Ame­ri­kas Grat­wan­de­rung

Mit et­was Glück schafft es Ame­ri­ka zu­rück zu ro­bus­tem Wachs­tum. An­dern­falls wird die dar­ben­de Mit­tel­schicht vom Not­stand in der Bil­dungs- und der Bud­get­po­li­tik auf­ge­rie­ben. JAN BAU­MANN

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Die Wirt­schafts­macht Ame­ri­ka sei nur noch ein Schat­ten ih­rer selbst, sa­gen die Pes­si­mis­ten. Be­un­ru­hi­gen­der­wei­se ha­ben sie ei­ni­ge schla­gen­de Ar­gu­men­te auf ih­rer Sei­te. Der Staat ist hoch ver­schul­det, die In­fra­struk­tur brö­ckelt, das Bil­dungs­sys­tem be­fä­higt haupt­säch­lich ei­ne schma­le Eli­te zum Er­folg. Im in­ter­na­tio­nal ver­glei­chen­den Pi­sa-Test der OECD schnei­den ame­ri­ka­ni­sche Ju­gend­li­che mit ih­rem Schul­wis­sen schlech­ter ab als Gleich­alt­ri­ge in Schang­hai, Finn­land oder der Schweiz. Die Mit­tel­schicht sieht sich mit ho­her Ar­beits­lo­sig­keit, den ver­mö­gens­schä­di­gen­den Fol­gen der Häu­ser­markt­kri­se und sta­gnie­ren­den Re­al­ein­kom­men kon­fron­tiert. Der ame­ri­ka­ni­sche Traum vom Wohl­stand für je­den, der sich ge­nug an­strengt, er­scheint vie­len als lee­res Ver­spre­chen.

Die einst welt­weit be­nei­de­te Gre­at Ame­ri­can Midd­le Class ero­diert schlei­chend – und zwar seit Jahr­zehn­ten. In der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on ist sie hin­ge­gen äus­serst prä­sent. Wenn die Öko­no­min und Star­jour­na­lis­tin Ari­an­na Huf­fing­ton in ih­rem Buch «Third World Ame­ri­ca» warnt, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten punk­to wirt­schaft­li­cher Un­gleich­ge­wich­te auf den Stand ei­nes Dritt­welt­lan­des ab­zu­drif­ten dro­hen, kann sie sich auf sta­tis­ti­sche Be­le­ge be­ru­fen: Ge­mes­sen am so­ge­nann­ten Gi­ni-In­dex, der die Un­gleich­ver­tei­lung in ei­ner Mass­zahl zwi­schen null und hun­dert dar­stellt, ran­gie­ren die USA mit 47 un­ge­fähr auf glei­cher Hö­he wie Ruan­da. Am ex­trems­ten ist die Ein­kom­mens­dis­pa­ri­tät in Na­mi­bia mit ei­nem Gi­ni-Wert von 71, wäh­rend die Fa­mi­li­en­ein­kom­men in den skan­di­na­vi­schen Län­dern Schwe­den (23) und Nor­we­gen (25) am we­nigs­ten weit aus­ein­an­der­klaf­fen.

Kras­se Un­gleich­heit

Mehr als 14% der US-Be­völ­ke­rung le­ben ge­mäss der jüngs­ten amt­li­chen Er­he­bung von 2009 in Ar­mut: In ab­so­lu­ten Zah­len sind es 43,6 Mio. Per­so­nen – so viel wie noch nie seit Be­ginn der sta­tis­ti­schen Er­fas­sung vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert. In­fla­ti­ons­be­rei­nigt ist das Ein­kom­men ei­nes mitt­le­ren Haus­halts (Me­di­an­wert) zwi­schen 1999 und 2009 um 5% auf 49 777 $ zu­rück­ge­gan­gen. Von wachs­tums­be­ding­tem Wohl­stands­ge­winn für die brei­te Mas­se ist kei­ne Spur zu er­ken­nen. Der­weil wer­den die Rei­chen im­mer rei­cher. Fast ein Vier­tel des ge­sam­ten Ein­kom­mens fliesst mitt­ler­wei­le aufs Kon­to der 1% Best­ver­die­nen­den. Der An­teil ist min­des­tens dop­pelt so hoch wie in den Sech­zi­ger-und Sieb­zi­ger­jah­ren.

So skep­tisch die Ame­ri­ka­ner ge­gen­über dem Um­ver­tei­lungs­staat kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­scher Prä­gung sind – dass sich die Sche­re zwi­schen Arm und Reich im- mer wei­ter auf­tut, ver­schärft auch hier den so­zia­len Neid, er sorgt für Frust und ist dem so­zia­len Zu­sam­men­halt ab­träg­lich. Der Hass, den die An­hän­ger der Tea-Par­ty-Be­we­gung der po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Eli­te ent­ge­gen­brin­gen, ist in­di­rekt Aus­druck da­von.

An sei­ner letz­ten Me­di­en­kon­fe­renz vor den Fest­ta­gen mach­te US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma ei­ne viel­sa­gen­de Be­mer­kung zu dem The­ma: Wirt­schaft­li­che Un­gleich­heit ge­hö­re in Ame­ri­ka zum Sys­tem, das Leis­tungs­an­rei­ze schaf­fe. In­so­fern sei sie er­wünscht. Es sei gut und rich­tig, wenn un­ter­neh­me­ri­sche Aus­nah­me­ta­len­te wie zum Bei­spiel App­le-Chef Ste­ve Jobs für ih­ren Er­folg be­lohnt wür­den, ant­wor­te­te er auf die Fra­ge ei­nes Jour­na­lis­ten zum wach­sen­den Gr­a­ben zwi­schen Leu­ten mitt­le­ren Ein­kom­mens und Su­per­rei­chen. Im Zen­trum sei­ner Po­li­tik ste­he je­doch, mehr Chan­cen­gleich­heit für al­le Ame­ri­ka­ner zu schaf­fen, füg­te der Prä­si­dent an. Die wah­re Stär­ke des Lan­des müs­se ei­ne pro­spe­rie­ren­de Mit­tel­schicht sein.

Um­so läs­ti­ger ist es für die Administration Oba­ma, dass dem Staat zu­se­hends das Geld aus­geht, um die Bil­dungs-und Kar­rie­re­chan­cen für die brei­te Be­völ­ke­rung zu ver­bes­sern. Die Schul­den­last des Bun­des nä­hert sich ge­fähr­lich dem Ge­samt­aus­stoss der US-Wirt­schaft. Dar­an er­in­ner­te am Mitt­woch der re­pu­bli­ka­ni­sche Ab­ge­ord­ne­te John Bo­eh­ner in sei­ner An­tritts­re­de als Spre­cher des Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses. Die neue kon­ser­va­ti­ve Mehr­heit in der gros­sen Par­la­ments­kam­mer will nun ei­sern spa­ren, nach­dem sie vor we­ni­gen Wo­chen noch mit den De­mo­kra­ten aus­ge­han­delt hat, die fis­ka­lisch kost­spie­li­gen Steu­er­er­leich­te­run­gen aus der Bush-Ära für sämt­li­che Ein­kom­mens­schich­ten zu ver­län­gern – auch für die Spitzenverdiener.

Ob die re­pu­bli­ka­ni­schen Volks­ver­tre­ter ihr Ver­spre­chen vom Zwi­schen­wahl­kampf wahr­ma­chen und tat­säch­lich das Bun­des­bud­get um bis zu 100 Mrd. $ kür­zen, bleibt ab­zu­war­ten. Denn von den in Aus­sicht ge­stell­ten Ein­spa­run­gen wä­ren nicht zu­letzt staat­li­che Pro­gram­me in den Be­rei­chen Bil­dung und Ver­kehr be­trof­fen. Wie sol­che Kür­zun­gen mit der Fes­ti­gung der Wachs­tums­grund­la­gen von Ame­ri­ka ver­ein­bar sind, kön­nen selbst fis­kal­po­li­ti­sche Fal­ken ih­ren Wäh­lern nur schwer er­klä­ren.

Das heisst nicht, dass nicht ge­spart wer­den soll. Wenn es im po­li­tisch po­la­ri­sier­ten Washington über­haupt so et­was wie ei­nen Mi­ni­mal­kon­sens gibt, dann ist es die Ein­sicht, dass das Schul­den­ma­chen ein En­de ha­ben muss. Das Land kann un­mög­lich im bis­he­ri­gen Stil wei­ter­wirt­schaf­ten und auf Kos­ten künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen Ver­pflich­tun­gen an­häu­fen, oh­ne die Ba­sis zu zer­stö­ren, auf der das ame­ri­ka­ni­sche Er­folgs­mo­dell be­ruht: ei­ne fle­xi­ble, in­no­va­ti­ve und be­mer­kens­wert vi­ta­le Wirt­schaft, die sich nach je­dem noch so har­ten Rück­schlag auf­rap­pelt und neu­en Wohl­stand ge­ne­riert. Fliesst aber ein im­mer grös­se­rer Teil der Staats­ein­nah­men in den un­pro­duk­ti­ven Schul­den­dienst, schmä­lert dies das Wachs­tum.

Gol­de­ner Mit­tel­weg exis­tiert

Kurz­fris­tig, für ei­ni­ge Quar­ta­le, hat sich Washington durch den par­tei­über­grei­fen­den Steu­er­kom­pro­miss von Mit­te De­zem­ber zu­sätz­li­ches Wachs­tum er­kauft, was hel­fen wird, die Be­schäf­ti­gung zu stei­gern (vgl. Sei­te 29). Kos­ten­punkt im Staats­haus­halt: 858 Mrd. $. Zum mas­si­ven Fis­kal­sti­mu­lus kommt die er­neu­te mo­ne­tä­re Lo­cke­rung der No­ten­bank im Wert von 600 Mrd. $. An­ge­sichts die­ser Di­men­sio­nen er­staunt es nicht, dass die Öko­no­men ih­re Wachs­tums­schät­zun­gen im De­zem­ber ei­lig er­höht ha­ben.

Be­reits meh­ren sich die Stim­men, die vor ei­ner Über­hit­zung der Kon­junk­tur und vor In­fla­ti­on war­nen. Soll­ten sie recht be­kom­men, wä­re das be­son­ders schlecht für die tie­fe­ren Ein­kom­mens­schich­ten, die un­ter hö­he­ren Prei­sen für Gü­ter des täg­li­chen Be­darfs stär­ker lei­den als die Rei­chen. Das Ri­si­ko ist be­trächt­lich. Ame­ri­ka hat aus die­sem Grund nur we­nig Zeit, um den sti­mu­lie­ren­den Wachs­tums­schub zu nut­zen und zu­gleich das struk­tu­rel­le Staats­de­fi­zit un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, das auf Dau­er die Wohl­stands­grund­la­ge zer­rüt­tet. Das muss obend­rein ge­sche­hen, oh­ne dass über­trie­be­ne Spar­mass­nah­men – na­ment­lich im Bil­dungs­be­reich – der be­dräng­ten Mit­tel­schicht die Hoff­nung auf Ver­bes­se­rung ih­rer Le­bens­um­stän­de rau­ben. Vor­aus­sicht­lich bis zu den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2012 wird die Welt er­fah­ren, ob Ame­ri­ka die­se Grat­wan­de­rung ge­lingt.

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