Raiff­ei­sen geht hö­he­re Ri­si­ken ein

Zins­än­de­rungs­ab­hän­gig­keit wächst – Mehr­heit der Ge­nos­sen­schaf­ten si­chert sich we­ni­ger ab – Aus­lei­hungs­vo­lu­men bis Mai plus 3%

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - RE­TO GY­SI VON WART­BURG

Die 350 un­ter dem Dach von Raiff­ei­sen Schweiz ge­bün­del­ten Ge­nos­sen­schafts­ban­ken se­hen sich ger­ne als Kri­sen­ge­win­ner. Wäh­rend der letz­ten, für die Gross­ban­ken schwie­ri­gen Jah­re ha­ben sie ihr Wachs­tum be­schleu­nigt. In der ers­ten Pha­se war die Ex­pan­si­on pas­siv­sei­tig durch Kun­den­gel­der ge­trie­ben, be­vor 2009 die Kun­den­aus­lei­hun­gen mar­kan­ter zu­nah­men. Raiff­ei­sen hat­te sich im Wett­be­werb um die Hy­po­the­kar­schuld­ner mit güns­ti­gen Kon­di­tio­nen po­si­tio­niert. «Kun­den­gel­der ver­sucht man an­zu­le­gen, und da­von pro­fi­tiert nun auch der Hy­po­the­kar­kun­de», er­klär­te CEO Pie­rin Vin­cenz im März an ei­ner Me­di­en­kon­fe­renz.

Zins­an­stieg hät­te Fol­gen

Bis da­to schlug sich die for­sche Wachs­tums­po­li­tik von Raiff­ei­sen nicht in Form hö­he­rer Kre­dit­aus­fäl­le nie­der. Der An­teil der Rück­stel­lun­gen und der ef­fek­ti­ven Ver­lus­te am ge­sam­ten Aus­lei­hungs­vo­lu­men wur­de in den letz­ten fünf Jah­ren ste­tig klei­ner (vgl. lin­ke Gra­fik). Nun zeigt sich aber, was der Preis der ex­pan­si­ven Po­li­tik von Raiff­ei­sen sein könn­te.

Ge­mäss den jüngs­ten Er­he­bun­gen der Schwei­ze­ri­schen Na­tio­nal­bank (SNB) sind die Zins­än­de­rungs­ri­si­ken der Raiff­ei­sen­ban­ken deut­lich grös­ser ge­wor­den. Soll­te das Zins­ni­veau um zwei Pro­zent­punk­te stei­gen, wür­de der ab­dis­kon­tier­te Bar­wert der Raiff­ei­sen­ban­ken um 14% der an­re­chen­ba­ren Ei­gen­mit­tel fal­len. Das ist dop­pelt so viel wie noch vor ei­nem Jahr und ge­mein­sam mit den eben­falls ex­pan­si­ven Kan­to­nal­ban­ken der höchs­te Wert der Bank­bran­che (vgl. Gra­fik).

Laut Raiff­ei­sen liegt der An­stieg in­ner­halb der Leit­plan­ken, die die Grup­pen­lei­tung in St. Gal­len den ein­zel­nen au­to­no­men Ge­nos­sen­schaf­ten vor­gibt. Franz Würth, Lei­ter der Me­dienstel­le von Raiff­ei­sen Schweiz, sieht zwei Grün­de da­für: Zum ei­nen ha­be die Um­schich­tung der Kun­den von va­ria­blen in fes­te Hy­po­the­ken die Zins­sen­si­ti­vi­tät aus dem Kun­den­ge­schäft er­höht, zum an­de­ren ha­be sich ei­ne Mehr­heit der Raiff­ei­sen­ban­ken in Er­war­tung nied­rig blei­ben­der Zin­sen ent­schie­den, «den Spiel­raum stär­ker aus­zu­nut­zen und auf ei­ne for­cier­te Ab­si­che­rung zu ver­zich­ten».

Trotz­dem er­ach­tet die Ban­ken­grup­pe ih­re Zins­ri­si­ken «auch un­ter ad­ver­sen Sze­na­ri­en als je­der­zeit trag­bar». Die Ver­ga­be­kri­te­ri­en für Hy­po­the­kar­kre­di­te sind ge­mäss Raiff­ei­sen «seit Jah­ren un­ver­än­dert». Die ma­xi­ma­le Be­leh­nungs­hö­he be­trägt dem­nach 80% des Im­mo­bi­li­en­werts, der in der Re­gel von ei­nem ex­ter­nen Schät­zungs­ex­per­ten fest­ge­legt wird. Die Zins­be­las­tung darf – un­ter An­wen­dung ei­nes kal­ku­la­to­ri­schen Sat­zes von 4,5 bis 5% – ein Drit­tel des Brut­to­ein­kom­mens nicht über­schrei­ten ( Trag­bar­keit).

We­nig Aus­nah­men

Die For­mu­lie­rung sol­cher Kri­te­ri­en ist ei­nes, de­ren Ein­hal­tung das an­de­re. Die SNB hat in ei­ner Um­fra­ge er­mit­telt, dass Ban­ken mit ei­nem ku­mu­lier­ten Markt­an­teil von im­mer­hin fast 25% für mehr als je­den fünf­ten 2009 neu ge­spro­che­nen Kre­dit ei­ne Aus­nah­me zur ei­ge­nen Re­gel ge­macht ha­ben. Raiff­ei­sen zählt sich nicht da­zu. Würth sag­te ge­gen­über «Fi­nanz und Wirt­schaft», Aus­nah­men wür­den nur durch ei­nen Ri­si­ko­trans­fer zu Raiff­ei­sen Schweiz er­mög­licht, wo­bei «die dies­be­züg­li­chen Vo­lu­men auf kon­stant sehr tie­fem Ni­veau lie­gen». Ei­nen ge­nau­en Pro­zent­satz nann­te er nicht.

So­lan­ge die Zin­sen nied­rig sind, schla­gen sich die Ri­si­ken nicht im Ge­schäfts­er­geb­nis nie­der. Raiff­ei­sen rech­net nach wie vor da­mit, dass die Wert­be­rich­ti­gun­gen 2010 auf dem sehr gu­ten Ni­veau der Vor­jah­re ver­har­ren, ob­wohl sich das Vo­lu­men­wachs­tum auch 2010 fort­setzt. Die Aus­lei­hun­gen nah­men in den ers­ten fünf Mo­na­ten um wei­te­re 3% zu, was über dem Markt­wachs­tum liegt. Raiff­ei­sen dürf­te zu­gu­te­kom­men, dass das Port­fo­lio ei­ne ho­he Qua­li­tät auf­weist. Drei Vier­tel der Aus­lei­hun­gen wur­den an Pri­vat­kun­den ver­ge­ben, 95% der Hy­po­the­ken sind im ers­ten Rang. Soll­te das Um­feld am Gel­do­der am Im­mo­bi­li­en­markt aber ra­sant dre­hen, wä­re Raiff­ei­sen wohl über­durch­schnitt­lich ex­po­niert.

Die 350 Raiff­ei­sen­ban­ken be­wirt­schaf­ten das Zins­ri­si­ko au­to­nom. Raiff­ei­sen Schweiz (Haupt­sitz im Bild) setzt nur die Leit­plan­ken.

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