Ein his­to­ri­sches Han­dels­ab­kom­men

Tai­wan und die Volks­re­pu­blik Chi­na un­ter­zeich­nen erst­mals seit En­de des chi­ne­si­schen Bür­ger­kriegs ein Han­dels­ab­kom­men

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - THO­MAS PENTSY

Das mit Chi­na ehe­mals ver­fein­de­te Tai­wan be­sie­gelt Han­dels­pakt

GB­rü­cken­schlag

eschichts­träch­ti­ger hät­te der Ver­hand­lungs­ort nicht sein kön­nen: In Chong­qing ha­ben am Di­ens­tag die Volks­re­pu­blik Chi­na und die Re­pu­blik Chi­na ( Tai­wan) erst­mals seit En­de des chi­ne­si­schen Bür­ger­kriegs 1949 ein Han­dels­ab­kom­men un­ter­zeich­net: das Eco­no­mic Co­ope­ra­ti­on Frame­work Agree­ment (ECFA). 1938 hat­te sich die Re­gie­rung von Chiang Kai-shek – nach ih­rer Ver­trei­bung aus Nan­jing durch ja­pa­ni­sche Trup­pen – nach Chong­qing zu­rück­ge­zo­gen. Die da­mals als Chung­king be­kann­te Stadt wur­de im Zwei­ten Welt­krieg Chi­nas pro­vi­so­ri­sche Haupt­stadt, und im Au­gust 1938 bil­de­te die Kriegs­re­gie­rung da ei­ne wa­cke­li­ge Al­li­anz zwi­schen Chiang Kai-sheks na­tio­na­lis­ti­scher Kuom­intang (KMT) und Mao Tse-tungs Kom­mu­nis­ti­scher Par­tei. Im nach­fol­gen­den chi­ne­si­schen Bür­ger­krieg fiel Chong­qing im No­vem­ber 1949 als zweit­letz­ter Stütz­punkt der Kuom­intang auf dem Fest­land an Mao Tse-tungs Trup­pen, wor­auf nur we­nig spä­ter Chiang Kai-shek und sei­ne Ver­bün­de­ten nach Tai­wan flüch­te­ten. Gut 61 Jah­re spä­ter ha­ben nun Tai­wan und Chi­na in Chong­qing mit der Un­ter­zeich­nung von ECFA ei­nen Mei­len­stein in ih­ren ge­gen­sei­ti­gen Han­dels­be­zie­hun­gen ge­setzt. Nach Jahr­zehn­ten des mit­un­ter po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eis­zeit­kli­mas hellt sich durch das ECFA die Wet­ter­la­ge zwi­schen Tai­wan und dem Reich der Mit­te wei­ter auf, und da­durch ver­tieft sich die wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit der bei­den Chi­nas.

Ei­ner der Grund­pfei­ler für die­sen wirt­schaft­li­chen Brü­cken­schlag über die Mee­respas­sa­ge war der Wahl­sieg der KMT in den tai­wa­ne­si­schen Par­la­ments­wah­len vor rund zwei­ein­halb Jah­ren. Nach­dem ihr Kan­di­dat Ma Ying-jeou im März 2008 auch die Prä­si­dent­schafts­wah­len ge­won­nen hat­te, hat sich das ehe­mals un­ter­kühl­te Kli­ma zwi­schen Chi­na und Tai­wan zu­se­hends er­wärmt. Da­bei ist Chi­na be­reits Tai­wans gröss­ter Han­dels­part­ner und das wich­tigs­te Ziel der Aus­lan­din­ves­ti­tio­nen.

An CE­PA aus­ge­rich­tet

Dank ECFA wer­den nun im bi­la­te­ra­len Han­del bin­nen zwei Jah­ren Zoll­ta­ri­fe auf 537 tai­wa­ne­si­sche Pro­duk­te mit ei­nem Han­dels­vo­lu­men von et­wa 13,8 Mrd. $ so­wie auf 267 chi­ne­si­sche Wa­ren mit ei­nem Ex­port­vo­lu­men von rund 2,9 Mrd.$ ent­we­der re­du­ziert, oder sie fal­len ganz weg. Das Wa­ren­vo­lu­men ent­spricht gut 16% von Tai­wans Aus­fuh­ren nach Chi­na re­spek­ti­ve 10,5% der chi­ne­si­schen Ex­por­te nach Tai­wan. Der tai­wa­ne­si­schen In­dus­trie er­öff­net sich da­bei der Zu­gang zu elf Bran­chen auf dem chi­ne­si­schen Markt, dar­un­ter das Ver­si­che­rungs-, Fi­nanz-oder Spi­tal­we­sen. Im Ge­gen­zug lo­ckert Tai­peh für Fest­land­un­ter­neh­men den Markt­zu­gang zu sie­ben In­dus­trie­zwei­gen.

Ban­ken bei­der­seits der Stras­se von For­mo­sa ha­ben nun die Mög­lich­keit, jen­seits der Mee­resen­ge Nie­der­las­sun­gen zu er­öff­nen. Chi­ne­si­sche Ban­ken kön­nen da­bei nach zwölf Mo­na­ten ih­re Re­prä­sen­tan­zen in Nie­der­las­sun­gen um­wan­deln, wäh­rend tai­wa­ne­si­sche Fi­nanz­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men nach zwei­jäh­ri­ger Ge­schäfts­tä­tig­keit auf dem Fest­land Kre­di­te in der chi­ne­si­schen Lan­des­wäh­rung Yuan ver­ge­ben dür­fen. Da­bei ist Ana­lys­ten zu­fol­ge der ge­gen­sei­ti­ge Markt­ein­tritt für vier­zehn tai­wa­ne­si­sche Fi­nanz­grup­pen oder Kre­dit­häu­ser so­wie für fünf chi­ne­si­sche Ban­ken ge­plant. Durch die­se Markt­öff­nung wer­den sich die Ka­pi­tal­ver­bin­dun­gen zwi­schen der In­sel­re­pu­blik und dem Reich der Mit­te wei­ter ver­tie­fen.

ECFA ori­en­tiert sich da­bei in wei­ten Tei­len an der Struk­tur des Clo­ser Eco­no­mic Part­nership Ar­ran­ge­ment (Ce­pa), das Pe­king An­fang 2004 mit der Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne Hong­kong ver­ein­bar­te und im Mai 2010 aus­bau­te – ein Frei­han­dels­ab­kom­men, in dem die Volks­re­pu­blik un­ter an­de­rem die Ab­schaf­fung von Im­port­zöl­len für ei­ne gros­se An­zahl von Wa­ren aus Hong­kong ga­ran­tier­te. Teil­wei­se reicht ECFA aus tai­wa­ne­si­scher Sicht so­gar wei­ter als er­war­tet. Ge­plant ist et­wa, dass tai­wa­ne­si­sche Ban­ken in Chi­na, so­bald sie ein Jahr Ge­win­ne schrei­ben, auch an tai­wa­ne­si­sche Un­ter­neh­men, die auf dem Fest­land ak­tiv sind, Kre­di­te in Yuan ver­ge­ben dür­fen.

We­ni­ger ist mehr

Trotz des für bei­de Chi­nas his­to­ri­schen und wich­ti­gen Schritts, der vor we­ni­gen Jah­ren noch un­denk­bar war, ist ECFA in sei­ner ge­gen­wär­ti­gen Form als ein Ba­sis­rah­men­werk zu in­ter­pre­tie­ren – ei­ne Ver­ein­ba­rung, die nicht al­le Er­war­tun­gen er­füllt, die ur­sprüng­lich in sie ge­setzt wor­den sind. Of­fen­kun­dig ha­ben sich die Re­gie­run­gen in Pe­king wie in Tai­peh die Mög­lich­keit of­fen ge­las­sen, das Rah­men­ab­kom­men spä­ter zu er­wei­tern. Statt al­le Plä­ne schon jetzt ein­bau­en zu wol­len und sich da­durch wo­mög­lich in lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen zu ver­stri­cken und so den Zeit­fahr­plan nicht ein­hal­ten zu kön­nen, stand wohl das recht­zei­ti­ge Er­rei­chen der De­ad­line im Vor­der­grund.

Im März 2012 fin­den in Tai­wan Prä­si­dent­schafts­wah­len statt. Für die KMT-Re­gie­rung von Ma Ying-jeou ist es da­her aus wahl­tak­ti­schen Über­le­gun­gen ge­schick­ter, 2011 neue – wo­mög­lich weg­wei­sen­de – Er­fol­ge in den Be­zie­hun­gen zu Chi­na vor­zei­gen zu kön­nen. ECFA könn­te da­bei durch­aus auch als Platt­form für neue wirt­schaft­li­che Initia­ti­ven zwi­schen den bei­den Chi­nas die­nen. Pe­king wie­der­um kann sei­ne Char­meof­fen­si­ve ge­gen­über Tai­wa­ne­sen fort­set­zen und so der KMT im Wahl­kampf even­tu­ell Un­ter­stüt­zung leis­ten. In die­sem Sin­ne dürf­te jetzt punk­to ECFA we­ni­ger mehr ge­we­sen sein.

Der Bör­se Tai­peh wird ECFA kaum neue Im­pul­se ver­lei­hen. Tai­wa­ne­si­sche Ti­tel sind zwar nicht teu­er be­wer­tet, aber auch kei­ne Schnäpp­chen. ECFA war schon 2009 die gros­se An­la­ge­sto­ry in Tai­peh und ist weit­ge­hend in den Ak­ti­en­kur­sen ein­ge­baut. Das lau­fen­de Jahr wird mit Blick auf ECFA kaum mehr gros­se Fort­schrit­te brin­gen. An­le­ger soll­ten in­des das Ge­samt­bild nicht ver­ges­sen. Tai­wan und Chi­na nä­hern sich wei­ter an, wo­von auf lan­ge Sicht bei­de Volks­wirt­schaf­ten pro­fi­tie­ren, vor al­lem aber die­je­ni­ge Tai­wans. Im nächs­ten Jahr dürf­te es wohl die ei­ne oder an­de­re po­li­tisch mo­ti­vier­te Über­ra­schung ge­ben, was der Bör­se Tai­peh neue Auf­triebs­kraft ver­lei­hen könn­te.

Chair­man der in Tai­wan ba­sier­ten Straits Ex­ch­an­ge Foun­da­ti­on, den Prä­si­den­ten der chi­ne­si­schen As­so­cia­ti­on for Re­la­ti­ons Across the Tai­wan Straits, Chen Yun­lin, zum Rah­men­ver­trag zwi­schen Tai­wan und Chi­na.

Chiang Pin-kung,

be­glück­wünscht in Chong­qing

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