Neu­er Reich­tum schafft Samm­ler

Kunst­markt ver­la­gert sich nach Os­ten – Kunst­händ­ler müs­sen di­ver­si­fi­zie­ren – In­ter­na­tio­na­le Nach­fra­ge bringt Wert­stei­ge­rung

Finanz und Wirtschaft - - KUNSTMARKT - CHRIS­TI­AN VON FA­BER- CA­S­TELL

Wo auf der Welt viel Geld ver­dient wird, dort fei­ert meist bald auch der Kunst­markt Tri­um­phe. Die Ent­ste­hung neu­er Kunst­markt­zen­tren ins­be­son­de­re in den Bric-Län­dern Bra­si­li­en, Russ­land, In­di­en und Chi­na und die Ver­la­ge­rung bis­he­ri­ger Kunst­markt­schwer­punk­te in die­se Re­gio­nen wer­den die welt­wei­te Kunst­markt­ent­wick­lung in die­sem Jahr­zehnt prä­gen. Na­tur­ge­mäss wird da­mit ei­ne Um­be­wer­tung bis­he­ri­ger Kunst­ge­bie­te ein­her­ge­hen. Kunst­be­rei­che von über­wie­gend na­tio­na­lem oder re­gio­na­lem In­ter­es­se – bei­spiels­wei­se die ku­ran­te Kunst des 19. Jh. der ein­zel­nen eu­ro­päi­schen Län­der – wird in re­gio­na­le Markt­ni­schen ab­ge­drängt und wird preis­lich sta­gnie­ren.

Aus­ge­nom­men hier­von sind le­dig­lich ei­ni­ge we­ni­ge her­aus­ra­gen­de Meis­ter­wer­ke der Welt­kunst, für die aber schon bis­her kei­ne na­tio­na­len Gren­zen gal­ten. So kommt bei­spiels­wei­se aus­ser­halb der Schweiz nie­mand auf den Ge­dan­ken, die Bron­ze­skulp­tu­ren ei­nes Al­ber­to Gi­a­co­met­ti als «Schwei­zer Kunst» zu be­trach­ten, und be­zeich­nen­der­wei­se wer­den sei­ne re­kord­preis­träch­ti­gen Meis­ter­wer­ke auch nicht in den ent­spre­chen­den Spe­zi­al­ver­stei­ge­run­gen hier­zu­lan­de, son­dern in London und New York an­ge­bo­ten. Ge­nau­so wer­den mu­se­ums­wür­di­ge Spit­zen­leis­tun­gen der Im­pres­sio­nis­ten und der Ex­pres­sio­nis­ten, der nie­der­län­di­schen Alt­meis­ter­ma­le­rei, des Augs­bur­ger Sil­bers, des Meiss­ner Por­zel­lans oder der hö­fi­schen Pa­ri­ser Mö­bel­schrei­n­er­kunst, an de­nen sich einst Kö­ni­ge und Päps­te er­freu­ten, auch künf­tig die Mäch­ti­gen und Rei­chen in al­ler Welt an­spre­chen.

Im Jahr­zehnt des Dra­chens

Preis­lich auf der Stre­cke blei­ben wird je­doch die Mas­se an re­gio­na­lem und na­tio­na­lem Kunst­hand­werk be­schei­de­ne­rer Aus­füh­rung, für die sich im­mer we­ni­ger ein­hei­mi­sche und schon gar kei­ne in­ter­na­tio­na­len Käu­fer mehr fin­den. Da­für wer­den an­de­re, bis­her eher rand­stän­di­ge Spe­zi­al­ge­bie­te wie et­wa die chi­ne­si­sche und asia­ti­sche Kunst oder die Kunst Latein­ame­ri­kas in den nächs­ten Jah­ren an Markt­be­deu­tung und Um­satz zu­le­gen.

Zwar brem­sen kul­tu­rel­le, staat­li­che und an­de­re struk­tu­rel­le Hemm­nis­se man­chen­orts noch die Ent­fal­tung ei­nes Auk­ti­ons-, Ga­le­ri­en-und Kunst­mes­se­zir­kus nach west­li­chem Mus­ter. In der Volks­re­pu­blik Chi­na scheint es trotz blü­hen-

Öl auf Lein­wand, 127,8×169,7 cm, Schätz­preis: 15 bis 20 Mio. $ (Sothe­by’s, New York, 27. Ja­nu­ar) der Wirt­schaft im­mer noch ver­pönt, ka­pi­ta­lis­ti­schen Reich­tum all­zu auf­dring­lich zu zei­gen. Welch enor­mes Kunst­markt­po­ten­zi­al in den Wirt­schafts­zen­tren des Fer­nen Os­tens schlum­mert, lässt aber die Ent­wick­lung im dies­be­züg­lich we­ni­ger prü­den Hong­kong er­ah­nen. Hier hat sich in den letz­ten Jah­ren ei­ne Kunst­markt-und Auk­ti­ons­sze­ne ent­wi­ckelt, die be­son­ders im Be­reich Ju­we­len und Uh­ren den Ju­we­len­auk­ti­ons­platz Genf in den nächs­ten Jah­ren über­ho­len und so­gar ab­lö­sen könn­te.

Als Käu­fer spie­len al­ler­dings auch Fest­land­chi­ne­sen ei­ne zu­neh­mend wich­ti­ge Rol­le. Ihr In­ter­es­se gilt in­des nicht so sehr der chi­ne­si­schen Ge­gen­warts­kunst, die in den letz­ten Jah­ren durch ver­ein­zel­te stei­le Markt-und Preis­kar­rie­ren auf­fiel. Sie stellt ja haupt­säch­lich ein chi­ne­si­sches Ex­port­pro­dukt dar, ähn­lich wie et­wa im 17. Jh. das in Eu­ro­pa be­lieb­te Blanc-deChi­ne-Por­zel­lan der Ming-Zeit. Hart­nä­ckig und dis­kret ja­gen chi­ne­si­sche Händ­ler heu­te viel­mehr der frü­hen chi­ne­si- schen Bron­ze-, Ter­ra­kot­ta-und Por­zel­lan­kunst nach, die vom 18. bis in die ers­te Hälf­te des 20. Jh. in zahl­lo­sen und nicht sel­ten mu­se­ums­wür­di­gen Bei­spie­len in eu­ro­päi­schen Asia­ti­ka­samm­lun­gen Ein­zug ge­hal­ten hat­te.

Glo­ba­le Kunst

An­dern­orts wie­der­um fehlt es noch an der Kunst­markt-und Ga­le­ri­en­in­fra­struk­tur, an ei­nem wohl­ha­ben­den Mit­tel­stand oder auch nur an ei­nem Min­dest­mass an Si­cher­heit als Vor­aus­set­zun­gen für die Ent­wick­lung ei­nes ein­hei­mi­schen Kunst­mark­tes. Mit wach­sen­dem Wohl­stand wer­den die­se Vor­aus­set­zun­gen aber von selbst er­füllt, und die Ent­wick­lung neu­er Kunst­markt­zen­tren ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, wie nicht zu­letzt die vor­aus­schau­en­den En­ga­ge­ments der Kunst­mul­tis Chris­tie’s und Sothe­by’s in den Emi­ra­ten und in Hong­kong be­le­gen.

All dies be­deu­tet nun nicht, dass west­li­ches Kul­tur­gut und abend­län­di­sche Kunst-und An­ti­qui­tä­ten­samm­lun­gen in den nächs­ten Jah­ren wert­los wer­den. Im­mer­hin gibt es ja auch in Eu­ro­pa und in den USA noch ge­nü­gend nach­wach­sen­de Kun­den da­für, ganz ab­ge­se­hen da­von, dass in den Kunst­markt­re­gio­nen der BricLän­der lau­fend neue Mu­se­en ent­ste­hen, de­ren Be­darf an abend­län­di­scher Kunst kaum ab­seh­bar ist.

Für Samm­ler, die Wert auf ei­ne lang­fris­ti­ge in­ter­na­tio­na­le Nach­fra­ge­si­cher­heit ih­rer Kunst­schät­ze le­gen, gibt es schliess­lich so et­was wie glo­ba­le Kunst­markt­ge­bie­te, de­ren Samm­ler­ge­mein­de schon heu­te kei­ne na­tio­na­len Gren­zen mehr kennt. Bei­spie­le hier­für sind so un­ter­schied­li­che Be­rei­che wie Uh­ren und Ju­we­len, klas­si­sche Au­to­mo­bi­le, De­sign und Fo­to­gra­fie. Da­zu ge­hö­ren fer­ner be­deu­ten­de Wer­ke der an­ti­ken Welt­kul­tu­ren von Afri­ka­nern, Ägyp­tern, Grie­chen und Rö­mern über Per­ser, Ira­ker, Chi­ne­sen und In­der bis zu In­kas und Ma­yas so­wie die Avant­gar­de­kunst, die ja längst al­le Gren­zern über­schrit­ten hat.

1739, Öl auf Lein­wand, si­gniert und da­tiert, 74,3×99,5 cm, Schätz­preis: 1 bis 1,5 Mio. $ (Sothe­by’s, New York, 26. Ja­nu­ar)

Ti­zi­an (Ti­zia­no Ve­cel­lio), «A Sa­cra Con­ver­sa­zio­ne: Ma­don­na mit Kind und den Hei­li­gen Lu­kas und Ka­the­ri­na von Alex­an­dria», um 1560,

Gio­van­ni Pao­lo Pa­ni­ni, «Rui­nen­cappric­cio»,

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