Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft in der Au­to­in­dus­trie

Er­ho­lung nach der Kri­se trennt die Spreu vom Wei­zen – Gu­te Aus­sich­ten für Wachs­tum der Bran­che – Zu­rück­ge­fal­le­ne Ak­ti­en bie­ten nicht au­to­ma­tisch Auf­hol­po­ten­zi­al

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - CHRIS­TI­AN BRAUN

Kaum je­mand hät­te vor ei­nem Jahr ge­dacht, dass sich die Au­to­mo­bil­in­dus­trie so schnell er­holt. Heu­te da­ge­gen steht fest, dass et­li­che Pro­du­zen­ten für das Ge­schäfts­jahr 2010 be­acht­li­che Zah­len prä­sen­tie­ren und ei­ni­ge gar Best­mar­ken set­zen wer­den. Die Er­ho­lung ist zu­dem recht breit ab­ge­stützt: Vo­lu­men­her­stel­ler neh­men eben­so an ihr teil wie Pre­mium­mar­ken, eu­ro­päi­sche An­bie­ter glei­cher­mas­sen wie asia­ti­sche und ame­ri­ka­ni­sche. Sie um­fasst je­doch nicht al­le Ex­po­nen­ten. Manch ei­ner hat die Kri­se noch nicht über­wun­den und rafft sich nur lang­sam auf. Zu­min­dest was die mo­men­ta­ne Er­trags­kraft be­trifft, ha­ben sich des­halb die Kräf­te­ver­hält­nis­se in den Rei­hen der eta­blier­ten Her­stel­ler ver­scho­ben.

Ak­ti­en­kur­se di­ver­gie­ren

Der Blick auf die Ak­ti­en­kurs­ent­wick­lung des ver­gan­ge­nen Jah­res gibt ei­nen Ein­druck von den Un­ter­schie­den im Leis­tungs­ver­mö­gen und von den Er­war­tun­gen da­zu. Ob­wohl ei­ne sol­che Be­trach­tung stets nur ein ver­zerr­tes Bild wie­der­gibt, zeigt sie doch die gro­ben Li­ni­en; und die se­hen BMW, Ford, Hy­un­dai Mo­tors und Volks­wa­gen oben, wäh­rend der ja­pa­ni­sche Bran­chen­pri­mus To­yo­ta Mo­tor gros­sen Rück­stand hat (vgl. Ta­bel­le).

An die­sem Punkt stel­len sich Fra­gen: Wie geht es nach der be­weg­ten Ent­wick­lung des letz­ten Jah­res wei­ter? Und wo im Sek­tor bie­ten sich heu­te die bes­ten Chan­cen – mit En­ga­ge­ments in be­reits er­stark­te Kon­zer­ne in der Er­war­tung, dass sie wei­ter wach­sen und an Wert ge­win­nen, oder mit In­vest­ments in Nach­hin­ken­de, die Auf­hol­po­ten­zi­al ver­spre­chen? Die Bran­chen­aus­sich­ten wer­den all­ge­mein als gut ein­ge­stuft; die jüngst von Daim­ler-CEO Die­ter Zet­sche ge­äus­ser­te An­sicht, die Au­to­in­dus­trie sei zu­rück auf ei­nem lang­fris­ti­gen Wachs­tums­pfad, wird vie­len­orts ge­teilt. An der be­vor­ste­hen­den Au­to Show in De­troit wer­den des­halb die zu­ver­sicht­li­chen Stim­men klar über­wie­gen.

Die hoff­nungs­vol­len Per­spek­ti­ven sind ei­ner von zwei Fak­to­ren, die dar­auf hin­wei­sen, dass die Jagd auf mög­li­che Auf­ho­ler für In­ves­to­ren nicht grund­sätz­lich die bes­se­re Op­ti­on dar­stellt als das Fest­hal­ten an be­reits er­stark­ten An­bie­tern. Der an­de­re Fak­tor stellt in Rech­nung, dass der Kurs der Ge­win­ner­ak­ti­en nicht zu­fäl­lig dort steht, wo er heu­te ist.

Zü­gi­gen Schrit­tes vor­wärts

Die Au­to­mo­bil­in­dus­trie ist ei­ne Wachs­tums­bran­che. Der Welt­markt ist 2010 rund 8% auf knapp 60 Mio. Pw ge­wach­sen. Da­mit über­trifft er be­reits das Vor­kri­sen­ni­veau. Für 2011 nennt der Ver­band der Au­to­mo­bil­in­dus­trie ( VDA) ei­ne ähn­li­che Wachs­tums­ra­te und ein Vo­lu­men von 64,5 Mio. Pw. Da­nach geht es dem Pro­gnos­ein­sti­tut IHS Glo­bal In­sight zu­fol­ge zü­gi­gen Schrit­tes wei­ter: Aus sei­ner Vor­her­sa­ge für den Ab­satz von Pw und leich­ten Nfz im Jahr 2018 lei­tet sich ei­ne durch­schnitt­li­che jähr­li­che Wachs­tums­ra­te von fast 5% her (vgl. Gra­fik); das ist mehr als die Welt­bank für das glo­ba­le BIP-Wachs­tum zu­min­dest der nächs­ten Jah­re pro­gnos­ti­ziert.

Sol­che Lang­frist­pro­gno­sen sind nicht in St­ein ge­meis­selt; auch wird das Wachs­tum nicht li­ne­ar ver­lau­fen. Die Pro­gno­se von IHS Glo­bal In­sight stützt sich auf die An­nah­me ei­ner an­hal­tend kräf­ti­gen Nach­fra­ge in auf­stre­ben­den Volks­wirt­schaf­ten (vgl. Gra­fik). Da­für gibt es kei­ne Ga­ran­tie, un­plau­si­bel ist die Vor­stel­lung aber nicht, zu­mal das In­sti­tut et­wa für Chi­na wohl­tu­end zu­rück­hal­tend pro­gnos­ti­ziert (vgl. Box). Von den rei­fen Märk­ten wird ein­zig aus Nord­ame­ri­ka ein Im­puls er­war­tet. Der ist aber in ers­ter Li­nie ei­nem nied­ri­gen Ver­gleichs­wert ge­schul­det – in bes­se­ren Jah­ren hat­ten al­lein die USA rund 17 Mio. Pw und leich­te Nfz ab­sor­biert.

Die Aus­sicht auf län­ger­fris­ti­ges Bran­chen­wachs­tum be­deu­tet, dass die heu­te er­folg­rei­chen Her­stel­ler ih­ren Weg wei­ter­ge­hen kön­nen. Das Ver­trau­en, das sie am (vor­aus­schau­en­den) Ak­ti­en­markt ge­nies­sen, si­gna­li­siert: Ih­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit ist hoch, ih­re Stra­te­gie schlüs­sig, ihr An­ge­bot trifft den Nerv der Zeit, und ih­re Er­trags­kraft ist viel­ver­spre­chend. Kurz, sie be­fin­den sich in ei­ner gu­ten Aus­gangs­la­ge – fi­nan­zi­ell, tech­no­lo­gisch, von der Po­si­tio­nie­rung und der geo­gra­fi­schen Markt­ab­de­ckung her –, um ih­re Er­folgs­ge­schich­te fort­zu­schrei­ben, wei­ter zu ex­pan­die­ren und an Wert zu ge­win­nen.

Der Elan, der sich auch in ei­nem ho­hen In­ves­ti­ti­ons­auf­kom­men ma­ni­fes­tiert, macht es Kon­kur­ren­ten, die im Ver­gleich noch De­fi­zi­te auf­wei­sen, nicht leich­ter, den Rück­stand auf­zu­ho­len. Das gilt um­so we­ni­ger, als die Bran­che ins­ge­samt schwie­ri­ge Auf­ga­ben zu be­wäl­ti­gen hat. Ihr Um­feld ist und bleibt an­spruchs­voll.

Des­halb bie­ten Bran­chen­ver­tre­ter, die aus der De­fen­si­ve agie­ren und in der Er­trags­kraft wie auch im Ak­ti­en­kurs­ver­lauf hin­ter den Ban­ner­trä­gern zu­rück­lie­gen, nicht au­to­ma­tisch Auf­hol­po­ten­zi­al. Von ih­nen sind (mehr) po­si­ti­ve Über­ra­schun­gen ge­for­dert. Da­für sind Ti­tel, die be­reits kräf­tig an­ge­zo­gen ha­ben, an­fäl­li­ger auf Ent­täu­schun­gen. Bei­des ist nicht vor­her­seh­bar. Die Ban­ner­trä­ger kön­nen je­doch auf ei­ner so­li­de­ren Ba­sis bau­en.

Kei­ne Son­der­an­ge­bo­te mehr

Die Ak­ti­en der er­stark­ten Kon­zer­ne sind zum Teil al­ler­dings schon ge­büh­rend be­wer­tet. In ei­ner brei­te­ren Be­trach­tung der Kenn­zah­len gilt das für BMW und eher noch mehr für die Vor­zü­ge von Volks­wa­gen. Auf kür­ze­re Sicht dürf­te dies die Auf­wärts­be­we­gung brem­sen. Die Ge­winn­aus­sich­ten bei­der Her­stel­ler sind je­doch gut, was grund­sätz­lich Po­ten­zi­al für wei­te­re Avan­cen schafft. Nicht zu­letzt lässt sich mit ei­nem ab­so­lu­ten Stan­dard­wert wie BMW ei­ne Kri­se oder ei­ne Schwä­che­pha­se zur Not auch mal aus­sit­zen.

Mit Ford ist das we­ni­ger si­cher. Der USKon­zern ver­dient für sei­nen Tur­naround Be­wun­de­rung; wie nach­hal­tig sei­ne Ent­wick­lung ist, muss er aber noch be­le­gen. In den Be­wer­tungs­kenn­zah­len dürf­te des­halb der Raum nach oben be­grenzt sein, zu­mal auch die Wachs­tums­fan­ta­sie nicht über­mäs­sig gross er­scheint – na­ment­lich im Ver­gleich zu Hy­un­dai. Die Süd­ko­rea­ner rei­ten auf ei­ner Er­folgs­wel­le. Dank Fort­schrit­ten in Qua­li­tät, Tech­no­lo­gie und De­sign ge­win­nen sie Markt­an­tei­le, vor al­lem in den USA und auf Kos­ten ja­pa­ni­scher An­bie­ter. Die Ak­ti­en sind fair be­wer­tet, ha­ben aber Exo­ten­sta­tus und sind in ei­ner sprung­haf­ten Wäh­rung de­nom­mi­niert.

Ei­ne in­ter­es­san­te Al­ter­na­ti­ve zur Spit­ze in der Er­trags-und Kurs­ent­wick­lung sind Daim­ler. Das Au­to­ge­schäft fei­ert Er­fol­ge wie das von BMW, die Nfz-Ak­ti­vi­tä­ten da­ge­gen sind noch nicht in Top­form, schaf­fen aber zu­sätz­li­che Fan­ta­sie – und Po­ten­zi­al für ei­ne Hö­her­be­wer­tung. Der Kon­zern ge­mahnt zwar oft an ein Jo-Jo, zur­zeit ist er aber im Auf­wärts­trend. Und To­yo­ta? Die Ti­tel zäh­len nach wie vor nicht zu den Lieb­lin­gen der Ana­lys­ten, die im di­rek­ten Ver­gleich Hon­da be­vor­zu­gen.

Be­reit für die Ver­la­dung nach Über­see: In vie­len Welt­re­gio­nen hat die Nach­fra­ge nach Au­to­mo­bi­len kräf­tig an­ge­zo­gen.

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