Smart Grids wer­den zum Mil­li­ar­den­ge­schäft

In­tel­li­gen­te Strom­net­ze lie­fern wich­ti­gen Bei­trag zum Kli­ma­schutz – Un­ter­neh­men brin­gen sich in Po­si­ti­on – Be­darf nach Stan­dar­di­sie­rung – At­trak­ti­ve An­la­ge­chan­cen

Finanz und Wirtschaft - - AUTOMOBIL - FRANK HEI­NI­GER

Geht es um Kli­ma­f­ra­gen, ist der Be­griff Smart Grid nicht fern. In­tel­li­gen­te­re Strom­net­ze sol­len mass­geb­lich da­zu bei­tra­gen, die Emis­si­on von Treib­haus­ga­sen zu re­du­zie­ren – in­dem sie die Er­zeu­gung, Ver­tei­lung und den Ver­brauch von Elek­tri­zi­tät ef­fi­zi­en­ter ma­chen. Doch der Nut­zen hat sei­nen Preis: Um den glo­ba­len CO2-Aus­stoss (Koh­len­di­oxid) bis 2050 hal­bie­ren zu kön­nen, sind ge­mäss der In­ter­na­tio­na­len Ener­gie­agen­tur IEA Smart-Grid-In­ves­ti­tio­nen zwi­schen 50 und 75 Mrd. $ pro Jahr nö­tig.

Ei­ni­ges spricht da­für, dass das nicht blos­se Fik­ti­on bleibt. Be­reits jetzt stos­sen vie­ler­orts die Elek­tri­zi­täts­net­ze an ih­re Be­las­tungs­gren­zen. Das liegt auch am wach­sen­den An­teil der Wind-und So­lar­kraft, de­ren Strom­pro­duk­ti­on stark schwankt und nicht ex­akt pro­gnos­ti­ziert wer­den kann. Ei­ne Er­neue­rung der In­fra­struk­tur scheint – auch in Hin­sicht auf den dro­hen­den Kli­ma­kol­laps – un­ab­ding­bar, zu­mal ei­ne hö­he­re Ef­fi­zi­enz ope­ra­ti­ve Kos­ten­ein­spa­run­gen er­mög­licht. Die Ana­lys­ten des ja­pa­ni­schen Wert­schrif­ten­hau­ses No­mu­ra sind des­halb zu­ver­sicht­lich, dass in den USA, Eu­ro­pa und Ja­pan bis 2030 durch­schnitt­lich über 60 Mrd. $ pro Jahr in Smart Grids flies­sen wer­den (vgl. Gra­fik).

Was macht die Net­ze smart?

Doch be­reits jetzt wird in Smart Grids in­ves­tiert. Der Da­ten­dienst­leis­ter Bloom­berg hat welt­weit – et­wa in Ja­pan, Gross­bri­tan­ni­en und Aus­tra­li­en – rund drei­hun­dert lau­fen­de Pro­gram­me iden­ti­fi­ziert. In den USA sind als Teil des Sti­mu­lie­rungs­pa­kets 3,5 Mrd. $ vor­ge­se­hen, die auf hun­dert ver­schie­de­ne Pro­jek­te ver­teilt wer­den. Chi­na hat an­ge­kün­digt, bis ins Jahr 2020 rund 660 Mrd. $ in Elek­tri­zi­täts­net­ze in­ves­tie­ren zu wol­len, wo­von ein klei­ner Teil auch Smart­Grid-Tech­no­lo­gi­en be­tref­fen soll.

Die wach­sen­de Re­le­vanz des The­mas zeigt sich auch in der re­gen M&A-Ak­ti­vi­tät. Um vom künf­ti­gen Geld­se­gen zu pro­fi­tie­ren, brin­gen sich im­mer mehr Un­ter­neh­men mit Zu­käu­fen in Stel­lung. Wie et­wa ABB: Der Elek­tro-und Au­to­ma­ti­ons­tech­nik­kon­zern hat sich im Mai 2010 Ven- tyx ein­ver­leibt. Der Her­stel­ler von Soft­ware für das Ener­gie­ma­nage­ment, ein wich­ti­ger Be­reich bei Smart Grids, war ABB rund 1 Mrd. $ wert. Neue Ein­kom­mens­quel­len ver­spricht sich auch die ITBran­che. Kon­zer­ne wie Ora­cle, IBM oder Cis­co Sys­tems hof­fen, ihr tech­no­lo­gi­sches Know-how in Smart Grids ein­zu­brin­gen.

Doch was macht Strom­net­ze in­tel­li­gent? Ein zen­tra­les Ele­ment sind die Smart Me­ters. Die elek­tro­ni­schen Zäh­ler er­fas­sen den Strom­ver­brauch de­tail­liert beim End­kun­den. Sie er­mög­li­chen es, die Kon­sum­mus­ter zu über­wa­chen und zu steu­ern. Der Be­reich ist be­reits weit ge­die­hen: So ver­langt die Eu­ro­päi­sche Uni­on von ih­ren Mit­glied­staa­ten, spä­tes­tens bis 2022 al­le Strom­zäh­ler mit Smart Me­ters zu er­set­zen. Fall­stu­di­en las­sen je­doch dar­auf schlies­sen, dass die Kos­ten der Ge­rä­te zu-

Ni­schen­play­er und In­dus­trie­kon­glo­me­ra­te wol­len am Boom teil­ha­ben

AAerst noch sin­ken müs­sen, bis sich der Ein­satz für den End­nut­zer wirk­lich rech­net.

Die ge­sam­mel­ten Da­ten wer­den an­schlies­send über das In­ter­net oder per Funk an die Ver­sor­ger über­mit­telt. Mit­tels spe­zi­el­ler Soft­ware (Me­ter-Da­ta-Ma­nage­ment, MDM) las­sen sie sich spei­chern, ana­ly­sie­ren und Nach­fra­ge­mus­ter iden­ti­fi­zie­ren. Da­mit wird zu­dem die Ba­sis ge­legt, von ei­ner sta­ti­schen zu ei­ner dy­na­mi­schen Kos­ten­ver­rech­nung über­zu­ge­hen.

Ver­rin­ge­rung von Last­spit­zen

Zu den Mög­lich­kei­ten ei­nes Smart Grids zählt näm­lich, die schwan­ken­den Strom­ver­brauchs­mus­ter zu glät­ten. Denn um Nach­fra­ge­spit­zen ab­zu­de­cken, wie sie et­wa in heis­sen Mo­na­ten zur Mit­tags­zeit auf­tre­ten, müs­sen teu­re Spit­zen­last­kraft­wer­ke be­reit­ge­hal­ten wer­den. Mit­tels De­mand Re­s­pon­se (Nach­fra­ge­steue­rung) kön­nen in­dus­tri­el­le und pri­va­te End­be­zü­ger ih­ren Kon­sum ab­hän­gig vom Strom­preis ge­stal­ten. Laut ei­ner Stu­die der USE­ner­gie­kom­mis­si­on FERC wür­de so die Spit­zen­nach­fra­ge um über 5% re­du­ziert.

In den USA be­tä­ti­gen sich be­reits Un­ter­neh­men wie Ener­noc oder Com­ver­ge als In­ter­me­di­är. Ih­re Kun­den – gros­se Strom­ab­neh­mer wie Spi­tä­ler, Su­per­märk­te oder In­dus­trie­be­trie­be – er­klä­ren sich be­reit, bei Be­darf den Strom­kon­sum zu­rück­zu­fah­ren. 40 bis 60% der Ge­büh­ren, wel­che die In­ter­me­diä­re da­für von den Ver­sor­gern er­hal­ten, wer­den an die Kun­den wei­ter­ge­reicht. Der Rest ver­bleibt den Un­ter­neh­men als Prä­mie.

Auch die Ge­bäu­de­tech­nik lässt sich di­rekt an die Smart Grids kop­peln. So kön­nen strom­fres­sen­de An­wen­dun­gen wie Kli­ma­an­la­gen, Be­leuch­tung oder Be­lüf­tung an Preis­si­gna­le ge­knüpft wer­den.

Die gröss­ten Smart-Grid-In­ves­ti­tio­nen dürf­ten laut No­mu­ra aber in Bat­te­ri­en flies­sen. Ak­ku­mu­la­to­ren er­lau­ben es ei­ner­seits, am Pro­duk­ti­ons­ort den von Wind-und So­lar­kraft­wer­ken er­zeug­ten Strom zu spei­chern und die Ein­spei­sung zu glät­ten. An­de­rer­seits hel­fen Bat­te­ri­en im Netz mit, die nö­ti­ge Ba­lan­ce zwi­schen Strom­pro­duk­ti­on und -ver­brauch zu wah­ren. Sonst muss stets teu­re Er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tät be­reit­ge­hal­ten wer­den, die ab­ge­ru­fen wird, falls et­wa durch Kraft­werkspan­nen ein Un­gleich­ge­wicht ent­steht.

Auch Elek­tro­au­tos hel­fen mit

Die IEA geht da­von aus, dass welt­weit 200 bis 300 Gi­ga­watt (GW) an Re­gel­ka­pa­zi­tät ver­füg­bar sein muss, um die Emis­si­ons­zie­le 2050 zu er­rei­chen (als Ver­gleich: Deutsch­land be­sitzt ei­nen Kraft­werk­park von rund 120 GW). Zieht man Pump­spei­cher­kraft­wer­ke ab, bleibt ei­ne Lü­cke von 100 bis 200 GW üb­rig. Sie könn­te künf­tig auch durch Elek­tro­au­tos re­du­ziert wer­den: Fahr­zeu­ge, die mit dem Elek­tri­zi­täts­netz ver­bun­den sind, kön­nen nachts ih­re Bat­te­ri­en auf­la­den, in Spit­zen­last­stun­den aber wie­der Strom ins Sys­tem ein­spei­sen.

Als letz­tes Ele­ment der Smart Grids lässt sich die Ver­bes­se­rung der Strom­über­tra­gung ab­gren­zen. Neue su­pra­lei­ten­de Ma­te­ria­li­en mi­ni­mie­ren die Über­tra­gungs­ver­lus­te und er­hö­hen die Ka­pa­zi­tät der Ka­bel so­wie ih­re Zu­ver­läs­sig­keit.

Auch wenn Smart Grids die Zu­kunft ge­hört: Die gros­sen In­ves­ti­ti­ons­vo­lu­men dürf­ten sich erst über die nächs­ten Jah­re re­spek­ti­ve Jahr­zehn­te ent­fal­ten. Ei­ner­seits ha­ben Kli­ma­aus­ga­ben im aku­el­len Wirt­schafts­um­feld ei­nen schwe­ren Stand. An­de­rer­seits müs­sen die Teil­be­rei­che ei­nes Smart Grids, um das Po­ten­zi­al voll aus­zu­schöp­fen, mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen. Es dürf­te al­ler­dings noch ei­ne Wei­le dau­ern, bis auf na­tio­na­ler re­spek­ti­ve glo­ba­ler Ebe­ne ver­bind­li­che Smart­Grid-Stan­dards fest­ge­setzt wer­den.

Ei­ne neue Ära bricht an: In­tel­li­gen­te­re Net­ze ma­chen die Pro­duk­ti­on, die Ver­tei­lung und den Kon­sum von Strom ef­fi­zi­en­ter.

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