Est­land macht es Un­garn vor

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - LR,

Zwei post­kom­mu­nis­ti­sche Län­der, zwei neue EU-Mit­glie­der: Doch ver­schie­de­ner könn­ten die Län­der mitt­ler­wei­le kaum sein. Un­garn, der eins­ti­ge Re­form­mus­ter­kna­be und In­ves­to­ren­lieb­ling, ent­wi­ckelt sich un­ter Ka­bi­nett­chef Vik­tor Or­ban seit ge­rau­mer Zeit zum Sor­gen­kind. An­statt das von der Gyurc­sa­ny-Re­gie­rung ver­erb­te Haus­halts­loch von über 9% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) mit der vom In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds ver­ord­ne­ten Spar­mass­nah­men zu stop­fen, sa­niert Orb­ans na­tio­nal-kon­ser­va­ti­ve Fi­desz-Par­tei das De­fi­zit durch dras­ti­sche Be­steue­rung aus­län­di­scher Kon­zer­ne.

Al­lein die ös­ter­rei­chi­sche Ers­te Bank wird durch die vo­r­erst für drei Jah­re ge­plan­te Kri­sen­steu­er 44 Mio. € ab­füh­ren müs­sen. Das sind 75% des Rein­ge­winns von 2009. Ver­gli­chen mit dem An­teil des Ban­ken­sek­tors an der un­ga­ri­schen Wirt­schaft ist die Be­steue­rung drei-bis vier­mal hö­her als an­ders­wo in Eu­ro­pa.

Har­te Ein­grif­fe

Um 2011 das De­fi­zit­ziel von 3% des BIP zu er­rei­chen, will sich die Re­gie­rung Mil­li­ar­den aus pri­va­ten un­ga­ri­schen Ren­ten­fonds si­chern. Bis En­de Ja­nu­ar müs­sen sich drei Mil­lio­nen Ar­beit­neh­mer ent­schei­den, ob sie in das staat­li­che Sys­tem zu­rück­keh­ren oder wei­ter 8% der Ab­ga­ben in die Fonds ab­füh­ren und so deut­li­che Ren­ten­min­de­run­gen in Kauf neh­men. Die Mass­nah­me kommt ei­ner Ver­staat­li­chung der Ren­ten­bei­trä­ge gleich.

Die Bu­da­pes­ter Bör­se und der Forint sack­ten dar­auf­hin ab. Ra­tin­ga­gen­tu­ren senk­ten ih­re Be­wer­tun­gen des un­ter den neu­en EU-Mit­glie­dern mit 79% Ver­schul­dung zu den am meis­ten be­las­te­ten Län­dern zäh­len­den Sta­ta­tes auf das Ni­veau von Ru­mä­ni­en und Lett­land. In die­sem Zu­stand über­nahm Un­garn am 1. Ja­nu­ar den EU-Vor­sitz. Gleich­zei­tig trat in Bu­da­pest ein Me­di­en­ge­setz in Kraft, das un­ter dem Vor­wand ei­ner «aus­ge­wo­ge­nen Be­richt­er­stat­tung» die ein­hei­mi­schen Me­di­en mund­tot ma­chen soll. Ein Grund mehr, sich um «eu­ro­päi­sche Wer­te» zu sor­gen.

Wachs­tum und In­fla­ti­on

Das klei­ne Est­land, des­sen Ein­woh­ner­zahl mit 1,3 Mil­lio­nen ei­ner gros­sen eu­ro­päi­schen Stadt gleich­kommt, geht an­de­re We­ge. Eben­falls ab 1. Ja­nu­ar trat die ehe­ma­li­ge so­wje­ti­sche Re­pu­blik als sieb­zehn­tes Land der Eu­ro­zo­ne bei. Ei­ner Aus­zeich­nung ist sich das Land schon jetzt si­cher: Es wird das Ärms­te der Mit­glie­der sein. Das Durch­schnitts­ein­kom­men in Est­land be­trägt et­wa 700 €, und das Brut­to­in­land­pro­dukt macht pro Kopf und Jahr 18 000 $. Den­noch wird sich Est­land an ge­mein­sa­men Ret­tungs­pa­ke­ten für weit­aus wohl­ha­ben­de­re Eu­ro­län­der be­tei­li­gen.

Die Um­stel­lung Est­lands auf den Eu­ro macht durch­aus Sinn. Gleich nach dem Zer­fall der So­wjet­uni­on wur­de die est­ni­sche Kro­ne an die D-Mark und spä­ter an den Eu­ro ge­kop­pelt. Auch sei­ne Schul­den hat Est­land zum gröss­ten Teil in Eu­ro. Seit 2002 er­wirt­schaf­tet der est­ni­sche Haus­halt ei­nen Über­schuss. So ge­lang es auch im Kri­sen­jahr 2009, in dem die est­ni­sche Wirt­schaft um 14% ein­brach, die Staats­fi­nan­zen in gu­tem Zu­stand zu hal­ten. 2011 rech­nen die Es­ten mit ei­nem BIP von plus 4,4%. Wach­sen soll al­ler­dings auch die Teue­rung, und zwar, wie die EU-Kom­mis­si­on be­fürch­tet, um 3,6%. Der Ein­fluss von Est­land auf die Eu­ro­zo­ne dürf­te sich in Gren­zen hal­ten. Die est­ni­sche Wirt­schaft macht le­dig­lich zwei Pro­mil­le der ge­sam­ten EU-Öko­no­mie aus.

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