Eu­ro­pa am Schei­de­weg

Ob mit oder oh­ne Eu­ro – Eu­ro­pa steht vor schwe­ren Zei­ten. Ein Aus­ein­an­der­bre­chen der Eu­ro­zo­ne lässt sich trotz im­men­ser ge­mein­schaft­li­cher Hil­fe nicht aus­schlies­sen. THO­MAS STRAUB­HAAR

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - FORT­SET­ZUNG AUF SEI­TE 6

Be­gin­nen wir mit Deutsch­land, für das 2010 ein Jahr der ver­blüf­fen­den Ge­gen­sät­ze war. Das Brut­to­in­land­pro­dukt stieg re­al fast 4%, so viel wie nie im ge­ein­ten Deutsch­land nach dem Wie­der­ver­ei­ni­gungs­boom 1991. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te fiel auf 7%, mehr als 41 Mio. Per­so­nen ha­ben ei­nen Job. Die so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Be­schäf­ti­gung lag bei über 28 Mio. Das sind un­glaub­li­che Re­kor­de. Noch vor kur­zem hät­te man da­von nicht zu träu­men ge­wagt.

An­de­rer­seits stand die ei­ge­ne Wäh­rung auf der Kip­pe. «Über­lebt der Eu­ro?», war die Fra­ge im Früh­jahr. «Über­lebt Deutsch­land den Eu­ro?», lau­tet sie heu­te, da ein Eu­ro­land nach dem an­de­ren vor dem Staats­bank­rott steht. Vor al­lem Deutsch­land ächzt un­ter den stei­gen­den Las­ten, die ihm als Zahl­meis­ter der Eu­ro­zo­ne zu­ge­mu­tet wer­den.

Wenn es nur so ein­fach wä­re

Nur dank im­men­ser ge­mein­schaft­li­cher Not­hil­fen konn­te bis an­hin das Schlimms­te ver­hin­dert wer­den. Noch im­mer lässt sich je­doch ein Aus­ein­an­der­bre­chen der Eu­ro­zo­ne nicht aus­schlies­sen. Von vie­len wird das En­de des Eu­ros in sei­ner heu­ti­gen Form gar als All­heil­mit­tel pro­pa­giert. Tie­fe Ve­r­un­si­che­rung prägt so­mit zur Jah­res­wen­de die Stim­mung an den De­vi­sen­märk­ten. Das lässt den Fran­ken zu ei­ner welt­weit ge­such­ten Flucht­wäh­rung wer­den. 2010 hat er sich ge­gen­über dem Eu­ro rund 15%, ge­gen­über dem bri­ti­schen Pfund gut 10% und ge­gen­über dem Dol­lar rund 8% auf­ge­wer­tet. Für die Schwei­zer Ex­port­in­dus­trie und den Tou­ris­mus sind das kei­ne ein­fa­chen Ver­hält­nis­se.

Ge­wief­te Car­ry Tra­ders nut­zen die Gunst der St­un­de. Sie ver­schul­den sich güns­tig in Dol­lar und kau­fen da­mit Eu­ro, die dann den drin­gend auf neue Kre­di­te an­ge­wie­se­nen pe­ri­phe­ren Eu­rolän­dern ge­gen ei­ne ho­he Ri­si­ko­prä­mie ge­lie­hen wer­den. Im Er­geb­nis wirkt das zur­zeit für den Eu­ro noch sta­bi­li­sie­rend. Car­ry Tra­des ma­chen heut­zu­ta­ge den Eu­ro ge­gen­über dem Dol­lar stär­ker, als an­ge­sichts al­ler an­de­rer Fak­to­ren zu er­war­ten wä­re.

So­lan­ge der Eu­ro zur US-Wäh­rung sta­bil bleibt oder sich so­gar auf­wer­tet, wird die Rech­nung der Spe­ku­lan­ten auf­ge­hen. Im Fall ei­ner Ab­wer­tung hin­ge­gen sieht es schlecht aus für sie, die in Dol­lar lau­ten­den Schul­den wür­den teu­rer. Ent­spre­chend dürf­ten Car­ry Tra­des zu­neh­mend schnell auf­ge­löst wer­den, so­bald sich die nächs­te Eu­ro­kri­se ab­zeich­net. Das wie­der­um wür­de den Wert­zer­fall des Eu­ros wei- Tho­mas Straub­haar ist Pro­fes­sor für Wirt­schafts­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Ham­burg und Lei­ter des HWWI-In­sti­tuts in der Han­se­stadt. ter ver­stär­ken und die At­trak­ti­vi­tät des Fran­kens und da­mit die Pro­ble­me un­se­rer Ex­port­in­dus­trie zu­sätz­lich ver­grös­sern.

Von al­len Sei­ten wird nun auf den in Deutsch­land so un­be­lieb­ten Eu­ro ein­ge­prü­gelt. Er wird als Sün­den­bock für die ins Ufer­lo­se ge­hen­den Staats­schul­den der Eu­ro­län­der ver­ant­wort­lich ge­macht. Folg­lich müs­se man nur den Eu­ro auf­ge­ben. Vor­ge­schla­gen wird ei­ne Zwei­tei­lung in ei­ne har­te Nord­zo­ne um Deutsch­land, Be­ne­lux und Skan­di­na­vi­en und ei­ne wei­che Südzo­ne um Frank­reich, Spa­ni­en und Ita­li­en. An­de­re wol­len gar zur D-Mark zu­rück­keh­ren. Er­war­tet wird, dass mit dem En­de des Eu­ros al­les wie­der gut wer­den wür­de. Wenn es nur so ein­fach wä­re!

Mit oder oh­ne Eu­ro ste­hen Eu­ro­pa schwe­re Zei­ten be­vor. Denn die Kri­se des Eu­ros ist im Kern nichts an­de­res als das Nach­be­ben der Fi­nanz­kri­se. Selbst­ver­ständ­lich hat die öf­fent­li­che Ver­schul­dung in Eu­ro­pa ei­ne lan­ge Ge­schich­te. Die wach­sen­de So­zi­al­staat­lich­keit hat­te in der Nach­kriegs­zeit ste­tig zur Fol­ge, dass der Staat mehr aus­gab, als er ein­nahm. Kei­ne Fra­ge, dass man fälsch­li­cher­wei­se glaub­te, mit im­mer kür­ze­ren Ar­beits­zei­ten im­mer mehr Frei­zeit auf staat­li­che Kos­ten ma­chen zu kön­nen. Ja, die Grie­chen sind zu früh in Ren­te ge­gan­gen, die Por­tu­gie­sen ha­ben über ih­re Ver­hält­nis­se ge­lebt.

Der Irr­tum ei­nes pa­ra­die­si­schen Le­bens in ei­nem eu­ro­päi­schen Schla­raf­fen­land war je­doch höchs­tens am Ran­de ei­ne Fol­ge des Eu­ros. Eher hat der eu­ro­päi­sche Sta­bi­li­täts­pakt zu­min­dest ei­ne ge­wis­se Dis­zi­pli­nie­rung her­bei­ge­führt und we­nigs­tens in ei­ni­gen Län­dern, al­len vor­an in Deutsch­land, zu ers­ten Re­for­men bei­ge­tra­gen. Ganz si­cher aber war es nicht so, dass mit dem Eu­ro die über­bor­den­den Staats­aus­ga­ben in den pe­ri­phe­ren Eu­rolän­dern mög­lich wur­den, die jetzt die gan­ze Eu­ro­zo­ne in den Ab­grund zu stür­zen dro­hen. Nein, die heu­ti­ge Kri­se der Staats­haus­hal­te ist zu­al­ler­erst die un­mit­tel­ba­re Fol­ge der staat­li­chen Hilfs­ak­tio­nen, um pri­va­te Ban­ken vor dem Kon­kurs und das Fi­nanz­sys­tem vor dem Kol­laps zu ret­ten.

Am iri­schen Bei­spiel lässt sich die­ser Zu­sam­men­hang ex­em­pla­risch ver­an­schau­li­chen. Im Sep­tem­ber 2008 hat­te die iri­sche Re­gie­rung für al­le na­tio­na­len Ban­ken die Bürg­schaft über­nom­men. Da­mit wur­den al­le Gut­ha­ben pri­va­ter Gläu­bi­ger vom Staat ga­ran­tiert. Mit der Fol­ge, dass sich der Staat schlicht über­ho­ben hat, weil die of­fe­nen Lö­cher, die pri­va­te iri­sche Ban­ken auf­wie­sen, zu tief wa­ren. Im Ja­nu­ar 2009 muss­te die ers­te iri­sche Bank kom­plett ver­staat­licht wer­den, wei­te­re folg­ten. 2010 wen­de­te Ir­land rund 20% des BIP für die Ban­ken­ret­tung auf.

Vor der Fi­nanz­markt­kri­se er­ziel­te es zwi­schen 1997 und 2007 mit Aus­nah­me von 2002 Jahr für Jahr öf­fent­li­che Bud­get­über­schüs­se. Mit der Kri­se ex­plo­dier­te die Net­to­neu­ver­schul­dung von 7% (2008) auf 14% (2009) und 32% (2010), und sie wird ge­mäss OECD auch in den kom­men­den Jah­ren hoch blei­ben: 10% im Jahr 2011 und 7% 2012. Weil das aus Sicht des Eu­ro­sta­bi­li­täts­pak­tes viel zu viel ist (er­laubt sind nur 3%), muss die iri­sche Re­gie­rung nun enorm har­te Mass­nah­men zur Sa­nie­rung der öf­fent­li­chen Haus­hal­te um­set­zen. Das war und ist der Preis für den An­fang De­zem­ber 2010 von der EU, den Eu­rolän­dern und der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank auf­ge­spann­ten 85 Mrd. € brei­ten Ret­tungs­schirm für Ir­land. Die Spar­an­stren­gun­gen wer­den die oh­ne­hin schon ho­he iri­sche Ar­beits­lo­sig­keit von 14% eher ze­men­tie­ren als sin­ken las­sen. Das wie­der­um wird ei­ne ra­sche Ge­ne­sung des Staats­haus­halts wei­ter er­schwe­ren. In der Tat droht Ir­land für die nächs­ten Jah­re ei­ne bit­te­re, lan­ge Re­zes­si­on.

Kaum oh­ne Um­schul­dung

Was in Ir­land ge­schah, kann – und, man muss be­fürch­ten, wird – im neu­en Jahr in je­dem schwa­chen Eu­ro­land ge­sche­hen. Grie­chen­lands BIP wird 2011 fast 3% schrump­fen. In Por­tu­gal wird es bes­ten­falls un­ver­än­dert blei­ben. In Spa­ni­en dürf­te es nach zwei­jäh­ri­ger Re­zes­si­on wie­der leicht wach­sen, aber die Ar­beits­lo­sig­keit wird nur knapp un­ter 20% ver­har­ren. Es zeigt sich mit al­ler Deut­lich­keit, wie ein­schnei­dend sich die be­reits in die We­ge ge­lei­te­ten Sa­nie­rungs­mass­nah­men und Kür­zun­gen öf­fent­li­cher Aus­ga­ben auf Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung aus­wir­ken. Si­cher ist: Soll­te der eu­ro­päi­sche Ret­tungs­schirm nicht tra­gen und wür­de ei­nes der Eu­ro­län­der zah­lungs­un­fä­hig, wä­ren die ma­kro­öko­no­mi­sche

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