Sys­tem­wech­sel zum Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip

Steu­er­freie Aus­schüt­tung an die Ak­tio­nä­re aus Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen seit An­fang Jahr mög­lich – Hand­ha­bung im künf­ti­gen Ak­ti­en­recht noch of­fen

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - ALAIN P. RÖTH­LIS­BER­GER

Mit dem Bun­des­ge­setz vom 23. März 2007 über die Ver­bes­se­rung der steu­er­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für un­ter­neh­me­ri­sche Tä­tig­kei­ten und In­ves­ti­tio­nen (Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form­ge­setz II) wur­de die Rück­zah­lung von Ein­la­gen, Auf­gel­dern (Agio) und Zu­schüs­sen von In­ha­bern der Be­tei­li­gungs­rech­te neu ge­re­gelt. Da­nach wer­den Ka­pi­tal­ein­la­gen von In­ha­bern der Be­tei­li­gungs­rech­te dem Grund-oder Stamm­ka­pi­tal gleich­ge­stellt (so­ge­nann­tes Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip).

Am 1. Ja­nu­ar 2011 hat das Sys­tem vom Nenn­wert-zum Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip ge­wech­selt . Wäh­rend un­ter dem bis­he­ri­gen Nenn­wert­prin­zip nur ei­ne Rück­zah­lung des Grund-oder Stamm­ka­pi­tals (Nenn­wert) steu­er­frei war, sind un­ter dem Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip auch Aus­schüt­tun­gen von Di­vi­den­den aus Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen von der Ver­rech­nungs-und Ein­kom­mens­steu­er aus­ge­nom­men. Da­mit un­ter­lie­gen nur noch aus­ge­schüt­te­te Ge­win­ne der Di­vi­den­den­be­steue­rung, nicht aber die Rück­zah­lung von Ka­pi­tal­ein­la­gen, so­fern es da­bei sich um Auf­gel­der oder Zu­schüs­se han­delt, die nach dem 31. De­zem­ber 1996 ge­leis­tet wur­den.

Die Eid­ge­nös­si­sche Steu­er­ver­wal­tung (ESTV) hat hier­zu am 9. De­zem­ber 2010 das Kreis­schrei­ben Nr. 29 ver­öf­fent­licht. Es ent­hält buch­hal­te­ri­sche und ad­mi­nis­tra­ti­ve Vor­ga­ben, re­gelt Spe­zi­al­fäl­le und gibt Ant­wor­ten zum neu­en Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip. Mit dem Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip ver­schwin­det die öko­no­misch un­sin­ni­ge un­ter­schied­li­che steu­er­li­che Be­hand­lung der Rück­zah­lung von Grund- oder Stamm­ka­pi­tal und von den Nenn­wert über­stei­gen­den Ka­pi­tal­ein­la­gen, so­fern die Be­tei­li­gungs­rech­te von na­tür­li­chen Per­so­nen in ih­rem Pri­vat­ver­mö­gen ge­hal­ten wer­den.

Da­mit Auf­gel­der und Zu­schüs­se steu­er­frei zu­rück­ge­zahlt wer­den kön­nen, müs­sen sie ge­mäss Kreis­schrei­ben ver­bucht und in der han­dels­recht­li­chen Bi­lanz se­pa­rat in ei­nem Un­ter­kon­to der ge­setz­li­chen Re­ser­ven als Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen of­fen aus­ge­wie­sen wer­den, und zwar spä­tes­tens in der han­dels­recht­li­chen Schluss­bi­lanz des Ge­schäfts­jahrs, das im Ka­len­der­jahr 2011 en­det, für be­reits be­ste­hen­de Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven.

Vie­les zu be­ach­ten

Zu­dem sind die ver­buch­ten Ve­rän­de­run­gen die­ser Re­ser­ven mit ei­nem spe­zi­el­len For­mu­lar jähr­lich der ESTV zu mel­den, wo­bei ei­ne erst­ma­li­ge Mel­dung für be­ste­hen­de Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven frü­hes­tens ab dem 1. Ja­nu­ar 2011 bis spä­tes­tens dreis­sig Ta­ge nach Ge­neh­mi­gung der Jah­res­rech­nung 2011 statt­zu­fin­den hat. Da­ne­ben sind für ei­ne Rück­zah­lung von Auf­gel­dern und Zu­schüs­sen eben­falls die ge­sell­schafts­recht­li­chen Aus­schüt­tungs­sper­ren zu be­ach­ten.

Mit der Ver­bu­chung und dem Aus­weis der Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen als Un­ter­kon­to der ge­setz­li­chen Re­ser­ven stellt sich auch die Fra­ge, ob et­wa Über­pa­ri-Ein­la­gen im Rah­men von Ka­pi­tal­er­hö­hun­gen un­ter die Aus­schüt­tungs­sper­ren fal­len. In der Pra­xis kön­nen Auf­gel­der aus­ge­schüt­tet wer­den, so­fern sie zu­erst in freie Re­ser­ven um­ge­bucht wer­den. Die Eid­ge­nös­si­sche Steu­er­ver­wal- tung ak­zep­tiert die Um­bu­chung von Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen in freie Re­ser­ven, so­fern sie um­ge­hend aus­ge­schüt­tet wer­den. Fin­det in­des kei­ne so­for­ti­ge Aus­schüt­tung nach der Um­bu­chung in freie Re­ser­ven statt, ist kei­ne ver­rech­nungs­steu­er­freie Rück­zah­lung mehr mög­lich.

Ge­mäss Rund­schrei­ben ge­hen Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen ver­lo­ren, wenn sie mit Ver­lus­ten ver­rech­net wer­den. Bis zum Vor­lie­gen ei­ner ge­fes­tig­ten Pra­xis emp­fiehlt es sich des­halb, aus Vor­sichts­grün­den Ver­lus­te ge­mäss Brut­to­aus­weis se­pa­rat als ne­ga­ti­ves Ei­gen­ka­pi­tal aus­zu­wei­sen, um das Po­ten­zi­al zur steu­er­frei­en Di­vi­den­den­aus­schüt­tung nicht zu be­ein­träch­ti­gen.

Der Wech­sel zum Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip er­leich­tert den Ge­sell­schaf­ten die Rück­zah­lung von Ka­pi­tal­ein­la­gen, in­dem es, im Ge­gen­satz zur her­kömm­li­chen Nenn­wert­rück­zah­lung, nicht das for­ma­le Ka­pi­tal­her­ab­set­zungs­ver­fah­ren er­for­dert, das un­ter an­de­rem ei­nen Re­vi­si­ons­be­richt und ei­nen drei­ma­li­gen Schul­den­ruf ver­langt. Un­ter gel­ten­dem Ak­ti­en­recht kann die Rück­zah­lung von Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen, un­ter Vor­be­halt der an­wend­ba­ren Aus­schüt­tungs­sper­ren, so­mit im Rah­men ei­ner Di­vi­den­de voll­zo­gen wer­den. Ge­sell­schaf­ten, et­wa die an der SIX Swiss Ex­ch­an­ge ko­tier­te Crea­lo­gix, ha­ben be­reits ei­ne «Aus­schüt­tung aus dem Agio» an­ge­kün­digt (vgl. FuW Nr. 84 vom 27. Ok­to­ber und Nr. 10 vom 6. Fe­bru­ar 2010).

Für Ge­sell­schaf­ten er­gibt sich zu­nächst ein Hand­lungs­be­darf aus der Be­stim­mung und dem se­pa­ra­ten Aus­weis der be­ste­hen­den Ka­pi­tal­ein­la­gen in der Han­dels­bi­lanz für das Ge­schäfts­jahr, das im Ka­len­der­jahr 2011 en­det. Mit ei­ner spe­zi­el­len Da­tei «Ka- pi­tal­ein­la­ge­prin­zip» müs­sen der ESTV erst­ma­lig bis spä­tes­tens dreis­sig Ta­ge nach Ge­neh­mi­gung der Jah­res­rech­nung 2011 die ent­spre­chen­den In­for­ma­tio­nen über­mit­telt wer­den. Da­ne­ben ist das spe­zi­el­le

Po­ten­zi­al für steu­er­freie Rück­zah­lung For­mu­lar zur Mel­dung des Be­stands der be­reits exis­tie­ren­den Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven per 1. Ja­nu­ar 2010 ein­zu­rei­chen. Wei­ter emp­fiehlt es sich, den Aus­weis der Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven be­reits im Bi­lanz­ab­schluss 2010 vor­zu­neh­men und die Da­tei «Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip» mit Blick auf die Jah­res­rech­nung 2010 aus­zu­fül­len, falls ei­ne Ge­sell­schaft be­reits für das Ge­schäfts­jahr 2010 die Aus­schüt­tung von Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen plant.

Fle­xi­bi­li­tät bei­be­hal­ten

Ob das Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip auch un­ter dem künf­ti­gen Ak­ti­en­recht Be­stand ha­ben wird, ist zur­zeit noch of­fen. Wäh­rend der Ent­wurf des Bun­des­rats vom 21. De­zem­ber 2007 in Art. 671 Abs. 2 Ziff. 1-3 E-OR bei der Ver­wen­dung der ge­setz­li­chen Ka­pi­tal­re­ser­ven ei­ne Aus­schüt­tung von Auf­gel­dern nicht vor­sieht, be­schloss der Stän­de­rat im Ju­ni 2009 in Ab­wei­chung vom Ent­wurf, dass die Ka­pi­tal­re­ser­ve auch zur Rück­zah­lung an die Ak­tio­nä­re ver­wen­det wer­den kann, so­weit die ge­setz­li­chen Re­ser­ven die Hälf­te des Ak­ti­en­ka­pi­tals über­stei­gen (neue Ziff. 4).

Die Kom­mis­si­on für Rechts­fra­gen des Na­tio­nal­rats stell­te in der Fol­ge je­doch den An­trag, die­se Er­gän­zung des Stän­de­rats zu strei­chen. Es bleibt zu hof­fen, dass das Par­la­ment die per 1. Ja­nu­ar 2011 ge­schaf­fe­ne Fle­xi­bi­li­tät im Rah­men der Re­vi­si­on des Ak­ti­en­rechts bei­be­hält und nicht be­reits kur­ze Zeit nach ih­rer Schaf­fung auf dem ge­sell­schafts­recht­li­chen Weg zu Gr­a­be trägt. Alain P. Röth­lis­ber­ger ist Coun­try Ge­ne­ral Coun­sel der Ge­ne­ral Electric in Zü­rich.

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