Auf­bruch­stim­mung in Bra­si­li­en

Un­ter­neh­men be­ur­tei­len die Ge­schäfts­aus­sich­ten über­wie­gend op­ti­mis­tisch – An­le­ger sind noch zu­rück­hal­tend

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ALEXANDER BUSCH,

DMo­de­rat be­wer­tet

ie Stim­mung in Bra­si­li­ens Wirt­schaft könn­te nicht bes­ser sein: Die Un­ter­neh­men in­ves­tie­ren, die Kon­su­men­ten kau­fen wie schon lan­ge nicht mehr. Nach ei­ner welt­wei­ten Um­fra­ge von Grant Thorn­ton se­hen 80% der bra­si­lia­ni­schen Un­ter­neh­mer op­ti­mis­tisch in die Zu­kunft – wo­mit Bra­si­li­en im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich ei­nen Spit­zen­platz ein­nimmt.

Um­so über­ra­schen­der ist des­halb, dass kein Kon­sens dar­über herrscht, wie sich die Bör­se São Pau­lo die­ses Jahr ent­wi­ckeln wird. Zwar se­hen die Ana­lys­ten an­ge­sichts des Op­ti­mis­mus in der Wirt­schaft Kur­s­po­ten­zi­al: Der Mit­tel­wert der In­dex-Pro­gno­sen für 2011 ent­spricht ei­nem Plus von 20%. Die Un­si­cher­heit ist je­doch bei den Ti­t­el­emp­feh­lun­gen zu spü­ren. Die Ana­lys­ten emp­feh­len Stan­dard­wer­te aus den Be­rei­chen Roh­stof­fe ( Va­le, Pe­tro­bras, OGX), Ban­ken (Itaú Uni­ban­co, Bra­des­co) und Kon­sum­ak­ti­en wie Pão de Açu­car und Lo­jas Ame­ri­ca­nas (De­tail­han­del), Gol (Luft­fahrt) und Ran­dom (Lkw-Zu­lie­fe­rer) – so et­wa in der mo­nat­li­chen Um­fra­ge der Wirt­schafts­zei­tung «Va­lor Econô­mi­co». «Es gibt im­mer we­ni­ger ei­nen Kon­sens zu Bra­si­li­en», be­ob­ach­tet Fre­de­ric Se­ar­by, An­la­ge­stra­te­ge der Deut­schen Bank. «Das gilt auch für die nor­ma­ler­wei­se zu­ver­sicht­li­chen lo­ka­len In­ves­to­ren.» Ein Grund für die Un­si­cher­heit ist das Ab­schnei­den der Bo­ve­s­pa im ver­gan­ge­nen Jahr. Wäh­rend in Latein­ame­ri­ka die Ak­ti­en­märk­te in Pe­ru, Ar­gen­ti­ni­en und Chi­le zu den welt­weit gröss­ten Ge­win­nern ge­hör­ten, kam in São Pau­lo der Bo­ve­s­pa-In­dex – trotz des Re­kord­wachs­tums der bra­si­lia­ni­schen Wirt­schaft von fast 8% – kaum von der Stel­le.

Die ent­täu­schen­de Per­for­mance muss man aber re­la­ti­vie­ren. Denn der In­dex sta­gnier­te vor al­lem, weil ihn das Bör­sen­schwer­ge­wicht Pe­tro­bras we­gen der um­strit­te­nen Ka­pi­tal­er­hö­hung und der neu­en Re­geln für den Öl­sek­tor be­las­te­te. Pe­tro­bras ver­lo­ren 2010 rund 20%. Der In­dex der Nebenwerte hin­ge­gen ge­wann 20%.

Zu den Ver­lie­rern zähl­ten auch Stan­dard­wer­te aus den Bran­chen Bau (Cy­re­la, Ga­fi­sa), Stahl (Usi­mi­nas, Ger­dau) und Lo­gis­tik (LLX). Dar­in spie­gelt sich die Zu­rück­hal­tung der aus­län­di­schen An­le­ger, die in Bra­si­li­en nach der gu­ten Per­for­mance 2009 (Bo­ve­s­pa +83%) Ge­win­ne rea­li­sier­ten. Der durch­schnitt­li­che Han­dels­an­teil der Aus­län­der sank un­ter 30% (zu­vor 33%). Es wur­de je­doch se­lek­tiv vor­ge­gan­gen. Die Öl­ti­tel OGX ge­wan­nen bei­spiels­wei­se 23%, die Stahl­ak­ti­en CSN 4% und die Che­mieti­tel Bras­kem 53%.

Ge­ne­rell schnit­ten Le­bens­mit­tel­wer­te be­son­ders gut ab wie die Braue­rei­ti­tel Am­bev (+51%) und die Ak­ti­en des Fleisch­kon­zerns BR Foods (+29%). Be­gehrt wa­ren auch die Ak­ti­en der Ver­sor­ger (AES, CPFL, Sa­besp, Trac­te­bel), die un­ter an­de­rem von den Ex­pan­si­ons­plä­nen der Re­gie­rung für die Strom­bran­che pro­fi­tie­ren.

Das schwa­che Ab­schnei­den meh­re­rer bra­si­lia­ni­scher Stan­dard­wer­te im ver­gan­ge­nen Jahr führt da­zu, dass sie nun wie­der ver­stärkt ins Blick­feld der In­ves­to­ren rü­cken, weil sie güns­tig ge­wor­den sind. Das gilt bei­spiels­wei­se für Pe­tro­bras, Va­le, Ger­dau, Itaú Uni­ban­co und Bra­des­co.

Ge­mäss Wil­li­am Lan­ders von Black Rock in New York ist der bra­si­lia­ni­sche Ak­ti­en­markt mit ei­nem durch­schnitt­li­chen Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis 2011 der Bo­ve­s­pa-Ti­tel von 10,5 ei­ner der preis­wer­tes­ten der Welt. «Bra­si­li­ens Bör­se hat we­gen des schlech­ten Er­geb­nis­ses 2010 das gröss­te Kur­s­po­ten­zi­al in Latein­ame­ri­ka», sagt Se­ar­by von der Deut­schen Bank. «Gleich­zei­tig sind dort aber die kurz­fris­ti­gen Aus- sich­ten am un­si­chers­ten.» Denn es be­steht die Sor­ge, dass die Roh­stoff­nach­fra­ge aus Chi­na we­gen der dor­ti­gen Be­stre­bun­gen, das Wirt­schafts­wachs­tum zu dros­seln, ab­neh­men könn­te.

Ho­her In­ves­ti­ti­ons­be­darf

Zwei­tens ist die In­fla­ti­on in Bra­si­li­en in­zwi­schen auf fast 6% ge­stie­gen. Weil die neue Re­gie­rung un­ter Prä­si­den­tin Dil­ma Rousseff kei­ne ra­sche­re Geld­ent­wer­tung ris­kie­ren wird, sind Fi­nanz­mi­nis­ter und Zen­tral­bank ge­zwun­gen, das Kre­dit­wachs­tum ein­zu­däm­men, et­wa durch Zins­er­hö­hun­gen und öf­fent­li­che Spar­mass­nah­men. An­de­rer­seits will die neue Prä­si­den­tin je­doch die drin­gend not­wen­di­gen In­ves­ti­tio­nen in die öf­fent­li­che In­fra­struk­tur vor­an­trei­ben – die Fuss­ball­welt­meis­ter­schaft 2014 rückt nä­her.

Die In­vest­ment­bank Itaú BBA rech­net da­mit, dass sich Bra­si­li­ens In­ves­ti­tio­nen von der­zeit um­ge­rech­net et­wa 330 Mrd. $ im Jahr bis 2020 ver­drei­fa­chen wer­den. Die Re­gie­rung kann das nicht al­lein stem­men. Das Gros soll vor al­lem von pri­va­ten Un­ter­neh­men und In­ves­to­ren aus dem In-und Aus­land kom­men. «Der Staat wird zwar wei­ter­hin an den meis­ten Pro­jek­ten be­tei­ligt sein, je­doch nur noch mar­gi­nal», er­war­tet Ilan Gold­fa­jn, Chef­öko­nom von Itaú.

Macht Rousseff in den nächs­ten Mo­na­ten deut­lich, dass sie es ernst meint mit der Be­tei­li­gung pri­va­ter In­ves­to­ren auf Bra­si­li­ens Bau­stel­le, könn­te das der Bör­se ei­nen kräf­ti­gen Schub ge­ben. Un­ter­neh­men wie Ger­dau wür­den da­von pro­fi­tie­ren. Da die Ein­kom­men stei­gen und die Ar­beits­lo­sig­keit sinkt, dürf­te der Kon­sum trotz stei­gen­der Zin­sen wei­ter zu­le­gen. Das re­kord­mäs­si­ge Weih­nachts­ge­schäft, der Ein­zel­han­dels­um­satz und die Flug­pas­sa­gier­zah­len las­sen dar­auf schlies­sen, dass die Bin­nen­nach­fra­ge stark bleibt.

Da­von pro­fi­tie­ren die Ein­zel­händ­ler wie Pão de Açu­car, der die­ses Jahr die Sy­ner­gi­en durch die Fu­si­on mit der Elek­tro­nik­ket­te Ca­sas Bahia ein­fah­ren wird. Auch Hy­per­m­ar­cas ist da­bei, das Mar­ken­sor­ti­ment für die auf­stre­ben­de Mit­tel­schicht zu er­wei­tern. In­ter­es­sant sind für die An­le­ger auf dem ge­drück­ten Kurs­ni­veau auch Pe­tro­bras. Im­mer mehr Ana­lys­ten sind der Mei­nung, dass nun al­le Ri­si­ken ein­ge­preist sind, und je­de gu­te Nach­richt – wie et­wa über neue Öl­fun­de – die Ak­ti­en an­trei­ben wer­de.

Stei­gen­de Ein­kom­men und sin­ken­de Ar­beits­lo­sig­keit: In Bra­si­li­en wird der Kon­sum trotz hö­he­rer Zin­sen wei­ter zu­neh­men.

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