Schutz des geis­ti­gen Ei­gen­tums schützt In­ter­es­sen­grup­pen

Pa­ten­te und Co­py­rights schaf­fen ge­samt­ge­sell­schaft­li­che schäd­li­che Mo­no­po­le und kre­ieren Ren­ten – In­no­va­tio­nen blü­hen auch oh­ne

Finanz und Wirtschaft - - PODIUM - CHRIS­TOPH FEHR

Der Schutz geis­ti­gen Ei­gen­tums wird von na­he­zu al­len wich­ti­gen In­stan­zen in der Ge­sell­schaft als wich­tig und rich­tig er­ach­tet. Bei ge­naue­rem Hin­se­hen sind die Ar­gu­men­te, die für Co­py­rights und Pa­ten­te an­ge­führt wer­den, fa­den­schei­nig.

Die Zahl er­teil­ter Pa­ten­te in ei­ner Volks­wirt­schaft gilt als Mass­stab für In­no­va­ti­ons­kraft. Wer fre­vel­haft Co­py­rights miss­ach­tet, wird als Pi­rat ge­brand­markt. Der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie, die sich be­son­ders her­vor­tut, wenn es um den Schutz der Ko­pier­rech­te geht, ist es ge­lun­gen, das Bild des Schur­ken im Be­wusst­sein der Öf­fent­lich­keit zu ver­an­kern. Dass Pi­ra­ten frü­her von Re­gie­run­gen an­ge­heu­ert wur­den, wird nicht er­wähnt. Heu­te sind Po­li­tik und Recht­spre­chung weit von die­ser Ka­per­brief-Phi­lo­so­phie ent­fernt.

Sie sind selbst von in­dus­tri­el­len In­ter­es­sen und pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Über­le­gun­gen ge­ka­pert wor­den und nun Hand­lan­ger di­ver­ser In­ter­es­sen­grup­pen. Das zen­tra­le Ar­gu­ment, das für Pa­ten­te und Co­py­rights an­ge­führt wird, lau­tet: Wer­den Er­fin­der und Un­ter­neh­men nicht vor der Pi­ra­te­rie der Ko­pie­rer ge­schützt, wer­den sie um ih­ren Ver­dienst ge­bracht. Das de­mo­ti­viert, und, viel schlim­mer, die Ge­winn­mar­gen sin­ken; es fehlt das Geld für wei­te­re For­schung. Die Fol­ge: Um ih­re ma­te­ri­el­len Lor­bee­ren ge­brach­te In­no­va­to­ren, Dich­ter und Den­ker wer­fen das Hand­tuch. Die In­no­va­ti­on kommt zum Er­lie­gen. Das führt zu ei­nem ge­rin­ge­ren Wachs­tum. Et voi­là: So hat der Staat für sein Ein­grei­fen das Mo­tiv.

Lei­der ist das, was so schlüs­sig klingt, lö­che­rig wie der Schwei­zer Kä­se. Das ei­ne gros­se Loch ist grund­sätz­li­cher Na­tur. Der Mensch wird als Ein­zel­ner ge­bo­ren und stirbt als Ein­zel­ner. Kaum ist er auf der Welt, muss er sein Exis­tenz­pro­blem lö­sen. Als Säug­ling und Kind wird ihm das von den El­tern ab­ge­nom­men. Läuft die­se Schon­zeit aus, muss je­der sein Exis­tenz­pro­blem selbst lö­sen. Ei­ne Va­ri­an­te ist, ei­nen an­de­ren Be­schüt­zer zu su­chen, vi­el­leicht den So­zi­al­staat. Fal­len die­se Schutz­schil­de, muss et­was un­ter­nom­men wer­den – z. B. sich in den Di­enst ei­nes Un­ter­neh­mens stel­len oder selbst Un­ter­neh­mer wer­den. Wer nichts in sein Wis­sen­s­ka­pi­tal in­ves­tiert oder Din­ge her­stellt, die Drit­te als nütz­lich er­ach­ten, steigt bald ab.

Die­ser Druck bringt das ka­pi­ta­lis­ti­sche Sys­tem zur Blü­te und da­mit die Ge­sell­schaft vor­wärts. Doch er ist läs­tig. Wer will sich sei­ner nicht ent­le­di­gen? Ein Weg sind Pa­ten­te und Co­py­rights. So kön­nen Re­vie­re bzw. Mo­no­po­le ge­schaf­fen wer­den, die ma­te­ri­ell ab­si­chern. Ein Au­tor, der den gros­sen Wurf ge­lan­det hat, ist in ei­nem Sys­tem von Co­py­rights sei­ne Exis­tenz­sor­gen los. Da­mit ent­fällt in­des der Druck, er­neut ein tol­les Buch zu schrei­ben.

Zum an­de­ren fehlt es nicht an Bei­spie­len da­für, wie In­no­va­tio­nen auf al­len Ge­bie­ten wäh­rend Jahr­hun­der­ten und in vie­len Na­tio­nen blüh­ten, oh­ne Co­py­rights und Pa­ten­te (vgl. Text­kas­ten). Die Schaf­fens­kraft ei­ne Bachs, Goe­thes oder Les­sings wur­de da­durch nicht ge­schmä­lert.

Auch heu­te be­hin­dern Pa­ten­te z. B. in der Aids-For­schung die billige Her­stel­lung von Me­di­ka­men­ten. Aber sie er­lau­ben den Kon­zer­nen ei­ne Po­li­tik der Preis­dif­fe­ren­zie­rung. Wer­den Mo­le­kül­ket­ten pa­ten­tiert, fal­len für klei­ne Un­ter­neh­men, die auf die­ser Ba­sis ar­bei­ten wol­len, ho­he Li­zenz­kos­ten an. So hat ein For­scher zu Recht mo­niert: Ist ei­ne Ket­te von 25 Mo­le­kü­len, die für die Krebs­for­schung in­ter­es­sant sind, pa­ten­tiert, wird die For­schung an 625 wei­te­ren Kom­bi­na­tio­nen durch ho­he Li­zenz­ge­büh­ren blo­ckiert. Schlimms­ten­falls kos­ten Pa­ten­te Hun­dert­tau­sen­den das Le­ben. Aber sie si­chern we­ni­gen die Mo­no­pol­stel­lung und da­mit die ho­he Ren­di­te. Ver­ges­sen wird da­bei oft, dass In­no­va­ti­on sehr sel­ten ein gros­ser Wurf ist.

Sie fin­det gleich­zei­tig an vie­len Ecken und En­den statt. Wer­den nun ho­he Pa­tent­hür­den er­rich­tet, ent­fal­len vie­le In­no­va­tio­nen. So kön­nen klei­ne Phar­ma­un­ter­neh­men nur noch hof­fen, selbst den gros­sen Wurf zu lan­den oder die Stra­te­gie dar­auf aus­rich­ten, für ei­nen gros­sen Kon­zern so in­ter­es­sant zu wer­den. In­no­va­ti­ons­träch­tig ist das nicht. So­mit sind die Ver­schär­fung von Co­py­rights und die Aus­wei­tung der Pa­ten­tier­bar­keit, wohl bald auch auf Le­ben, ein Fluch für die Ge­sell­schaft. Stei­gen­de Pat­ent­zah­len sind so schäd­lich wie die Aus­wei­tung von Han­dels­hin­der­nis­sen über nicht­ta­ri­fä­re Hemm­nis­se, Ein­fuhr­quo­ten oder Zöl­len. Auch dort wer­den In­ter­es­sen ge­schützt und mo­no­pol­ähn­li­che Si­tua­tio­nen ge­schaf­fen. Ap­plaus fin­det das heu­te nicht mehr. Bleibt zu hof­fen, dass das Um­den­ken bald auch in Be­zug auf das geis­ti­ge Ei­gen­tum ein­setzt. Chris­toph Fehr ist Ana­lyst von In­vest.ch, Thal­wil.

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