Im Span­nungs­feld

Chi­nas No­ten­bank ge­for­dert – Über­hitz­ter Im­mo­bi­li­en­markt und In­fla­ti­on die Sor­gen­kin­der

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ERNST HERB

CEng ver­wo­ben

hi­na bleibt mit Blick auf die un­si­che­re Kon­junk­tur­ent­wick­lung in den USA und die an­hal­ten­den Pro­ble­me im Eu­ro­raum mit ei­nem für 2011 er­war­te­ten Wirt­schafts­wachs­tum von mehr als 9% die Lo­ko­mo­ti­ve der Welt­wirt­schaft. An­de­rer­seits ge­winnt in der Volks­re­pu­blik Chi­na mit der an Fahrt auf­neh­men­den Teue­rung und den in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren mas­siv ge­wach­se­nen Bank­bi­lan­zen auch die Fra­ge nach der Ro­bust­heit der Bin­nen­kon­junk­tur an Ein­dring­lich­keit. Da­mit wird im lau­fen­den Jahr der seit 2003 am­tie­ren­de chi­ne­si­sche No­ten­bank­prä­si­dent Zhou Xiao­chuan zu­neh­mend in den Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses ei­ner brei­te­ren Öf­fent­lich­keit tre­ten. Al­ler­dings ist nicht zu er­war­ten, dass der 62-jäh­ri­ge Zhou ei­nen ähn­li­chen Star­sta­tus er­lan­gen wird wie sein ame­ri­ka­ni­scher Amts­kol­le­ge Ben Bernan­ke. Das liegt nicht in ers­ter Li­nie an der Per­sön­lich­keit des Chefs der Peop­le’s Bank of Chi­na, son­dern an den wirt­schafts­po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­me­cha­nis­men der Volks­re­pu­blik.

Denn von ei­ner Un­ab­hän­gig­keit der chi­ne­si­schen Zen­tral­bank kann nicht die Re­de sein. Zhou, der als aus­ge­spro­che­ner Tech­no­krat gilt, ist zwar Mit­glied des chi­ne­si­schen Staats­rats, aber die Peop­le’s Bank of Chi­na ist wei­sungs­ge­bun­den. Letz­te Ent­schei­de fällt nicht der Staats­rat, son­dern das Po­lit­bü­ro der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Der an die No­ten­bank ge­stell­te Auf­trag als Wäh­rungs­hü­ter oder Auf­se­her der Ban­ken bleibt da­bei auch 2011 klar. Nicht der Sta­bi­li­tät der Prei­se oder der So­li­di­tät des Fi­nanz­sys­tems kommt Prio­ri­tät zu, son­dern der «Wah­rung der so­zia­len Sta­bi­li­tät». Dass die­se Vor­ga­be nicht im­mer leicht zu er­fül­len ist, muss­te Zhou, dem der Ruf vor­aus­eilt, ein Re­for­mie­rer zu sein, in ei­ner an­de­ren Po­si­ti­on be­reits ein­mal er­le­ben. Nach den 1989 von der Ar­mee nie­der­ge­schla­ge­nen Stu­den­ten­pro­tes­ten ver­lor er sein Amt als stell­ver­tre­ten­der Han­dels­mi­nis­ter. Doch der sehr gut Eng­lisch spre­chen­de Zhou blieb nicht lan­ge im po­li­ti­schen Nie­mands­land. Von 1991 bis 1997 war er die Num­mer zwei der Bank of Chi­na, ei­ner der vier vom Staat kon­trol­lier­ten Gross­ban­ken des Lan­des. Da­nach stand er rund zwei Jah­re dem staat­li­chen De­vi­sen­amt vor, von wo er erst­mals zur Zen­tral­bank wech­sel­te, um da als Vi­ze­gou­ver­neur zu am­tie­ren. Von 1998 bis Fe­bru­ar 2000 lei­te­te er auch die staat­lich kon­trol­lier­te Chi­na Con­struc­tion Bank. Dort fiel sein Leis­tungs­aus­weis durch­zo­gen aus. Zwar brach­te er mehr Trans­pa­renz in das über 13 000 Aus­sen­stel­len zäh­len­de In­sti­tut. Doch der An­teil der not­lei­den­den Kre­di­te be­lief sich zum Zeit­punkt von Zhous Ab­gang nach wie vor auf mehr als 30% al­ler aus­ge­lie­he­nen Gel­der. Ab 2000 bis 2003 stand er der Fi­nanz­markt­auf­sichts­be­hör­de vor, wo er sich durch sein en­er­gi­sche Ein­schrei­ten ge­gen Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen ei­nen Ruf mach­te. Von den bei­den Fest­land­bör­sen Schang­hai und Shen­zhen wur­de sein ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen über wei­te Stre­cken mit ei­ner schlech­ten Per­for­mance quit­tiert.

Zhous be­mer­kens­wer­te Kar­rie­re­lei­ter zeigt auf, wie eng in Chi­na Staat und «Pri­vat­wirt­schaft» auch nach Jahr­zehn­ten markt­wirt­schaft­li­cher Re­for­men noch im­mer ver­wo­ben sind. Zhou kam sei­nem of­fi­zi­el­len Auf­trag an der Spit­ze der Peop­le’s Bank of Chi­na bis­her gut nach. Zwar ist vor al­lem im Aus­land die Kri­tik an Chi­nas Wech­sel­kurs­po­li­tik im Ver­lauf der Jah­re ge­stie­gen. Spe­zi­ell die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ma­chen die ih­rer An­sicht nach un­ter­be­wer­te­te Lan­des­wäh­rung Ren­min­bi für die be­schleu­nig­te Ver­la­ge­rung von Ar­beits­plät­zen aus den hoch in­dus­tria­li­sier­ten Staa­ten nach Chi­na und die da­mit ent­stan­de­nen glo­ba­len Un­gleich­ge­wich­te ver­ant­wort­lich. Doch Asi­ens gröss­te Volks­wirt­schaft spür­te die Fol­gen der glo­ba­len Fi­nanz­markt­kri­se we­gen der lo­cke­ren Geld­po­li­tik, der weit ge­öff­ne­ten Kre­dit­schleu­sen der Ban­ken so­wie des zur Stüt­zung der Ex­port­wirt­schaft tief ge­hal­te­nen Ren­min­bis nur mar­gi­nal.

Die un­er­wünsch­ten Ne­ben­wir­kun­gen die­ser Kon­junk­tur­po­li­tik ma­chen sich jetzt aber zu­neh­mend auf dem chi­ne­si­schen Bin­nen­markt be­merk­bar. Da­mit steht Zhou heu­te vor der wohl gröss­ten Her­aus­for­de­rung sei­ner Kar­rie­re. Denn trotz strik­ter Ka­pi­tal­kon­trol­len schwappt we­gen des an­hal­tend gros­sen Han­delsund Leis­tungs­bi­lanz­über­schus­ses reich­lich Li­qui­di­tät nach Chi­na über. Es fällt der Peop­le’s Bank of Chi­na zu­neh­mend schwer, den un­er­wünsch­ten Ka­pi­tal­zu­fluss auf­zu­fan­gen und ins Aus­land zu re­ex­por­tie­ren. Und dort, wo das ge­lingt, kommt die Zen­tral­bank we­gen der ge­rin­gen Ren­di­te et­wa in der An­la­ge­klas­se ame­ri­ka­ni­scher Staats­ob­li­ga­tio­nen in­nen­po­li- tisch im­mer stär­ker un­ter Be­schuss. An­de­rer­seits treibt die vor­herr­schend gros­se Li­qui­di­tät zu­neh­mend die Prei­se auf dem Bin­nen­markt in die Hö­he.

Be­grenz­ter Er­folg

Sor­ge be­rei­tet nicht nur der über­hitz­te Im­mo­bi­li­en­markt, son­dern auch die sich be­schleu­ni­gen­de In­fla­ti­on. Auf die­se Ent­wick­lun­gen hat die chi­ne­si­sche Zen­tral­bank im ver­gan­ge­nen Jahr be­reits mit zwei Zins­er­hö­hun­gen und sechs Hoch­stu­fun­gen des Min­dest­re­ser­ve­sat­zes für die Ge­schäfts­ban­ken re­agiert. Auch liess sie ab letz­tem Früh­som­mer den Aus­sen­wert des Ren­min­bis ge­gen­über dem Dol­lar erst­mals seit Aus­bruch der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se wie­der leicht stei­gen. Gleich­zei­tig ver­füg­te die Re­gie­rung ei­ne Rei­he von Preis­kon­trol­len – et­wa für Brenn­stof­fe und Gr­und­nah­rungs­mit­tel.

All das hat bis­her nur be­grenz­ten Er­folg ge­zeigt. Das ge­gen­wär­ti­ge ma­kro­öko­no­mi­sche Um­feld lässt die Kauf­kraft ei­ner wach­sen­den An­zahl Bür­ger zum ers­ten Mal seit zwan­zig Jah­ren fal­len. Zhou kann nicht ent­gan­gen sein, dass da­bei im Reich der Mit­te auch die so­zia­len Span­nun­gen stei­gen. Da­mit wächst die Ge­fahr, dass er zu hart auf die Kon­junk­tur­brem­se tritt und so den Wachs­tums­mo­tor ab­würgt.

Zhou Xiao­chuan

Chi­nas Zen­tral­bank­chef

rückt zu­neh­mend ins Ram­pen­licht.

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