Deut­sche Bio­tech hofft und bangt

Kon­so­li­die­rungs­zwang und Fi­nan­zie­rungs­sor­gen – Kommt Pflicht­an­ge­bot für Wi­lex zum Min­dest­preis? – No­vum von Mor­pho­sys

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - GA­B­RIE­LE ZEL­LER- SIL­VA,

Wä­re nicht Diet­mar Hopp in Bio­tech­no­lo­gie in­ves­tiert, wür­de Ge­sell­schaf­ten wie Wi­lex noch we­ni­ger Auf­merk­sam­keit zu­teil wer­den als oh­ne­hin schon. Dass der SAP-Mit­be­grün­der und Sport­mä­zen sein En­ga­ge­ment in Wi­lex über die Die­vi­ni Hopp Bio­tech Hol­ding auf rund 36% auf­ge­stockt hat und so­mit ein Pflicht­an­ge­bot fäl­lig wird, hat den An­le­gern zwei­er­lei in Er­in­ne­rung ge­ru­fen: Die deut­sche Bio­tech-Bran­che lebt, und es gibt wei­ter­hin Per­so­nen, die wil­lens sind, gros­se Sum­men zu in­ves­tie­ren. Die Be­reit­schaft, hoch­ris­kan­te En­ga­ge­ments ein­zu­ge­hen, die viel Ge­duld er­for­dern, hat seit der Fi­nanz­kri­se stark ab­ge­nom­men.

Die In­ves­ti­ti­ons­zu­rück­hal­tung bringt die Bran­che in Kon­so­li­die­rungs­zwang und rückt auch die Fra­ge nach der Fi­nan­zie­rung in den Vor­der­grund. Ge­ra­de klei­ne­re und ka­pi­tal­schwa­che Ge­sell­schaf­ten sind da­von be­trof­fen. Als Fi­nan­zie­rungs­quel­le ist vor al­lem die Phar­main­dus­trie ge­fragt: Wi­lex, Me­di­ge­ne, aber auch Agen­nix (vor­mals GPC Bio­tech) su­chen Ent­wick­lungs­part­ner. Die Zei­ten, in de­nen sie durch­fi­nan­ziert wa­ren, schei­nen vor­bei zu sein. Dass die Phar­main­dus­trie wei­ter in­ter­es­siert ist, be­le­gen die jüngs­ten Mil­li­ar­den­über­nah­men von Merck und Astel­las.

Ver­brei­te­te Part­ner­su­che

Für den Krebs­mit­tel­spe­zia­lis­ten Wi­lex ist es zur­zeit sehr span­nend. Nicht nur, dass auf das Pflicht­an­ge­bot ge­war­tet wird und der bel­gi­sche Präk­li­nik­part­ner UCB sei­nen An­teil auf 18% auf­ge­stockt hat, es ste­hen auch wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen an. Für den Hoff­nungs­trä­ger Me­su­pron, der sich in der kli­ni­schen Pha­se II be­fin­det und ein Um­satz­po­ten­zi­al von 1 Mrd.$ ha­ben soll, will man noch 2010 ei­nen welt­wei­ten Li­zenz­part­ner fin­den. Ge­sprä­che da­zu lau­fen. Auch für Ren­car­ex (Um­satz­po­ten­zi­al: 500 Mio. $) hofft Wi­lex im nächs­ten Jahr ei­nen Part­ner zu fin­den. Vor­aus­set­zung da­für sind je­doch gu­te Da­ten aus der Zwi­schen­ana­ly­se zur Wirk­sam­keit der lau­fen­den kli­ni­schen Pha­se III, der letz­ten Stu­fe vor dem Zu­las­sungs­an­trag. Wei­ter fort­ge­schrit­ten ist das bild­ge­ben­de an­ti­kör­per­ba­sier­te Krebs­dia­gnos­ti­kum Re­dec­ta­ne (Um­satz­po­ten­zi­al: 100 Mio. $): Schon En­de Jahr könn­te ein An­trag auf Zu­las­sung in den USA ge­stellt wer­den.

Die Li­qui­di­tät von Wi­lex reicht je­doch nur noch bis zum drit­ten Quar­tal; dann gibt es noch ei­ne Zu­sa­ge über 20 Mio. €. Schon in der Ver­gan­gen­heit hat die Ge­sell­schaft trotz in­ter­es­san­ter Pro­jek­te mit knap­pen Fi­nan­zen ge­ar­bei­tet. Doch nicht nur des­halb ist ein En­ga­ge­ment in das mit 105 Mio. € be­wer­te­te Un­ter­neh­men für Nor­mal­an­le­ger un­ge­eig­net. Der Be­weis der Wirk­sam­keit von Ren­car­ex steht noch aus, und auch die Su­che nach ei­nem Part­ner – ein sol­cher pro­fi­tiert oft mehr vom Um­satz – kann noch län­ger dau­ern.

Ein wei­te­rer Punkt ist zu be­ach­ten: Im Kurs spie­gelt sich die Er­war­tung ei­ner Über­nah­me­prä­mie. Die könn­te sich je­doch als trü­ge­risch er­wei­sen, denn wie Die­vi­ni-Ge­schäfts­füh­rer Fried­rich von Boh­len und Hal­bach ge­gen­über «Fi­nanz und Wirt­schaft» er­klär­te, hat die Hol­ding kein In­ter­es­se dar­an, Wi­lex zu über­neh­men. Wo aber ein sol­ches In­ter­es­se fehlt, darf kein ge­ne­rö­ses Pflicht­an­ge­bot er­war­tet wer­den. Es wür­de da­her über­ra­schen, wenn mehr als der ge­setz­li­che Min­dest­preis ge­bo­ten wür­de. Er ent­spricht dem hö­he­ren Wert von dem durch­schnitt­li­chen Bör­sen­kurs der drei Mo­na­te vor Pu­bli­ka­ti­on des An­ge­bots und dem höchs­ten Preis, den der Bie­ter in den sechs Mo­na­ten zu­vor für den Er­werb von Ak­ti­en be­zahlt hat. Die Mög­lich­keit ei­nes Min­dest­an­ge­bots birgt Ent­täu­schungs­po­ten­zi­al.

Me­di­ge­ne hat mit Ve­re­gen und Eli­gard zwar zwei markt­gän­gi­ge Pro­duk­te und auch Part­ner da­für, aber Ge­winn er­war­tet der Vor­stand erst für 2015, und das auch nur so­fern der Hoff­nungs­trä­ger En­do­tag-1 bis da­hin zu­ge­las­sen ist. Das Krebs­mit­tel be­fin­det sich in der Er­pro­bungs­pha­se II und zei­tigt dort er­mu­ti­gen­de Er­geb­nis­se. Ihm wird ein Spit­zen­um­satz von 1 Mrd.€ zu­ge­traut. Die Part­ner­su­che läuft schon seit län­ge­rem; noch im lau­fen­den Jahr hofft man, Ab­schlüs­se zu er­rei­chen.

Bei dem zwei­ten Hoff­nungs­trä­ger, Rhu­dex ge­gen rheu­ma­to­ide Ar­thri­tis, soll die Ent­wick­lung nach ei­nem Rück­schlag spä­tes­tens An­fang 2011 wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Me­di­ge­ne kon­zen­triert sich auf we­ni­ge Pro­jek­te, was an­ge­sichts ei­ner Li­qui­di­tät von 8,2 Mio. € per 31. März (mit ei­ner Ka­pi­tal­zu­sa­ge von bis zu 16 Mio. €) ver­ständ­lich ist. Ein En­ga­ge­ment in den Ak­ti­en drängt sich nicht auf.

Mor­pho­sys hebt sich ab

Mor­pho­sys hebt sich in mehr­fa­cher Hin­sicht vor­teil­haft vom Gros der deut­schen Bran­chen­ver­tre­ter ab. Das Un­ter­neh­men hat früh erst ein­mal sei­ne Hu­cal-An­ti­kör­per­tech­no­lo­gie ver­mark­tet. Mit Part­nern wie No­var­tis, Ro­che und Pfi­zer kann es so auf 65 Part­ner­pro­gram­me ver­wei­sen, die Mei­len­stein­zah­lun­gen ga­ran­tie­ren. No­var­tis hat die Ko­ope­ra­ti­on bis 2017 ga­ran­tiert und will mehr An­ti­kör­per als vor­ge­se­hen von der Präk­li­nik in die kli­ni­sche Ent­wick­lung brin­gen. So schreibt Mor­pho­sys schon jetzt schwar­ze Zah­len.

Der Vor­stand setzt auch auf ei­ge­ne Ent­wick­lun­gen, der­zeit sind es sechs. Weil zu­nächst die Fi­nan­zie­rung im Vor­der­grund stand, ist Mor­pho­sys mit die­sen Pro­gram­men al­ler­dings noch nicht so weit fort­ge­schrit­ten. Min­des­tens vier sol­len sich bis En­de Jahr je­doch in Pha­se II be­fin­den.

Ein No­vum hat das Un­ter­neh­men am Sonn­tag ge­mel­det: Erst­mals hat es ei­nen Wirk­stoff­kan­di­da­ten von aussen ein­ge­kauft – ei­nen the­ra­peu­ti­schen Krebs­an­ti­kör­per in Pha­se I. Die Ein­li­zen­zie­rung ist Teil ei­ner welt­weit ex­klu­si­ven Li­zen­zund Ko­ope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung mit der US-Ge­sell­schaft Xen­cor. Bio­tech-in­ter­es­sier­te An­le­ger fin­den in Mor­pho­sys ei­ne in­ter­es­san­te An­la­ge. Das Un­ter­neh­men hat sich als zu­ver­läs­sig er­wie­sen, und die ho­he An­zahl An­ti­kör­per­the­ra­peu­ti­ka ist viel­ver­spre­chend. Das lässt Rück­schlä­ge ver­schmer­zen und min­dert das Ri­si­ko.

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