Ge­dämpf­te Chinaf­an­ta­sie

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - CB

«The­re are Ni­ne Mil­li­on Bi­cy­cles in Bei­jing», sang Ka­tie Me­lua vor fünf Jah­ren. Heu­te ver­set­zen ei­nen 9 Mio. Fahr­rä­der kaum mehr in Er­stau­nen, gibt es in­zwi­schen doch auch fast 5 Mio. Au­tos in Chi­nas Haupt­stadt. Das ist ei­ne Drei­vier­tel­mil­li­on mehr als vor ei­nem Jahr! Täg­li­ches Ver­kehrs­cha­os und schlech­te Luft sind die Fol­gen des ra­san­ten Wachs­tums. Die Stadt­be­hör­de hat des­halb im De­zem­ber dras­tisch durch­ge­grif­fen: Die Zahl der Neu­zu­las­sun­gen soll im neu­en Jahr auf 240 000 be­schränkt wer­den.

Zu­sam­men mit an­dern Brems­ma­nö­vern, die Chi­na für den Au­to­markt und die Wirt­schaft ge­ne­rell er­greift, lös­te das an den Bör­sen Ve­r­un­si­che­rung aus. Die teils über­trie­be­ne Wachs­tums­fan­ta­sie hat ei­nen Dämp­fer er­hal­ten. Das gilt na­ment­lich mit Blick auf den Au­to­markt. Die Wahr­schein­lich­keit, dass es an­de­re chi­ne­si­sche Me­tro­po­len Pe­king gleich­tun, ist nicht zu un­ter­schät­zen. Über­dies wird der Au­to­be­sitz in Chi­na im­mer teu­rer: Die Zu­las­sungs­ge­büh­ren sind teils ex­or­bi­tant, die Be­steue­rung steigt, die Kos­ten für Ben­zin und Par­king neh­men zu. Auch der An­stieg der Im­mo­bi­li­en­prei­se ist von Nach­teil: Je teu­rer die ei­ge­nen vier Wän­de, des­to we­ni­ger bleibt für ein Au­to. Die Zei­ten, in de­nen der Au­to­mo­bil­markt in Chi­na um jähr­lich über 20% ge­wach­sen ist, sind wohl vor­bei. Nicht al­le An­le­ger schei­nen ih­re Fan­ta­sie ent­spre­chend ge­zü­gelt zu ha­ben. Doch lang­fris­ti­ge Vor­her­sa­gen wie die von IHS Glo­bal In­sight tra­gen dem schon län­ger Rech­nung: Das Pro­gnos­ein­sti­tut er­war­tet für den Zei­t­raum von 2010 bis 2018 ei­ne durch­schnitt­li­che jähr­li­che Wachs­tums­ra­te von ge­gen 5% (vgl. Gra­fik).

Fast 5% p. a. sind im­mer noch ein an­sehn­li­ches Wachs­tum, vor al­lem mit Blick auf das da­mit ein­her­ge­hen­de Vo­lu­men. Da­her wird Chi­na für die Bran­che wei­ter der zen­tra­le Ab­satz-und Wachs­tums­markt sein. Schon heu­te zählt der welt­weit gröss­te Ein­zel­markt für vie­le Au­to­mo­bil­kon­zer­ne zu den wich­tigs­ten Län­dern über­haupt, egal, ob sie nun Volks­wa­gen, Ge­ne­ral Mo­tors, Hon­da, BMW oder PSA Peu­geot Ci­tro­ën heis­sen. Be­son­ders güns­ti­ge Per­spek­ti­ven im Reich der Mit­te wer­den dem Pre­mi­um­seg­ment ein­ge­räumt. Da wächst die Nach­fra­ge schon seit ei­ni­ger Zeit über­durch­schnitt­lich. 2010 ist sie dann förm­lich ex­plo­diert: Di­ver­se An­bie­ter ha­ben ih­ren Ab­satz ver­dop­pelt. Das wird nicht so blei­ben. Doch für ei­ne wei­ter­hin ho­he Nach­fra­ge nach Lu­xus­fahr­zeu­gen spricht ge­mäss Ju­li­us Bär («In­sights», No­vem­ber 2010) al­lein schon die Zu­nah­me wohl­ha­ben­der Pri­vat­haus­hal­te und sehr ver­mö­gen­der Ein­zel­per­so­nen. Die Bank ver­weist da­bei auf ei­ne Schät­zung des Markt­for­schungs­in­sti­tuts Eu­ro­mo­ni­tor, wo­nach die An­zahl Haus­hal­te mit ei­nem Jah­res­ein­kom­men von über 100 000 $ bis 2020 durch­schnitt­lich 12% p. a. stei­gen wird.

Chi­na ist den An­bie­tern auch des­we­gen wich­tig, weil sich dort in der Re­gel über­durch­schnitt­li­che Net­to­prei­se er­zie­len las­sen – und in Ent­spre­chung da­zu ho­he Mar­gen. Von den Her­stel­lern selbst ist da­zu zwar we­nig Kon­kre­tes zu er­fah­ren. Sie räu­men aber ein, dass ih­nen die ho­he Nach­fra­ge zu ei­ner gu­ten Preis­durch­set­zungs­po­si­ti­on ver­hilft. Zu­dem las­sen Zah­len von Volks­wa­gen zu den Jo­int Ven­tures in Chi­na statt­li­che Mar­gen zu­min­dest er­ah­nen.

Von ei­nem dau­er­haft güns­ti­gen Preis­um­feld für die Her­stel­ler darf aber nicht aus­ge­gan­gen wer­den: We­gen des mas­si­ven Ka­pa­zi­täts­auf­baus vor Ort be­steht die Ge­fahr künf­ti­ger Über­ka­pa­zi­tät. Setzt dann Preis­druck ein, dürf­te er sich aus obi­gen Grün­den je­doch mehr im Vo­lu­men­seg­ment be­merk­bar ma­chen. Auch des­we­gen un­ter­stellt Ju­li­us Bär dem Pre­mi­um­seg­ment ein at­trak­ti­ve­res Ri­si­ko-Ren­di­te-Pro­fil.

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