re­gime der staat­li­chen Ein­la­gen­ver­si­che­rung FDIC un­ter- stellt sind, wä­ren nur all­zu wil­lig für die Gross­ban­ken ein­ge­sprun­gen.

Wei­te­re Re­for­m­ele­men­te wer­den eben­falls nur in lau­war­mer Form zum Ge­setz. Die Vol­ckerre­gel, be­nannt nach Ex-No­ten­bank­chef Paul Vol­cker zum Bei­spiel, bleibt zwar im Pa­ket. Die Ban­ken dür­fen aber wei­ter­hin ei­ge­nes Geld in Pri­va­te-Equi­ty­Ge­sell­schaf­ten und Hedge Funds in­ves­tie­ren. Es gilt da­bei künf­tig ei­ne Ober­gren­ze von 3% ih­res Ei­gen­ka­pi­tals. Auch dür­fen die gros­sen Wall­s­treet­häu­ser an ei­nem sol­chen An­la­ge­ge­fäss neu nicht zu mehr als 3% be­tei­ligt sein, sind al­so nur noch als Ko-In­ves­to­ren ih­rer Kun­den zu­ge­las­sen. Das ge­fürch­te­te Ei­gen­han­dels­ver­bot wird eben­falls eng de­fi­niert, so­dass es die Bro­ker wie Gold­man Sachs und Mor­gan Stan- ley nicht all­zu sehr schmerzt. Am Frei­tag­vor­mit­tag war al­ler­dings noch un­klar, wie die Be­stim­mung ge­nau aus­sieht und was sie prak­tisch be­wirkt.

Bank­ak­ti­en hal­ten sich gut

Die Ak­ti­en der be­trof­fe­nen Bro­ker und Ban­ken no­tier­ten am Frei­tag­mit­tag im Plus, woran sich er­ken­nen lässt, dass die Bör­se das Re­sul­tat gar nicht so schlimm fin­det. Wäh­rend der Ar­beit am Ge­setz in Washington wa­ren die Ak­teu­re in Wal­ls­treet ner­vös ge­we­sen. Das ist ver­ständ­lich, er­wirt­schaf­tet doch zum Bei­spiel der Ei­gen­han­del von Gold­man Sachs im­mer­hin rund 10% der Kon­zern­ein­nah­men. Vie­le Be­stim­mun­gen in der Fi­nanz­re­form sind da­zu ge­dacht, den Kon­su­men­ten­schutz zu stär­ken. Die Par­la­men­ta­ri­er sa­hen sich hier pri­mär als Ad­vo­ka­ten der Bank-und Kre­dit­kar­ten­kun­den (vgl. FuW Nr. 47 vom 19. Ju­ni). So wird die No­ten­bank da­mit be­auf­tragt, die Ge­büh­ren stren­ger zu kon­trol­lie­ren, wel­che Ge­schäf­te den Her­aus­ge­bern von De­bit­kar­ten für den bar­geld­lo­sen Zah­lungs­ver­kehr ent­rich­ten müs­sen. Von der Be­stim­mung sind am Ran­de auch die rei­nen Zah­lungs­ab­wick­ler Vi­sa und Mas­ter­card be­trof­fen. Al­les in al­lem hat es das Par­la­ment ge­schafft, Ame­ri­kas Fi­nanz­bran­che die Flü­gel zu stut­zen. Die Pro­fi­ta­bi­li­tät im Sek­tor wird sin­ken. Ob da­für die Si­cher­heit im Sys­tem steigt, ist aber frag­lich (sie­he Kom­men­tar auf Sei­te 2).

Se­na­tor Chris Dodd und der Chair­man des Fi­nanz­ko­mi­tees im Re­prä­sen­tan­ten­haus, Bar­ney Frank (r.), ha­ben ei­nen Kom­pro­miss ge­fun­den.

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