Im Wech­sel­bad der Stim­mun­gen

An Asi­ens Fi­nanz­märk­ten wech­seln sich die Sor­gen über ei­ne Kon­junk­tur­über­hit­zung und ei­nen Wachs­tum­s­ein­bruch ab

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ERNST HERB,

Die asia­ti­schen Schwel­len­län­der ha­ben die Fi­nanz­markt­und Wirt­schafts­kri­se ab der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2009 hin­ter sich ge­las­sen. Die ra­san­te Kon­junk­tur­er­ho­lung von der tem­po­rä­ren Schwä­che ha­ben sie nicht nur der Ro­bust­heit ih­rer Ban­ken zu ver­dan­ken, son­dern vor al­lem auch den mas­si­ven staat­li­chen Kon­junk­tur­pro­gram­men. Wäh­rend die Re­gie­run­gen und No­ten­ban­ken der Re­gi­on die Fi­nanz­markt­kri­se be­mer­kens­wert gut ge­meis­tert ha­ben, ste­hen sie heu­te mit der an­ge­streb­ten Nor­ma­li­sie­rung ih­rer Kon­junk­tur­po­li­tik vor neu­en Her­aus­for­de­run­gen.

In­fol­ge des ra­san­ten Wirt­schafts­wachs­tums wie der welt­weit reich­li­chen Li­qui­di­tät hat in Asi­en die Teue­rung an Fahrt ge­won­nen. Am deut­lichs­ten äus­sert sich die In­fla­ti­on in den scharf ge­stie­ge­nen Prei­sen für Le­bens­mit­tel. Nach dem kräf­ti­gen Kon­junk­tur­auf­schwung müs­sen die asia­ti­schen Zen­tral­ban­ken und Re­gie­run­gen ih­re Volks­wirt­schaf­ten jetzt zu ei­ner sanf­ten Lan­dung brin­gen. Da­zu ha­ben die Volks­wirt­schaf­ten be­reits an­ge­setzt, geht die Asia­ti­sche Ent­wick­lungs­bank (ADB) für das lau­fen­de Jahr doch von ei­nem Wachs­tum von 7,3% für Asi­en aus, nach­dem die re­gio­na­le Wirt­schafts­leis­tung 2010 wahr­schein­lich deut­lich über 8% ex­pan­diert hat. An Asi­ens Fi­nanz­märk­ten dürf­ten sich trotz die­ses op­ti­mis­ti­schen Sze­na­ri­os in den kom­men­den Mo­na­ten die Sor­gen über ei­ne Kon­junk­tur­über­hit­zung ei­ner­seits und ei­nem Wachs­tum­s­ein­bruch an­de­rer­seits ab­wech­seln.

Cre­dit Suis­se sieht Ral­ly

Ei­nen Vor­ge­schmack da­für lie­fer­te be­reits das drit­te Quar­tal 2010, als die Wachs­tums­dy­na­mik in Chi­na, Tai­wan, Süd­ko­rea und Sin­ga­pur stär­ker nach­liess als er­war­tet. Ro­bus­te Ex­port­da­ten und die zwei­te Run­de der quan­ti­ta­ti­ven Lo­cke­rung der Geld­po­li­tik in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten lies­sen al­ler­dings die Be­fürch­tun­gen über ein ab­rup­tes En­de des Wachs­tums­zy­klus in den Hin­ter­grund tre­ten. Ins Blick­feld der Markt­be­ob­ach­ter rück­ten wie­der der schnell wach­sen­de Pri­vat­kon­sum in so be­deu­ten­den Märk­ten wie Chi­na, In­di­en und In­do­ne­si­en so­wie die we­gen der lo­cke­ren US-Geld­po­li­tik und der gros­sen Aus­sen­han­dels­über­schüs­se fern­öst­li­cher Ex­port­staa­ten nach Asi­en über­schwap­pen­de Li­qui­di­tät.

Das ver­half den asia­ti­schen Bör­sen nicht nur zu ei­nem Jah­res­en­dral­ly, son­dern führ­te auch an den über­hitz­ten Im­mo­bi­li­en­märk­ten von Hong­kong über Sin­ga­pur bis Mum­bai zu ei­nem kräf­ti­gen Preis­schub. Die Schwei­zer Gross­bank Cre­dit Suis­se geht da­von aus, dass die­se Fak­to­ren trotz ei­nes in der zwei­ten Jah­res­hälf­te leicht ab­fla­chen­den Bin­nen­wachs­tums auch 2011 an­hal­ten wer­den: Fan Cheuk Wan, Chef Re­se­arch für die An­la­ge­re­gi­on Asi­en-Pa­zi­fik, pro­gnos­ti­ziert, dass die asia­ti­schen Bör­sen bis En­de 2011 – vor al­lem dank 17,5% hö­he­rer Un­ter­neh­mens­ge­win­ne – rund 19% stei­gen.

Ei­ne Stu­die der HSBC warnt je­doch ein­dring­lich da­vor, dass sich im ge­gen­wär­ti­gen Um­feld in Form von In­fla­ti­on, ex­zes­si­ven Sach­in­ves­ti­tio­nen und über­be­wer­te­ten Ak­ti­en auch ma­kro­öko­no­mi­sche Un­gleich­ge­wich­te ent­wi­ckeln, die letzt­lich zu ei­ner Ge­fahr für die Sta­bi­li­tät der asia­ti­schen Fi­nanz­märk­te wer­den könn­ten. So et­wa, wenn wie 2008 die Prei­se für Erd­öl und Le­bens­mit­tel auf­grund ho­her spe­ku­la­ti­ver Geld­zu­flüs­se in die­se An­la­ge­klas­sen er­neut ex­plo­die­ren wür­den. Da­mit ver­bun­den wä­re auch das Ri­si­ko er­höh­ter so­zia­ler Span­nun­gen, wie dies schon vor zwei Jah­ren der Fall war.

Ab­wehr­dis­po­si­tiv er­rich­tet

Die asia­ti­schen Kon­junk­tur­len­ker sind sich die­ser Ri­si­ken be­wusst. Da­her dürf­ten sie in den kom­men­den Mo­na­ten zu­neh­mend grif­fi­ge­re In­stru­men­te zur Dros­se­lung des Wachs­tums­mo­tors ein­set­zen. Die chi­ne­si­sche Zen­tral­bank, die die Leit­zin­sen seit No­vem­ber be­reits zwei Mal her­auf­setz­te, hat wei­ter­hin er­heb­li­chen Spiel­raum. Aus­ser auf hö­he­re Zin­sen setzt die Re­gie­rung zur Be­kämp­fung der Teue­rung zu­neh­mend auch auf ad­mi­nis­tra­ti­ve Mass­nah­men wie Preis­kon­trol­len. Auch an­ders­wo in Asi­en dürf­te in den kom­men­den Wo­chen an der Zins­schrau­be ge­dreht wer­den – bei­spiels­wei­se in In­di­en, In­do­ne­si­en, Süd­ko­rea, Tai­wan und Thai­land. Da­mit wird im Zug des Zins­ar­bi­tra­ge­ge­schäfts wohl zu­sätz­li­che Li­qui­di­tät in die­se Märk­te flies­sen.

Asi­ens Re­gie­run­gen ha­ben frei­lich be­reits Mecha­nis­men zur Ab­wehr von un­er­wünsch­tem aus­län­di­schen Ka­pi­tal in Stel­lung ge­bracht. Chi­na hat die Über­wa­chung sei­ner be­reits strik­ten Ka­pi­tal­kon­trol­len ver­stärkt. Die in­do­ne­si­sche Zen­tral­bank hat ge­wis­se hoch­li­qui­de An­lei­hen tem­po­rär vom Markt ge­nom­men, wäh­rend in Thai­land Ge­win­ne aus­län­di­scher Port­fo­li­o­in­ves­ti­tio­nen hö­her be­steu­ert wer­den und in Tai­wan de­ren Re­pa­tri­ie­rung zeit­lich her­aus­ge­scho­ben wird.

Die In­fla­ti­on äus­sert sich in Asi­en vor al­lem in mas­siv hö­he­ren Prei­sen für Le­bens­mit­tel.

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