Bri­ten wei­sen Eu­ro­pa den Weg

Mas­si­ves Spar­pa­ket der bri­ti­schen Re­gie­rung er­wei­tert Spiel­raum für Pri­vat­sek­tor – Steu­er­be­las­tung für Ban­ken ver­kraft­bar

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - DO­MI­NIK FELD­GES

Als «bru­tal» wer­den die von der neu­en bri­ti­schen Re­gie­rung ge­plan­ten Bud­get­kür­zun­gen durch die meis­ten Ana­lys­ten ein­ge­stuft. Der be­kann­te Ko­lum­nist der «Fi­nan­ci­al Ti­mes», Mar­tin Wolf, spricht gar von ei­nem «Blut­bad». Die Mass­nah­men, die Schatz­kanz­ler Ge­or­ge Os­bor­ne am Di­ens­tag im bri­ti­schen Un­ter­haus prä­sen­tier­te (vgl. FuW vom Mitt­woch), ge­ben in Fi­nanz­krei­sen viel zu re­den. Die Aus­wir­kun­gen dürf­ten weit über Gross­bri­tan­ni­en hin­aus spür­bar sein: Wenn die über 60 Mio. Bri­ten we­ni­ger kon­su­mie­ren, sind die Län­der der Eu­ro­zo­ne – der mit Ab­stand wich­tigs­te Han­dels­part­ner des Kö­nig­reichs – da­von be­son­ders be­trof­fen.

Die Vor­ga­ben des Schatz­kanz­lers se­hen vor, dass bis zum Fis­kal­jahr 2014/15 die Staats­rech­nung durch Aus­ga­ben­kür­zun­gen und Steu­er­er­hö­hun­gen um 113 Mrd.£ (187 Mrd. Fr.) pro Jahr bzw. rund 6% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) kon­so­li­diert wird. Das Gros da­von wird auf bud­ge­tier­te Ein­spa­run­gen von 83 Mrd.£ ent­fal­len. Mehr­ein­nah­men aus Steu­ern sol­len knapp 30 Mrd.£ bei­tra­gen.

Triple-A-Ra­ting be­stä­tigt

Durch die Ross­kur hofft Os­bor­ne, bis in fünf Jah­ren im Pri­mär­haus­halt (Sal­do der Staats­aus­ga­ben/-ein­nah­men vor Schul­den­dienst) ei­nen Über­schuss von 1,5% zu er­zie­len. Das Wachs­tum der staat­li­chen Brut­to­schul­den könn­te da­mit auf 85% des BIP im Fis­kal­jahr 2012/13 be­grenzt wer­den. Ge­mes­sen an der – für Gross­bri­tan­ni­en nicht ver­bind­li­chen – Maas­trich­tOber­gren­ze von 60% wä­re das zwar noch längst nicht aus­rei­chend, aber ein Über­schuss im Pri­mär­haus­halt bö­te im­mer­hin Ge­währ, dass der Schul­den­ab­bau in An­griff ge­nom­men wer­den könn­te.

In welch pi­toya­bler Si­tua­ti­on Bri­tan­ni­en steckt, il­lus­triert das re­kord­ho­he Staats­de­fi­zit vom letz­ten Fis­kal­jahr. Es er­reich­te 156 Mrd.£ bzw. rund 11% des BIP. Das Fi­nanz­loch be­wog die Ra­ting­agen­tur Stan­dard & Poor’s (S&P) im Mai, das Spit­zen­ra­ting AAA von Gross­bri­tan­ni­en zwar auf­recht zu er­hal­ten, den Aus­blick aber von sta­bil auf ne­ga­tiv zu ver­än­dern. In Re­ak­ti­on auf die Spar­plä­ne sag­te ein S&PVer­tre­ter, es sei zu früh, um ih­re Aus­wir­kun­gen auf das Ra­ting zu be­ur­tei­len. Die bei­den an­de­ren gros­sen Ra­tin­ga­gen­tu­ren Moo­dy’s und Fitch er­klär­ten dem­ge­gen­über, die Mass­nah­men stütz­ten das Triple A von Gross­bri­tan­ni­en.

Die Fi­nanz­märk­te schlos­sen sich der letz­te­ren, von Zu­ver­sicht ge­präg­ten Mei­nung an. Das Pfund fes­tig­te sich seit Wo­chen­be­ginn ge­gen­über den wich­tigs­ten Re­fe­renz­wäh­run­gen, und die Ren­di­te zehn­jäh­ri­ger bri­ti­scher Staats­an­lei­hen fiel bis Frei­tag­mit­tag drei­zehn Ba­sis­punk­te auf 3,4%. Nur der Lon­do­ner Ak­ti­en­markt ten­dier­te schwä­cher, doch ver­hielt er sich da­mit im Gleich­klang mit an­de­ren Bör­sen. Auch in Gross­bri­tan­ni­en wird mit Sor­ge der jüngs­te Schwä­che­an­fall des USHäu­ser­markts (vgl. Sei­te 27) re­gis­triert.

Die ge­samt­wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der bri­ti­schen Haus­halt­kon­so­li­die­rung sind erst schwer ein­zu­schät­zen. Die Beur­tei­lung wird durch den Um­stand er­schwert, dass die Re­gie­rung erst im Ok­to­ber dar­über in­for­mie­ren will, wie viel durch die ein­zel­nen Mi­nis­te­ri­en ein­ge­spart wer­den soll. Fest steht, dass die Aus­ga­ben für die so­zia­le Wohl­fahrt um 11 Mrd.£ und In­ves­ti­tio­nen um 28 Mrd.£ re­du­ziert wer­den sol­len. Da­mit müs­sen die meis­ten Ein­spa­run­gen aus ei­ner Kür­zung des üb­ri­gen Staats­auf­wands kom­men. Ob das ge­lingt, ist um­strit­ten. Kri­ti­ker wen­den ein, dass Re­gie­rungs­stel­len wie das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ih­re Aus­ga­ben um mehr als 30% sen­ken müss­ten, wo­mit ein ge­re­gel­ter Ge­fäng­nis-und Ge­richts­be­trieb nicht mehr mög­lich wä­re.

Rea­li­siert Ge­or­ge Os­bor­ne ge­gen den ab­seh­bar hef­ti­gen Wi­der­stand der Ge­werk­schaf­ten sei­ne ehr­gei­zi­gen Spar­plä­ne, wür­de der Staats­kon­sum auf das Ni­veau von Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re fal­len (vgl. Gra­fik). Gross­bri­tan­ni­en wür­de

Im­mo­bi­li­en­sek­tor at­met auf

droht der Ver­lust von 30000 Staats­stel­len. da­mit ein deut­li­ches Zei­chen ge­gen den eu­ro­pa­weit mas­siv ge­stie­ge­nen Staats­an­teil am Volks­ein­kom­men set­zen (vgl. ne­ben­ste­hen­den Kom­men­tar). Er­mu­ti­gend ist auch, dass die bri­ti­sche Re­gie­rung über die nächs­ten vier Jah­re die Ge­winn­steu­er für Un­ter­neh­men schritt­wei­se von 28 auf 24% sen­ken will. Al­ler­dings dürf­te ein Teil der Ent­las­tung durch die Strei­chung von Frei­be­trä­gen für Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen wie­der weg­fal­len. Ver­kraft­bar für den Ban­ken­sek­tor soll­te die Be­steue­rung der Bi­lanz­sum­me ( Ver­bind­lich­kei­ten ab­züg­lich Kern­ka­pi­tal und von der Re­gie­rung ver­si­cher­te Kun­den­ein­la­gen) zu 0,04 und spä­ter 0,07% sein. Die neue Ban­ken­steu­er wird der Re­gie­rung schät­zungs­wei­se nur 2 Mrd.£ ein­brin­gen, wo­bei ein Teil der Be­las­tung durch die Sen­kung der Kör­per­schafts­steu­er kom­pen­siert wird. Ei­ne an­de­re Fra­ge ist, wie sehr die Er­hö­hung der Mehr- wert­steu­er von 17,5 auf 20% den pri­va­ten Kon­sum schmä­lern wird. Vor al­lem Un­ter­neh­men aus der Frei­zeit­bran­che wie die Pub­be­trei­ber Mit­chells & But­lers und En­ter­pri­se Inns so­wie Re­stau­rant­ket­ten wür­den dar­un­ter lei­den, wenn die Kon­su­men­ten den Gür­tel en­ger schnal­len.

Mit Kurs­ge­win­nen re­agier­ten die­se Wo­che die Ak­ti­en von Häu­ser­bau­ern wie Bar­ratt auf das so­ge­nann­te Not­bud­get. Die Im­mo­bi­li­en­bran­che äus­ser­te sich er­leich­tert dar­über, dass die Ka­pi­tal­ge­winn­steu­er von 18 auf 28% und nicht wie be­fürch­tet auf 40 oder gar 50% stei­gen wird.

Die staat­li­chen Spar­mass­nah­men ha­ben das Po­ten­zi­al, das an­ge­schla­ge­ne Ver­trau­en in die Wirt­schaft der In­sel zu stär­ken. En­ga­ge­ments in den Lon­do­ner Ak­ti­en­markt ei­len in­des nicht. Die Er­ho­lung der eng mit aus­län­di­schen Märk­ten ver­floch­te­nen bri­ti­schen Wirt­schaft hängt da­von ab, ob auch an­de­re In­dus­trie­län­der ih­re Schul­den­pro­ble­me an­pa­cken und dem Pri­vat­sek­tor wie­der mehr Spiel­raum zu­ge­ste­hen.

Ab­bau mit weit­rei­chen­den Fol­gen:

(im Bild die Haupt­stadt Edin­burg)

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