US-Stel­len­markt nur kurz­fris­tig gut

Seit ei­ni­gen Mo­na­ten wer­den wie­der neue Jobs ge­schaf­fen – En­de 2010 be­ste­hen aber nicht mehr Ar­beits­plät­ze als vor zehn Jah­ren

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - MAR­TIN GOLLMER

Das Gu­te vor­weg: Die US-Wirt­schaft schafft wei­ter­hin Stel­len – im De­zem­ber wa­ren es ge­mäss Zah­len des Bu­reau of La­bor Sta­tis­tics vom Frei­tag 103 000 (vgl. Gra­fik). Öko­no­men hat­ten al­ler­dings 150 000 er­war­tet. Im No­vem­ber wa­ren 71 000 neue Ar­beits­plät­ze ein­ge­rich­tet wor­den. Die Ar­beits­lo­sen­ra­te fiel gleich­zei­tig auf den tiefs­ten Stand seit Mai 2009: 9,4%. Volks­wir­te hat­ten 9,7% pro­gnos­ti­ziert. Im No­vem­ber wa­ren 9,8% der Ar­beits­be­völ­ke­rung stel­len­los ge­we­sen.

Das Schlech­te hin­ten­drein: Die Stel­len­zahl in den USA ist heu­te trotz in­zwi­schen ge­wach­se­ner Be­völ­ke­rung nicht hö­her als vor zehn Jah­ren. Und in die­sem Zei­t­raum hat die Zahl der nur tem­po­rär An­ge­stell­ten und der Un­ter­be­schäf­tig­ten dra­ma­tisch zu­ge­nom­men.

Wirt­schaft wächst zu we­nig

Die Ar­beits­lo­sig­keit ist zwar zu­letzt ge­sun­ken, aber noch im­mer sind 14,5 Mio. Ame­ri­ka­ner oh­ne Job, ob­wohl die US-Wirt­schaft seit nun­mehr an­dert­halb Jah­ren un­un­ter­bro­chen wächst. War­um ist dies so? Ers­te Ant­wort: Die Wirt­schaft ex­pan­diert zu we­nig rasch. 2,5% Wachs­tum wä­ren ge­mäss Öko­no­men nö­tig, nur um Pro­duk­ti­vi­täts­ver­bes­se­run­gen und Bevölkerungszuwachs aus­zu­glei­chen und so die Ar­beits­lo­sig­keit kon­stant zu hal­ten. Das Brut­to­in­land­pro­dukt der USA stieg im Vor­jah­res­ver­gleich im drit­ten Quar­tal 2010 – den letz­ten ver­füg­ba­ren Da­ten – 2,6%.

Ein zwei­ter Grund ist, dass die Ar­beits­lo­sen nicht die rich­ti­ge Qua­li­fi­ka­ti­on ha­ben, um wie­der an­ge­stellt zu wer­den. Ver­lo­ren ge­hen viel­fach Jobs, die nied­ri­ge Qua­li­fi­ka­tio­nen er­for­dern, ge­schaf­fen wer­den haupt­säch­lich Stel­len, die ei­ne hö­he­re Aus­bil­dung vor­aus­set­zen. Schlecht ge­schul­te Er­wach­se­ne sind denn auch be­deu­tend häu­fi­ger ar­beits­los als gut aus­ge­bil­de­te (vgl. Gra­fik).

Und drit­tens lässt sich an­füh­ren, dass US-Un­ter­neh­men zwar neue Stel­len ein­rich­ten, vie­le da­von aber im Aus­land – vor al­lem in den schnell wach­sen­den Schwel­len­län­dern. So schuf der Bau­ma­schi­nen­her­stel­ler Ca­ter­pil­lar 2010 mehr als die Hälf­te der rund 15 000 neu­en Jobs aus­ser­halb der USA. Beim Che­mie­kon­zern Du Pont sank die Zahl der US-Be­schäf­tig­ten zwi­schen Ja­nu­ar 2005 und Ok­to­ber 2009 um 9%, wäh­rend die An­ge­stell­ten­zahl in der Re­gi­on Asi­en-Pa­zi­fik 54% stieg. Ge­mäss dem Eco­no­mic Po­li­cy In­sti­tu­te, ei­ner Denk­fa­brik in Washington, ha­ben US-Un­ter­neh­men im ver­gan­ge­nen Jahr 1,4 Mio. Stel­len im Aus­land ge­schaf­fen, aber we­ni­ger als 1 Mio. im ei­ge­nen Land.

Wie sieht die lang­fris­ti­ge Be­trach­tung aus, und wie hat sich der ame­ri­ka­ni­sche Ar­beits­markt in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ent­wi­ckelt? Zu­nächst ist fest­zu­stel­len, dass En­de 2010 fast gleich vie­le Stel­len im pri­va­ten und öf­fent­li­chen Sek­tor be­ste­hen wie 2001. Da­mals wur­den in den

US-Un­ter­neh­men su­chen Per­so­nal: USA 132 Mio. Jobs ge­zählt, En­de 2010 wa­ren es 131 Mio. Ei­ne Spit­ze er­reich­te die Be­schäf­ti­gung zwi­schen­durch im Jahr 2007 mit 138 Mio. Stel­len. «In Sa­chen Job­wachs­tum war das ein ver­lo­re­nes Jahr­zehnt», fol­gert der Har­vard-Öko­nom La­wrence Katz.

Dann fällt auf, dass der An­teil der Be­schäf­tig­ten an der Ge­samt­be­völ­ke­rung kräf­tig ab­ge­nom­men hat. Über die ver- gan­ge­nen zehn Jah­re ist er von 64 auf 58% ge­fal­len. De­an Ba­ker, Ko-Di­rek­tor am Cen­ter for Eco­no­mic and Po­li­cy Re­se­arch in Washington, sieht dar­in nicht nur ei­ne Zu­nah­me äl­te­rer, pen­sio­nier­ter Leu­te. Viel­mehr ge­be es in den USA auch noch zahl­rei­che Per­so­nen, die ger­ne ar­bei­ten wür­den, aber we­gen der Schwä­che des Ar­beits­mark­tes nicht kön­nen. Vie­le Ar­beits­lo­se hät­ten die Su­che nach ei­nem Job auf­ge­ge­ben, weil sie hoff­nungs­los sei.

Mehr Un­ter­be­schäf­tig­te

Wei­ter ist zu be­mer­ken, dass die Zahl der tem­po­rär Be­schäf­tig­ten stark zu­ge­nom­men hat. 2010 wa­ren 26% al­ler im pri­va­ten Sek­tor ge­schaf­fe­nen Stel­len be­fris­tet, vor ei­nem Jahr­zehnt nur 7% (vgl. Gra­fik). Al­len Si­nai, Chef­öko­nom beim Be­ra­tungs­un­ter­neh­men De­ci­si­on Eco­no­mics, er­kennt dar­in ei­nen «struk­tu­rel­len Wan­del». Un­ter­neh­men wür­den Ar­beit zu­neh­mend um kurz-bis mit­tel­fris­ti­ge Pro­jek­te her­um or­ga­ni­sie­ren. Dem steht der Wunsch der Tem­po­r­ä­r­ar­bei­ter nach lang­fris­ti­ger An­stel­lung ge­gen­über: 68% von ih­nen su­chen ei­nen per­ma­nen­ten Job.

Das führt zum letz­ten Punkt: Die Zahl der Un­ter­be­schäf­tig­ten ist eben­falls deut­lich ge­stie­gen – von un­ge­fähr 7% An­fang 2001 auf et­wa 17% En­de 2010. Zu die­ser Ka­te­go­rie von In­di­vi­du­en ge­hö­ren nicht nur je­ne, die we­ni­ger ar­bei­ten kön­nen als sie wol­len, son­dern auch sol­che, die ei­nen Job su­chen, dies al­ler­dings in den letz­ten vier Wo­chen nicht ge­tan ha­ben, wie es not­wen­dig ist, um in der Ar­beits­lo­sen­sta­tis­tik zu er­schei­nen. Für die Be­trof­fe­nen stel­le die­se Si­tua­ti­on «in­di­vi­du­el­le Not» dar, ur­teilt Ni­gel Gault, Chef­öko­nom beim Be­ra­tungs­un­ter­neh­men IHS Glo­bal In­sight, für die US-Wirt­schaft ei­ne «mas­si­ve Ver­schwen­dung von Res­sour­cen».

103 000 Stel­len wur­den im De­zem­ber neu ge­schaf­fen.

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