Die Edel­stahl­bran­che im Um­bruch

Die Eu­ro­pä­er se­hen sich mit gros­sen Über­ka­pa­zi­tä­ten kon­fron­tiert – Chi­ne­si­sche An­bie­ter ha­ben das Markt­um­feld ver­än­dert

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - UL­RICH SCHÄ­RER

Auf dem eu­ro­päi­schen Edel­stahl­markt kün­di­gen sich Ve­rän­de­run­gen an. Ein kla­res Zei­chen da­für ist der Ent­scheid des Stahl­mul­tis Ar­celor Mit­tal, die­sen Ak­ti­vi­täts­be­reich ab­zu­spal­ten und im ers­ten Quar­tal die­ses Jah­res als selb­stän­di­ge Ge­sell­schaft an der Bör­se ein­zu­füh­ren. Der Ent­scheid wird in ei­nem Markt­um­feld ge­trof­fen, das von be­trächt­li­chen Über­ka­pa­zi­tä­ten ge­prägt ist – Über­ka­pa­zi­tä­ten, die die Er­trags­la­ge der eu­ro­päi­schen An­bie­ter auf Jah­re hin­aus be­las­ten wer­den. Hand­lungs­be­darf be­steht vor die­sem Hin­ter­grund auch für die Kon­kur­ren­ten Ace­rin­ox, Ou­to­kum­pu und nicht zu­letzt Thys­sen-Krupp.

Die Her­aus­for­de­run­gen die­ser Ge­sell­schaf­ten sind be­trächt­lich: Nach­dem sie bis in die zwei­te Hälf­te des letz­ten Jahr­zehnts wie die Mas­sen­stahl-und die Spe­zi­al­stahl­her­stel­ler von der re­gen Nach­fra­ge aus dem Reich der Mit­te pro­fi­tier­ten, hat sich der Chinaf­ak­tor zu­se­hends ins Ne­ga­ti­ve ge­wen­det. Chi­ne­si­sche Ge­sell­schaf­ten ha­ben über die ver­gan­ge­nen Jah­re mas­siv Ka­pa­zi­tät auf­ge­baut, was für die Eu­ro­pä­er be­deu­te­te, dass ihr Ex­port nach Asi­en prak­tisch zum Er­lie­gen kam (vgl. Gra­fik). Und nicht nur das: Chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men sind zu ge­wich­ti­gen Ex­por­teu­ren ge­wor­den; ih­re Er­zeug­nis­se fin­den den Weg auch nach Eu­ro­pa.

Mas­si­ve Be­las­tung

Die Wirt­schafts­kri­se hat die Be­las­tungs­pro­be für die eu­ro­päi­schen An­bie­ter noch ver­schärft, wie das Bei­spiel Thys­senK­rupp deut­lich zeigt: Der Edel­stahl­be­reich des deut­schen Kon­zerns – der über die Jah­re hin­weg zwi­schen 11 und 17% der Ge­samt­ein­nah­men aus­mach­te – er­litt im Ge­schäfts­jahr 2008/2009 ei­nen Be­triebs­ver­lust (Ebit) von 864 Mio. €; die­ser Fehl­be­trag mach­te 52% des kon­so­li­dier­ten Fehl­be­trags aus.

Die schwie­ri­ge Si­tua­ti­on lässt sich auch an der deut­lich ge­sun­ke­nen Ka­pa­zi­täts­aus­las­tung der Un­ter­neh­men ab­le­sen: im Fall des fin­ni­schen An­bie­ters Ou­to­kum­pu von 87% im Jahr 2006 auf 75%, was Kon­zern­chef Ju­ha Ran­ta­nen auch auf die wei- ter­hin spür­ba­re wirt­schaft­li­che Un­si­cher­heit zu­rück­führt. Das schwie­ri­ge Um­feld hat sei­nen Nie­der­schlag in den Re­sul­ta­ten ge­fun­den: Nach ei­nem Ver­lust von 336 Mio. € im Ge­schäfts­jahr 2009 wird der stark auf Eu­ro­pa (74% des Um­sat­zes) aus­ge­rich­te­te fin­ni­sche Kon­zern vor­aus­sicht­lich auch für 2010 ei­nen Ver­lust aus­wei­sen. Bes­ser hält sich die Ge­sell­schaft Ace­rin­ox, der an­de­re eu­ro­päi­sche An­bie­ter, der aus­schliess­lich im Edel­stahl­ge­schäft tä­tig ist: Sei­ner aus­ge­präg­ten geo­gra­fi­schen Di­ver­si­fi­ka­ti­on ist es we­sent­lich zu­zu­schrei­ben, dass 2010 die Rück­kehr in die Ge­winn­zo­ne mit schät­zungs­wei­se 150 (im Vor­jahr: –229) Mio. € mög­lich wur­de.

Am Ak­ti­en­markt sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer wie­der Spe­ku­la­tio­nen auf­ge­kom­men, dass die schwie­ri­ge Si­tua­ti­on durch die Über­nah­me ein­zel­ner Edel­stahl­her­stel­ler be­rei­nigt wer­den könn­te; vor die­sem Hin­ter­grund weck­ten die Ak­ti­en von Ace­rin­ox zum Jah­res­en­de hin viel In­ter­es­se an der Ma­dri­der Bör­se. Doch ei­ni­ge Be­ob­ach­ter wür­de es über­ra­schen, wenn sich sol­che Spe­ku­la­tio­nen kon­kre­ti­sier­ten. In ei­ner um­fas­sen­den Stu­die weist die ita­lie­ni­sche Gross­bank Uni­credit zu Recht dar­auf hin, dass ein Zu­sam­men­schluss un­ter den gros­sen vier in Eu­ro­pa al­lein schon aus kar­tell­recht­li­chen Grün­den kaum mach­bar sei. Ein Zu­sam­men­schluss von Ou­to­kum­pu mit den Edel­stahl­ak­ti­vi­tä­ten von Ar­celor Mit­tal wür­de un­ter ei­nem Dach gut 50% der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten in Eu­ro­pa zu­sam­men­fas­sen, was die Be­hör­den kaum zu­las­sen könn­ten. Die Ace­rin­ox-Füh­rung ih­rer­seits hat mit ih­rer Stra­te­gie klar zum Aus­druck ge­bracht, dass sie in an­de­ren Welt­re­gio­nen mehr Wachs­tums­po­ten­zi­al or­tet als auf dem Al­ten Kon­ti­nent. Sie kon­zen­trier­te die In­ves­ti­tio­nen denn auch zu­se­hends auf Ma­lay­sia und die USA.

Schwie­ri­ge Ber­ei­ni­gung

Ei­ne an­de­re Fra­ge ist, ob ein aus­ser­eu­ro­päi­scher An­bie­ter wie die ko­rea­ni­sche Posco in ei­ne Über­nah­me in­ves­tie­ren wird, um sich Zu­gang zu den eu­ro­päi­schen Märk­ten zu si­chern. Das Ar­gu­ment scheint pri­ma vis­ta plau­si­bel. Doch es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass ein Schwer­ge­wicht wie Posco die Al­lo­ka­ti­on sei­ner Res­sour­cen sorg­fäl­tig ab­wägt. Und dann stellt sich schnell die Fra­ge, ob der durch Über­ka­pa­zi­tä­ten be­las­te­te eu­ro­päi­sche Markt un­ter dem Ren­ta­bi­li­täts­as­pekt at­trak­ti­ver sein kann als die schnell wach­sen­den Schwel­len­märk­te Asi­ens.

Die Struk­tur­be­rei­ni­gung in Eu­ro­pa ist so oder so vor al­lem von den eu­ro­päi­schen Edel­stahl­her­stel­lern zu er­brin­gen. Im­mer­hin hat die Füh­rung von Ar­celor Mit­tal be­schlos­sen, dass der neu ge­grün­de­te Edel­stahl­an­bie­ter Ape­ram be­trächt­li­che Mit­tel in die Ra­tio­na­li­sie­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats in­ves­tie­ren wird. Da­durch soll auch die Ka­pa­zi­tät in Eu­ro­pa von 1,49 auf 1,39 Mio. t re­du­ziert wer­den. Man darf ge­spannt sein, wel­che wei­te­ren Im­pul­se der ver­selb­stän­dig­te New­co­mer dem Markt in Eu­ro­pa ge­ben wird. Auch im Fall Thys­sen-Krupp sind Ra­tio­na­li­sie­rungs­be­mü­hun­gen im Gan­ge nach dem schwe­ren Ge­winn­ein­bruch im Ge­schäfts­jahr 2008/2009. Thys­sen scheint auch De­ves­ti­tio­nen ge­prüft zu ha­ben, oh­ne je­doch Lö­sun­gen ge­fun­den zu ha­ben.

Die Pro­ble­ma­tik der Über­ka­pa­zi­tä­ten wird sich je­den­falls nicht schnell lö­sen las­sen. Das spe­zia­li­sier­te Ana­ly­se­un­ter­neh­men CRU – auf des­sen Re­se­arch auch die Stahl­her­stel­ler zu­rück­grei­fen – schätzt die welt­wei­ten Über­ka­pa­zi­tä­ten auf rund 11 Mio. t, da­von fin­det sich ein be­trächt­li­cher Teil in Eu­ro­pa und in Chi­na. Im­mer­hin ge­hen die meis­ten Be­ob­ach­ter da­von aus, dass die Nach­fra­ge nach Edel­stahl­pro­duk­ten wei­ter­hin schnel­ler wächst als nach an­de­ren Stahl­er­zeug­nis­sen und sich so die Ka­pa­zi­täts­aus­las­tung nach und nach bes­sert – und mit ihr auch die Er­trags­la­ge in der Bran­che. Doch Re­kord­er­geb­nis­se wie im Jahr 2006 sind für die ein­zel­nen An­bie­ter vor­läu­fig nicht mehr in Sicht.

Eu­ro­pä­er wie Thys­sen-Krupp sind die füh­ren­den An­bie­ter im Edel­stahl­ge­schäft. Die An­bie­ter lei­den in­des un­ter man­geln­der Ren­ta­bi­li­tät.

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