Spa­ni­ens Re­gio­nen ein Ri­si­ko­fak­tor

Feh­len­de Spar­dis­zi­plin – Wach­sen­de Ver­schul­dung

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - AN­GE­LI­KA ENG­LER,

Spa­ni­en steht mit ei­nem un­trag­bar ho­hen Haus­halts­de­fi­zit un­ter gros­sem in­ter­na­tio­na­len Druck: Nach ei­nem Fehl­be­trag von 11,2% des Brut­to­in­land­pro­dukts im Jahr 2009 soll das Mi­nus 2010 noch 9,3% be­tra­gen und dann stu­fen­wei­se bis 2013 auf die im Eu­ro­raum er­laub­ten 3% sin­ken. Doch wäh­rend der Zen­tral­staat in Ma­drid sei­ne Aus­ga­ben kräf­tig senkt und sei­nen Part ernst­haft zu spie­len scheint, ge­ra­ten die sieb­zehn au­to­no­men Re­gio­nen im­mer mehr in das Vi­sier von Ana­lys­ten, die in ih­nen zu­se­hends ei­nen Ri­si­ko­fak­tor se­hen, wenn es dar­um geht, die De­fi­zit­zie­le zu er­rei­chen.

«Zu Boom­zei­ten sind die Re­gio­nen in ho­he struk­tu­rel­le Aus­ga­ben ver­fal­len, die nicht dem na­tio­na­len Wohl­stand Spa­ni­ens ent­spre­chen und die von Grund auf re­vi­diert wer­den müs­sen», meint zu die­sem The­ma Ju­lio Gó­mez Po­mar, Di­rek­tor des Zen­trums für Fi­nanz­we­sen, das von Pri­ce­wa­ter­hou­seCo­o­pers und der Ma­dri­der Bu­si­ness School In­sti­tu­to de Em­pre­sa (IE) ge­mein­sam ge­führt wird. Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass of­fen­bar nie­mand so recht weiss, wie sich die an­ge­spro­che­nen Fi­nan­zen prä­sen­tie­ren: «Die Buch­füh­rung der Re­gio­nen ist un­durch­sich­tig, so­gar für den Zen­tral­staat», schrieb die re­gie­rungs­freund­li­che Ta­ges­zei­tung «El País» un­längst. «Die Re­gio­nal­re­gie­run­gen ha­ben stets Au­to­no­mie mit feh­len­der Trans­pa­renz ver­wech­selt. Oft ver­tei­len sie auf halb­staat­li­che Un­ter­neh­men Schul­den, die in ih­ren Etats auf­tau­chen müss­ten.»

Nun hat Wirt­schafts-und Fi­nanz­mi­nis­te­rin Ele­na Sal­ga­do kürz­lich De­fi­zit­da­ten der au­to­no­men Re­gio­nen für die ers­ten neun Mo­na­te 2010 vor­ge­legt – al­ler­dings auf Druck der Ra­ting­agen­tur Moo­dy’s, die mit ih­rer Mit­te De­zem­ber aus­ge­spro­che­nen War­nung, dass Spa­ni­ens der­zei­ti­ges Lang­fris­tra­ting Aa1 in Ge­fahr sei, ei­ne «feh­len­de Spar­dis­zi­plin» der Re­gio­nen un­ter­strich. Nach den Zah­len von Sal­ga­do lag das durch­schnitt­li­che De­fi­zit al­ler Lan­des­re­gie­run­gen bei 1,24%. Und nur Cas­til­la-La Man­cha so­wie Mur­cia schos­sen über das De­fi­zit­ziel 2010 von 2,4% hin­aus. Sal­ga­do lob­te die­se Da­ten als «re­la­tiv nied­rig» und ver­si­cher­te, da­mit wer­de man die 2,4% er­rei­chen. Und Fi­nanz­staats­se­kre­tär Car­los Oca­na dop­pelt nach, der po­si­ti­ve Ef­fekt der hö­he­ren Mehr­wert­steu­er er­lau­be es ge­ge­be­nen­falls, «Haus­halts­lö­cher in den Re­gio­nen» zu stop­fen.

Ei­ne kri­ti­sche Ein­schät­zung

Nicht so po­si­tiv be­wer­tet der Fi­nanz­ex­per­te Gó­mez Po­mar die Da­ten: «Die 2,4% ha­ben be­acht­li­ches Ge­wicht, zu­mal in die­sen Zah­len Gel­der nicht be­rück­sich­tigt sind, die die Re­gio­nen dem Staat zu­rück­zah­len müss­ten. Und da­mit wür­de sich ihr De­fi­zit schon auf 3,1% er­hö­hen.» Noch vor fünf Jah­ren hät­ten die Re­gio­nen zwar wie heu­te 50% des ge­sam­ten Staats­etats zur Ver­fü­gung ge­habt, je­doch ei­nen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt vor­ge­legt, ruft der Ex­per­te in Er­in­ne­rung. Die Ver­schul­dung der Re­gio­nen schnell­te per En­de Sep­tem­ber auf knapp 108 Mrd. € hoch – das sind 10,2% des spa­ni­schen BIP, nach 8,3% im Vor­jahr und nur 5,7% 2007. Die­se Schul­den wol­len re­fi­nan­ziert wer­den.

Ers­te, be­son­ders hoch ver­schul­de­te Re­gio­nen wie Ka­ta­lo­ni­en oder Va­len­cia muss­ten man­gels In­ter­es­se am Markt be­reits auf spa­ni­sche Pri­vat­in­ves­to­ren zu­rück­grei­fen und da­bei gross­zü­gi­ge Ren­di­ten von bis zu 5% zu­ge­ste­hen. Im­mer grös­se­re Kom­pe­ten­zen, et­wa in den Be­rei­chen Ge­sund­heit und Er­zie­hung, im­mer mehr Dou­blet­ten in der Ver­wal­tung, aber auch für gu­te Zei­ten ty­pi­sche Ver­schwen­dungs­sucht, Pres­ti­ge­ob­jek­te und ei­ne Selbst­be­die­nungs­men­ta­li­tät ste­hen hin­ter dem Kos­ten­auf­trieb. «Es ist zum Bei­spiel nicht ver­ständ­lich, dass gleich drei­zehn Re­gio­nen ei­ne ei­ge­ne Ver­tre­tung in Schang­hai ha­ben, wenn der Staat das viel bes­ser bün­deln könn­te», meint Gó­mez Po­mar. Je­de Re­gi­on hat min­des­tens ei­nen ei­ge­nen TV-Sen­der, der mit Steu­er­gel­dern fi­nan­ziert wird und meist de­fi­zi­tär ist. So trägt der Re­gio­nal­sen­der von Va­len­cia Schul­den von mehr als 1 Mrd. € mit sich.

Top 100 der Ver­schwen­dung

Auch die Zahl der Kran­ken­häu­ser ist aus­geu­fert, oh­ne dass ei­ne Pla­nung auf na­tio­na­ler Ebe­ne statt­ge­fun­den hät­te. Ganz zu schwei­gen von der et­wa in Ka­ta­lo­ni­en be­ste­hen­den Nei­gung, die Re­gio­nal­spra­che über das Spa­ni­sche zu stel­len und Un­ter­neh­men zu zwin­gen, al­le In­for­ma­tio­nen min­des­tens dop­pelt vor­zu­le­gen.

Die Ta­ges­zei­tung «El Mun­do» hat kürz­lich ei­ne Lis­te mit den «Top 100 der Ver­schwen­dungs­sucht» vor­ge­legt: Auf den vor­de­ren Rän­gen be­fin­det sich An­da­lu­si­en mit 38 000 Han­dys für das Re­gio­nal­par­la­ment. Die Re­gi­on er­laubt sich zu­dem ei­ne Re­prä­sen­tanz in Ma­drid, qua­si als Ar­beits­be­schaf­fungs­mass­nah­me für den Freund von Ex-Gleich­be­rech­ti­gungs­mi­nis­te­rin Bi­bia­na Aído, mit Kos­ten von 0,5 Mio. €.

Der po­li­ti­sche Wil­le fehlt

«Ver­schie­de­ne Re­gio­nen schei­nen die we­nig for­dern­den Vor­ga­ben für die­ses Jahr be­reits zu ver­feh­len», schreibt Moo­dy’s in ih­rer Ra­ting­war­nung vom 15. De­zem­ber. «Und von den meis­ten ist zu er­war­ten, dass sie nächs­tes Jahr das De­fi­zit­ziel nur über das Kür­zen von In­ves­ti­tio­nen er­rei­chen.» Dies se­he Moo­dy’s aber nicht als «nach­hal­ti­ge» Po­li­tik an. Die Agen­tur ist der An­sicht, der Staat ver­fü­ge letz­ten En­des über kei­nen ge­eig­ne­ten Mecha­nis­mus, um die Re­gio­nen bes­ser zu kon­trol­lie­ren. Dem wi­der­spricht Fi­nanz­ex­per­te Gó­mez Po­mar: «So­wohl die spa­ni­sche Ver­fas­sung als auch das Ge­setz über die Fi­nan­zie­rung der Re­gio­nen ge­ben dem Staat ge­nü­gend Spiel­raum, die Aus­ga­ben bes­ser zu ko­or­di­nie­ren.» Was Spa­ni­ens so­zia­lis­ti­scher Re­gie­rung feh­le, sei viel­mehr der «po­li­ti­sche Wil­le». Doch auch die gröss­te Op­po­si­ti­ons­par­tei, der Par­ti­do Po­pu­lar (PP), ha­be zum Kos­ten­auf­trieb bei­ge­tra­gen, denn sie kon­trol­lie­re fast die Hälf­te al­ler Re­gio­nen. In die­ser Si­tua­ti­on ha­ben bei­de Sei­ten Ver­ant­wor­tung zu tra­gen, ein Pakt zwi­schen den Par­tei­en könn­te ein Aus­weg sein.

«Auf mitt­le­re Sicht wird kein Weg an struk­tu­rel­len Ein­schnit­ten vor­bei­füh­ren, selbst wenn das die Ar­beits­lo­sig­keit erst ein­mal er­höht», meint Gó­mez Po­mar. «An­sons­ten wird das Land die Wett­be­werbs­fä­hig­keit nicht zu­rück­ge­win­nen.»

Ho­he Haus­halts­de­fi­zi­te – wach­sen­de Ver­schul­dung

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