«Re­gu­lie­rung muss dy­na­misch sein»

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ET

Herr Spence, un­ter­lag die Re­kru­tie­rung der Füh­rungs­per­so­nen in Fi­nanz­in­sti­tu­ten ei­ner ad­ver­sen Se­lek­ti­on, al­so fal­schen An­rei­zen, was schliess­lich zur glo­ba­len Fi­nanz­kri­se führ­te? Die Kri­se hat­te vie­le Ur­sa­chen, und es gibt heu­te ver­schie­de­ne in­ter­es­san­te Er­klä­rungs­an­sät­ze da­für. Das Haupt­pro­blem ist, dass die For­schung für die Fi­nanz-und Wirt­schafts­welt kei­ne voll­stän­di­gen Mo­del­le lie­fert – vie­le Din­ge ver­ste­hen wir nicht ganz. Ein sehr kom­ple­xes Sys­tem neigt da­zu, von Zeit zu Zeit in­sta­bil zu sein. In den Fi­nanz­in­sti­tu­ten wuss­ten we­der Vor­ge­setz­te noch Ver­wal­tungs­rä­te oder Re­gu­la­to­ren, was die Händ­ler ta­ten. Die­se ver­füg­ten über De­tail­in­for­ma­tio­nen, die sonst nie­mand hat­te.

Han­del­te es sich al­so um ei­nen Fall von In­for­ma­ti­ons­asym­me­trie? Es war ei­ne äus­serst kom­ple­xe Ver­si­on der In­for­ma­ti­ons­asym­me­trie. Ob die Händ­ler das Ri­si­ko­pro­fil ih­rer Ak­ti­vi­tä­ten ver­stan­den ha­ben oder nicht, spiel­te da­bei gar kei­ne Rol­le. Sie ver­dien­ten viel Geld. Das Glei­che traf für das obe­re Ma­nage­ment zu, das zu­dem die Ra­tin­ga­gen­tu­ren dräng­te, die Pro­duk­te mit ei­ner ho­hen Bo­ni­tät zu ver­se­hen. Vie­le ver­schie­de­ne In­for­ma­ti­ons- ver­sa­gen tra­fen auf­ein­an­der und führ­ten Rich­tung In­sta­bi­li­tät und Kri­se. Qua­li­tät und Cha­rak­te­ris­ti­ken der An­la­gen wur­den grund­le­gend miss­ver­stan­den, und es gab kei­ne Mög­lich­keit, das In­for­ma­ti­ons­de­fi­zit zu be­he­ben.

Die Ar­beit­ge­ber ha­ben al­so nicht Ar­beit­neh­mer mit fal­schen Kom­pe­ten­zen ein­ge­stellt, son­dern bei­de Sei­ten wuss­ten ein­fach nicht über die Ri­si­ken Be­scheid? Die Händ­ler – und auch ei­ni­ge Ma­na­ger – wa­ren sich der Ge­fah­ren be­stimmt be­wusst. Die Ri­si­ken wa­ren je­doch Be­stand­teil des Sys­tems. Es ist nicht mög­lich, ei­nen Ge­fah­ren­herd im Sys­tem zu er­ken­nen, in­dem man Ein­zel­er­eig­nis­se be­trach­tet, son­dern nur, wenn das Ri­si­ko mehr­fach auf­tritt. Es ent­steht auf­grund sei­ner Ver­net­zung und sei­nem ‹An­ste­ckungs­po­ten­zi­al›. Als ich zum Hö­he­punkt der Kri­se 2008 Ver­ant­wort­li­che ei­ner Di­strikt­no­ten­bank frag­te, ob sie wüss­ten, wie die Bi­lan­zen der Fi­nanz­in­sti­tu­te in den USA und welt­weit durch die kom­ple­xen Wert­schrif­ten mit­ein­an­der ver­floch­ten sei­en, lau­te­te die Ant­wort: Wir ha­ben kei­ne Ah­nung.

Wie kann die­ses Pro­blem denn ge­löst wer­den? Dass Re­gu­la­to­ren und Markt­teil­neh­mer gar nicht über die nö­ti­gen In­for­ma­tio­nen ver­füg­ten, war Teil des Pro­blems. Ein Teil der Lö­sung dürf­te sein, die Of­fen­le­gungs­vor­schrif­ten für sämt­li­che Fi­nanz­markt­teil­neh­mer zu ver­schär­fen. Da­durch wür­de die Trans­pa­renz er­höht, und die in­vol­vier­ten Par­tei­en hät­ten we­nigs­tens ei­ne Chan­ce, her­aus­zu­fin­den, wie hoch die Ver­net­zung und Ab­hän­gig­keit im Sys­tem ist.

Sind die der­zei­ti­gen Be­mü­hun­gen der Re­gu­la­to­ren er­folg­ver­spre­chend? Zur­zeit wird nach ei­nem Re­gel­werk ge­sucht, das für ei­ne lan­ge Zeit gül­tig und grif­fig ist und die Pro­ble­me dau­er­haft löst. Das ist ein Feh­ler. Ei­ne sich ste­tig ent­wi­ckeln­de, dy­na­mi­sche Re­gu­lie­rung wä­re viel bes­ser.

Fin­den Händ­ler nicht im­mer ei­nen Weg, die Re­gu­lie­rung zu um­ge­hen, egal, wie dif­fe­ren­ziert und durch­dacht sie ist? Wahr­schein­lich schon. Das Fi­nanz­sys­tem ist in­no­va­tiv und er­fin­det sich im­mer wie­der neu. Aber ei­ne ge­eig­ne­te Re­gu­lie­rung könn­te we­nigs­tens ver­su­chen, im Spiel zu blei­ben. Wer dann das Ren­nen macht, ist nicht klar. Der Pri­vat­sek­tor dürf­te im­mer ein we­nig vor­ne lie­gen.

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