Freie Fahrt für Roh­stof­fe

Ge­winnt die Welt­wirt­schaft an Dy­na­mik, wer­den zy­kli­sche Roh­wa­ren teu­rer – Gu­te Fun­da­men­tal­da­ten für Basismetalle

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ELI­SA­BETH TES­TER AST

Roh­wa­ren sind so gut in das neue Jahr ge­star­tet, wie sie das al­te be­en­det ha­ben. Freu­de herrscht, Op­ti­mis­mus über­wiegt. Roh­öl der Sor­te West Te­xas In­ter­me­dia­te ( WTI) no­tiert so­li­de über 90 $ pro Fass – ein Zwei­jah­res­hoch –, und das kur­ze En­de der Ter­min­kur­ve ist gar in Back­war­da­ti­on ge­kippt: Der nach­fol­gen­de Fu­tures auf Roh­öl ist güns­ti­ger als der ak­tu­el­le, ver­fal­len­de Kon­trakt.

Das deu­tet auf ei­nen Über­schwang der Käu­fer, auf ein kurz­fris­tig knap­pes An­ge­bot oder Nach­schub­schwie­rig­kei­ten hin. Auch die Er­war­tung ei­nes künf­ti­gen Preis­an­stiegs kann zu Back­war­da­ti­on füh­ren. Auf ein paar Mo­na­te hin­aus herrscht je­doch die in den letz­ten Jah­ren üb­li­che Con­tan­go-Si­tua­ti­on (vgl. Text­kas­ten), un­ter an­de­rem des­halb, weil die La­ger trotz ih­res jüngs­ten Rück­gangs im­mer noch voll sind.

Roh­öl hat sich im Ok­to­ber stell­ver­tre­tend für an­de­re zy­kli­sche Roh­stof­fe aus sei­ner mo­na­te­lan­gen Seit­wärts­be­we­gung nach oben be­freit. Die Kon­junk­tur­aus­sich­ten sind bes­ser, die Nach­fra­ge ist ro­bust, und struk­tu­rel­le Schwä­chen im An­ge­bot tre­ten in den Vor­der­grund. Die nicht­zy­kli­schen Edel­me­tal­le und Agrar­pro­duk­te, die 2010 die Wa­ren­grup­pen Ener­gie und Basismetalle über­flü­gel­ten, dürf­ten 2011 das Nach­se­hen ha­ben.

Geld­po­li­tik ist zen­tral

Die Roh­wa­ren­märk­te zeich­nen sich seit dem Aus­bruch der in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­kri­se durch ei­ne ho­he Ab­hän­gig­keit von Geld­po­li­tik und Fi­nanz­märk­ten aus. Die ex­zes­si­ve quan­ti­ta­ti­ve Lo­cke­rung di­ver­ser west­li­cher Zen­tral­ban­ken hat auch ei­ne hö­he­re Vo­la­ti­li­tät (Preis­schwan­kung) in Roh­stof­fen zur Fol­ge.

Die Haupt­fak­to­ren, die im kom­men­den Jahr für die kon­junk­tur­sen­si­ti­ven Roh­stof­fe spre­chen, sind die Li­qui­di­täts­schwem­me und das Wirt­schafts­wachs­tum in Chi­na und an­de­ren Schwel­len­län­dern. Die auf ab­seh­ba­re Zeit lo­cke­re Geld­po­li­tik im Wes­ten und Ja­pan so­wie die re­strik­ti­ve­re Po­li­tik in den wich­tigs­ten Volks­wirt­schaf­ten Süd­ame­ri­kas und Asi­ens – al­len vor­an be­müht sich Pe­king, die (über­hitz­te) Wirt­schaft ab­zu­küh­len – las­sen wei­ter­hin Ka­pi­tal in die Schwel­len­län­der flies­sen, was den Roh­stoff­boom nährt. Zu­sätz­lich hilft die Dol­lar­schwä­che den vor­nehm­lich im Gre­en­back ge­han­del­ten Wa­ren.

Wäh­rend die La­ge in den wich­ti­gen Län­dern Chi­na und den USA zur­zeit eher freund­lich aus­sieht, stellt die Schul­den­kri­se in Eu­ro­pa ei­ne Ge­fahr für die Roh­wa­ren­märk­te dar. Po­li­cy Mis­ta­kes, al­so Feh­ler in der Geld­po­li­tik wie ein zu spä­tes Ab­schöp­fen der Li­qui­di­tät oder um­ge­kehrt ein Ab­wür­gen der Kon­junk­tur so­wie Staats­bank­rotts könn­ten sich als Spiel­ver­der­ber er­wei­sen.

Ge­mäss der Re­se­arch­grup­pe Bank Cre­dit Ana­lyst (BCA) geht es bei der Fi­nanz­kri­se in Eu­ro­pa nicht in ers­ter Li­nie um die Aus­sen­ver­schul­dung, son­dern dar­um, wer in­ner­halb der Eu­ro­zo­ne den For­de­rungs­ver­zicht (Hair­cut) über­nimmt. Pro­ble­ma­tisch für die Roh­wa­ren­märk­te wä­re ein Ein­bre­chen der Kon­junk­tur in Eu­ro­pa. Die phy­si­sche Nach­fra­ge gin­ge zu­rück, und gleich­zei­tig wür­de sich der Dol­lar ge­gen­über dem Eu­ro auf­wer­ten.

Die Ge­fahr wird von den meis­ten Ana­lys­ten je­doch als eher ge­ring ein­ge­schätzt. Der all­ge­mei­ne Aus­blick ist po­si­tiv und ba­siert vor al­lem auf den gu­ten Fun­da­men­tal­da­ten für In­dus­trie­me­tal­le.

Basismetalle in Po­le Po­si­ti­on

Basismetalle pro­fi­tie­ren am meis­ten von ei­nem Kon­junk­tur­auf­schwung. In vie­len Me­tal­len kann das An­ge­bot mit der stei­gen­den Nach­fra­ge nicht Schritt hal­ten.

Der Kup­fer­preis dürf­te auch die­ses Jahr neue Höchst er­klim­men. Auch wenn der Wachs­tums­trend ab­flacht, wird der Be­darf der Schwel­len­län­der hoch sein, und neue An­la­ge­pro­duk­te ver­en­gen den Markt zu­sätz­lich. Die Mi­nen­pro­duk­ti­on ist be­schränkt. Kup­fer ist be­son­ders zy­klisch, da es auf kurz­fris­ti­ge Im­pul­se der Bau­in­dus­trie sehr sen­si­bel re­agiert.

In Alu­mi­ni­um dürf­ten die welt­wei­ten Über­ka­pa­zi­tä­ten an­dau­ern, die an­zie­hen­de Nach­fra­ge stützt je­doch die Kas­sa­prei­se, und das Nach­fra­ge­de­fi­zit soll­te sich lang­sam ver­klei­nern. Alu­mi­ni­um wer­den so­mit eben­falls Avan­cen, wenn auch in ge­rin­ge­rem Aus­mass, zu­ge­traut. Ni­ckel und Zink soll­ten von ei­ner Er­ho­lung der Stahl­in­dus­trie pro­fi­tie­ren, An­ge­bots­eng­päs­se sind je­doch nicht in Sicht.

Auch die Wa­ren­grup­pe Ener­gie ist di­rekt an das Wirt­schafts­wachs­tum ge­kop­pelt. Roh­öl klet­tert lang­sam ge­gen hun­dert. Der Preis für Erd­gas hin­ge­gen dürf­te auf dem heu­ti­gen Ni­veau ver­har­ren oder sin­ken. Die La­ger sind so hoch wie nie, das (Über-)An­ge­bot steigt wei­ter. Der jüngs­te An­stieg der Kas­sa­prei­se ist sai­so­nal be­dingt. Erd­gas war schon 2010 ei­ne der we­ni­gen Roh­wa­ren, de­ren Wert­ent­wick­lung ne­ga­tiv war (–26%).

Gold und Agrar auf Platz 2

Edel­me­tal­le dürf­ten noch ei­ne Wei­le von der Li­qui­di­täts­schwem­me und den ein­her­ge­hen­den In­fla­ti­ons­er­war­tun­gen pro­fi­tie­ren. Die Nach­fra­ge der In­ves­to­ren und die Di­ver­si­fi­ka­ti­on der No­ten­bank­re­ser­ven in Schwel­len­län­dern stüt­zen den Gold­preis zu­sätz­lich.

Nor­ma­li­siert sich die Geld­po­li­tik, was mit stei­gen­den Zin­sen ein­her­geht, wird der Auf­wärts­trend ab­fla­chen. Ver­schie­de­ne Ana­lys­ten, die lang­fris­tig bul­lish auf Gold sind, er­war­ten schon jetzt ei­ne Preis­kon­so­li­die­rung, die je­doch durch die Eu­ro­kri­se ver­zö­gert wird. Die kon­junk­tur­sen­si­ti­ve­ren Pla­tin, Pal­la­di­um und Sil­ber dürf­ten 2011 hel­ler glän­zen als Gold, ob­schon auch dort Kor­rek­tu­ren fäl­lig sind.

Agrar­pro­duk­te ha­ben lang­fris­tig auf­grund de­mo­gra­fi­scher und kli­ma­ti­scher Fak­to­ren viel Po­ten­zi­al für Preis­avan­cen. Kurz­fris­tig un­ter­lie­gen sie ho­hen Schwan­kun­gen und re­agie­ren hef­tig auf An­ge­bots­schocks. Das zeig­te sich in Wei­zen ein­drück­lich im letz­ten Som­mer ( Wald­brän­de und Dür­ren) und die­ser Ta­ge (Über­schwem­mun­gen in Aus­tra­li­en). Zur­zeit ist auch Ka­kao im Fo­kus der Ana­lys­ten – die schwie­ri­ge La­ge in der El­fen­bein­küs­te macht ner­vös. Nor­ma­li­sie­ren sich Wet­ter und po­li­ti­sche La­ge, könn­ten sich die Prei­se für Agrar­pro­duk­te auch nor­ma­li­sie­ren, sprich sin­ken. Der Um­satz von struk­tu­rier­ten Pro­duk­ten hat im ver­gan­ge­nen Jahr an der De­ri­vat­bör­se Scoach leicht zu­ge­nom­men. Ge­samt­haft wur­den Zer­ti­fi­ka­te und War­rants im Wert von 39,7 Mrd. Fr. um­ge­setzt, das ent­spricht ei­nem Zu­wachs von 7,1% ge­gen­über 2009. En­de De­zem­ber 2009 wa­ren 23 645 Pro­duk­te an der Scoach ko­tiert, wäh­rend En­de De­zem­ber 2010 be­reits 30 620 Pro­duk­te han­del­bar wa­ren – ei­ne Stei­ge­rung von 29%.

Ko­tier­te Fonds (Ex­ch­an­ge Tra­ded Funds, ETF) wer­den nun seit zehn Jah­ren an der Schwei­zer Bör­se an­ge­bo­ten, und die Zu­wachs­ra­ten beim Um­satz wa­ren Jahr für Jahr er­freu­lich. Das ver­gan­ge­ne Jahr war kei­ne Aus­nah­me, und das Vo­lu­men klet­ter­te ge­gen­über 2009 um 41,8% auf 71,7 Mrd. Fr. Mitt­ler­wei­le sind 604 In­stru­men­te an der Bör­se han­del­bar, En­de 2009 wa­ren es noch 269.

Uran wird han­del­bar

Auch bör­sen­ge­han­del­te Roh­wa­ren (Ex­ch­an­ge Tra­ded Com­mo­di­ties, ETC) ge­wan­nen im ver­gan­ge­nen Jahr mar­kant an Be­liebt­heit; so kann seit Mit­te De­zem­ber 2010 das ers­te ETC auf Uran an der Lon­do­ner Bör­se (LSE) ge­han­delt wer­den. Zur Re­du­zie­rung des Emit­ten­ten­ri­si­kos ist es mit phy­si­schem Gold hin­ter­legt. Das In­stru­ment der Deut­schen Bank zieht als Ba­sis­wert den Tra­de Tech U3O8 Weekly Spot Pri­ce In­di­ca­tor her­an, der den Preis von U3O8 mit ho­her Ge­nau­ig­keit ab­bil­det. U3O8, oder auch Tri­ura­noc­t­oxid, ist ein Zwi­schen­pro­dukt, wel­ches beim Ab­bau von Uran­erz ge­won­nen wird und ei­nen Uran­ge­halt von ma­xi­mal 20% auf­weist.

Trotz ei­ner bloss wö­chent­li­chen Neu­be­rech­nung des Ba­sis­werts ist das ETC bör­sen­täg­lich han­del­bar. Da der Ba­sis­wert we­nig li­quid ist, si­chert die Emit­ten­tin ih­re Po­si­tio­nen nicht über den Ter­min­markt, son­dern über den Kauf von phy­si­schem Tri­ura­noc­t­oxid, ab. Es wird in ei­ner spe­zi­el­len La­ger­stät­te auf­be­wahrt. Zur Ver­wen­dung in der Atom­in­dus­trie muss U3O8 um­ge­wan­delt und an­ge­rei­chert wer­den.

Teu­re Um­set­zung

Die kom­pli­zier­te Kon­struk­ti­on hat ih­ren Preis, denn der Ba­sis­wert muss durch ei­ne Swap-Kom­po­nen­te nach­ge­bil­det wer­den, die mit 2,1% p. a. ver­gleichs­wei­se teu­er ist. Dar­in ist auch die La­ger­ge­bühr des Tri­ura­noc­t­oxids ent­hal­ten. Hin­zu kom­men jähr­li­che Ver­wal­tungs­kos­ten von 1,5% und ei­ne Ge­bühr von 0,1% für die Hin­ter­le­gung des Pfands in Form von Gold.

Der Preis von Uran ist äus­serst an­fäl­lig auf Pro­duk­ti­ons­ein­bus­sen. Als im Ok­to­ber 2006 die sich im Bau be­find­li­che Ci­gar La­ke Mi­ne in Ka­na­da über­schwemmt wur­de, stieg der U3O8-Preis mar­kant (vgl. Gra­fik). Im März 2007 führ­te ei­ne wei­te­re Über­schwem­mung in der Ran­ger Mi­ne in Aus­tra­li­en zur Be­schleu­ni­gung der Hausse, die den U3O8 Preis kurz­fris­tig auf 138 $ pro Pfund trieb. En­de De­zem­ber 2010 no­tier­te U3O8 61.50 $ das Pfund.

Roh­stof­fe wer­den über al­le Welt­mee­re in die Des­ti­na­ti­on Schwel­len­land trans­por­tiert.

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