Stu­die zu Lu­cen­tis könn­te ins Au­ge ge­hen

Ro­che und No­var­tis droht Um­satz­aus­fall im Me­di­ka­ment ge­gen Al­ters­blind­heit – Er­wei­ter­te Zu­las­sung birgt Po­ten­zi­al – Ak­ti­en No­var­tis fa­vo­ri­sie­ren

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - ANDRE­AS MÖCKLI

Das Me­di­ka­ment Lu­cen­tis ist seit 2006 er­hält­lich. 2009 ver­zeich­ne­te das von Ro­che und No­var­tis ver­trie­be­ne Mit­tel ge­gen Al­ters­blind­heit be­reits ei­nen Um­satz von 2,5 Mrd. Fr. Seit Län­ge­rem wird al­ler­dings auch das be­kann­te Ro­che-Krebs­me­di­ka­ment Ava­s­tin ge­gen die­se Krank­heit ein­ge­setzt. Ob­wohl für die An­wen­dung ge­gen Al­ters­blind­heit weit güns­ti­ger als Lu­cen­tis, fehlt Ava­s­tin ei­ne of­fi­zi­el­le Zu­las­sung. Da Be­hör­den vie­ler Län­der nicht mehr län­ger das weit teu­re­re Lu­cen­tis be­zah­len wol­len, wur­den meh­re­re Ver­gleichs­stu­di­en durch­ge­führt, de­ren Re­sul­ta­te nun lau­fend be­kannt wer­den. Ro­che als auch Kon­kur­rent No­var­tis, der die Rech­te für den Ver­trieb aus­ser­halb den USA hält, droht ein Um­satz­aus­fall.

Gros­ser Preis­un­ter­schied

Lu­cen­tis wur­de wie Ava­s­tin von der Ro­che-Toch­ter Gen­en­tech ent­wi­ckelt. Bei­de An­ti­kör­per blo­ckie­ren den vas­ku­lä­ren en­do­the­lia­len Wachs­tums­fak­tor VEGF. Be­reits vor der Ent­wick­lung von Lu­cen­tis war be­kannt, dass da­mit die feuch­te Ma­ku­la­de­ge­ne­ra­ti­on (Al­ters­blind­heit) be­han­delt wer­den könn­te. Ava­s­tin wur­de von Gen­en­tech we­gen des ho­hen Po­ten­zi­als in der An­wen­dung ge­gen Krebs for­ciert und er­hielt 2004 die ers­te Zu­las­sung. Ein Jahr spä­ter un­ter­nahm ein Arzt in den USA den – er­folg­rei­chen – Ver­such, Ava­s­tin aus­ser­halb der Zu­las­sung (Off-La­bel) auch ge­gen Al­ters­blind­heit ein­zu­set­zen.

Zy­ni­ker be­haup­ten, Gen­en­tech ha­be Lu­cen­tis nur ent­wi­ckelt, um sich ei­ne Preis­prä­mie zu si­chern. Ro­che und No­var­tis da­ge­gen ar­gu­men­tie­ren, Ava­s­tin kön­ne auf­grund der Grös­se des Mo­le­küls die Netz­haut des Au­ges nicht durch­drin­gen. Zu­dem be­ste­he die Ge­fahr, Fremd­par­ti­kel ins Au­ge ein­zu­brin­gen, da das Me­di­ka­ment nicht für die In­jek­ti­on in den Glas­kör­per des Au­ges ent­wi­ckelt wor­den sei.

Ei­ne In­jek­ti­on mit Lu­cen­tis ist rund vier­zig Mal teu­rer als mit Ava­s­tin. Die Preis­dif­fe­renz mag an­ge­sichts der ho­hen Kos­ten von Ava­s­tin für die Krebs­be­hand­lung er­stau­nen. Al­ler­dings be­nö­tigt es für die An­wen­dung ge­gen Al­ters­blind­heit le­dig­lich ei­ne ge­rin­ge Do­sis. Der vor­teil­haf­te­re Preis hat da­zu ge­führt, dass welt­weit bis zur Hälf­te der Fäl­le Ava­s­tin zum Ein­satz kommt. Der mar­kan­te Preis­un­ter­schied lös­te in vie­len Län­dern ei­ne hit­zi­ge De­bat­te über Me­di­ka­men­ten­prei­se aus, et­wa 2008 in Deutsch­land. Be­steht ei­ne zu­ge­las­se­ne Al­ter­na­ti­ve, ist in Deutsch­land wie in vie­len an­de­ren Län­dern der Off-La­bel-Ein­satz von Me­di­ka­men­ten nicht er­laubt oder zu­min­dest recht­lich hei­kel. In die­sem Fall drück­ten die deut­schen Be­hör­den aber bei­de Au­gen zu.

Die Dis­kus­si­on um Ava­s­tin als Lu­cen­tis-Er­satz hat da­zu ge­führt, dass Be­hör­den meh­re­rer Län­der Ver­gleichs­stu­di­en in Auf- trag ga­ben (sie­he Ta­bel­le). No­var­tis und Ro­che ha­ben sich mit dem Ver­weis auf die ho­hen Kos­ten ge­wei­gert, ei­ge­ne Stu­di­en durch­zu­füh­ren. Klei­ne­re Ver­su­che und der Off-La­bel-Ein­satz deu­ten dar­auf hin, dass Ava­s­tin und Lu­cen­tis ei­ne ver­gleich­ba­re Wir­kung auf­wei­sen.

Es sei so­gar zu be­fürch­ten, dass Ava­s­tin leicht bes­ser ab­schnei­den könn­te, sagt Hel­vea-Ana­lyst Karl-Heinz Koch. Das wä­re für Ro­che schlim­mer als für No­var­tis. In Eu­ro­pa ist No­var­tis den Be­hör­den mit An­ge­bo­ten zur Kos­ten­be­gren­zung ent­ge­gen­ge­kom­men. Der tat­säch­li­che Preis, den No­var­tis mit Lu­cen­tis er­zielt, dürf­te des­halb wei­ter un­ter dem Lis­ten­preis lie­gen. Zu­dem hat No­var­tis da­mit be­gon­nen, das Me­di­ka­ment in wei­te­ren Län­dern, dar­un­ter Chi­na, zu ver­trei­ben. Schliess­lich hat der Phar­ma­kon­zern so­eben ei­ne er­wei­ter­te Zu­las­sung ge­gen die dia­be­ti­sche Re­ti­no­pa­thie, ei­ne durch Dia­be­tes her­vor­ge­ru­fe­ne Er­kran­kung der Netz­haut, er­hal­ten. Das Markt­po­ten­zi­al ist ge­mäss Koch in et­wa ver­gleich­bar mit der An­wen­dung ge­gen Al­ters­blind­heit.

Ein­spa­run­gen in Ge­fahr

Ro­che hat die Zu­las­sung ge­gen dia­be­ti­sche Re­ti­no­pa­thie in den USA noch nicht er­hal­ten, sie wird aber noch in die­sem Jahr er­war­tet. Das Ri­si­ko für das Un­ter­neh­men ist des­halb grös­ser, weil der Preis für Lu­cen­tis in den USA bis­her nicht ge­senkt wur­de. Des­we­gen ist auch der Ava­s­tinAn­teil ge­gen Al­ters­blind­heit dort welt­weit am höchs­ten. Koch rech­net mit ei­nem Um­satz­rück­gang 2011 von 1,5 auf 1,3 Mrd. Fr. Je nach Er­geb­nis der Stu­di­en sei auch ein hö­he­rer Um­satz­aus­fall denk­bar.

Für Ro­che be­steht die Ge­fahr, dass ein Teil der im No­vem­ber in An­griff ge­nom­me­nen Ein­spa­run­gen auf­ge­zehrt wird. Al­ler­dings ist der Aus­gang der Stu­di­en un­si­cher, und die ent­spre­chen­den Fol­gen sind schwer ab­schätz­bar. Das gilt auch für No­var­tis, des­sen Ak­ti­en wir vor­zie­hen. Die star­ke Form von No­var­tis spie­gelt sich noch zu we­nig im Ak­ti­en­kurs.

Die al­ters­be­ding­te Ma­ku­la-De­ge­ne­ra­ti­on führt zwar nicht zu voll­stän­di­ger Er­blin­dung, die Fol­ge ist je­doch ei­ne star­ke Seh­be­hin­de­rung.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.