«Ei­ne stär­ke­re Dis­zi­pli­nie­rung ist sinn­voll»

HEI­NO VON PROND­ZYN­SKI Der Mehr­fach-Ver­wal­tungs­rat über In­no­va­tio­nen, Über­nah­men und stei­gen­de re­gu­la­to­ri­sche An­for­de­run­gen in der Med­tech-Bran­che

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ -

FUnd in an­de­ren Be­rei­chen? In der Mo­le­ku­lar­dia­gnos­tik sind es nach wie vor die Mar­ker, al­so die In­hal­te der mo­le­ku­lar­dia­gnos­ti­schen Test­ver­fah­ren, die in grös­se­rer An­zahl in die kli­ni­sche Er­pro­bung ge­hen. Im Im­plan­tat­be­reich, zum Bei­spiel in der Or­tho­pä­die, wird Na­no­tech­no­lo­gie für die Ent­wick­lung neu­er Ober­flä­chen im­mer wich­ti­ger. Sol­che neu­en Ober­flä­chen­struk­tu­ren kön­nen mit Ei­gen­schaf­ten ver­se­hen wer­den, die et­wa zur Re­du­zie­rung des Ri­si­kos von In­fek­tio­nen bei­tra­gen. Im the­ra­peu­ti­schen Be­reich sind Zell­the­ra­pie­tech­no­lo­gi­en zur Be­hand­lung sel­te­ner Krank­heits­bil­der wie Erb­krank­hei­ten oder Blut­krebs mit re­la­tiv klei­nen Pa­ti­en­ten­zah­len hoch­in­no­va­tiv.

Wer hat Nach­hol­be­darf? Un­ter an­de­rem auch der Den­tal­be­reich. Was das geis­ti­ge Ei­gen­tum be­trifft, gibt es Op­ti­mie­rungs­po­ten­zi­al. ast al­le Schwei­zer Med­tech-Ak­ti­en ha­ben 2010 im Mi­nus be­en­det. Pri­va­te und in­sti­tu­tio­nel­le An­le­ger wen­den sich von der Bran­che ab, de­ren eins­ti­ge Über­flie­ger nur noch we­ni­ge In­no­va­tio­nen zu­stan­de brin­gen und sich auf stei­gen­de kli­ni­sche An­for­de­run­gen ge­fasst ma­chen müs­sen. Hei­no von Prond­zyn­ski sitzt u. a. im Ver­wal­tungs­rat von Phi­lips, Qia­gen und Ho­s­pi­ra und kennt die Bran­che wie nur we­ni­ge an­de­re. Er er­klärt, war­um sich Med­tech-In­vest­ments wei­ter loh­nen, und äus­sert sich erst­mals auch kurz zu sei­nem schwie­rigs­ten Man­dat, dem VR-Prä­si­di­um von No­bel Bio­ca­re.

Herr von Prond­zyn­ski, Med­techIn­no­va­tio­nen müs­sen die­ser Ta­ge mit der Lu­pe ge­sucht wer­den. Woran liegt dies? Pro­dukt­ent­wick­lun­gen bei­spiels­wei­se in der Mo­le­ku­lar­dia­gnos­tik, der per­so­na­li­sier­ten Me­di­zin wie auch in an­de­ren Med­tech-Be­rei­chen neh­men im­mer mehr Zeit in An­spruch, da ge­ra­de auch die re­gu­la­to­ri­schen An­for­de­run­gen grös­ser wer­den.

Kön­nen Sie Bei­spie­le für In­no­va­tio­nen nen­nen, auf die Med­tech-An­le­ger in nächs­ter Zeit ach­ten müs­sen? Im Den­talim­plan­tat­be­reich et­wa könn­ten sich an­de­re Bohr­tech­ni­ken wie et­wa Ul­tra­sound-Boh­ren als nächs­te grös­se­re In­no­va­ti­on an­kün­di­gen. Mit die­ser Bohr­tech­nik, die mei­nes Wis­sens Stry­ker be­reits in der Or­tho­pä­die an­wen­det, wird der Kno­chen mit Ul­tra­sound ent­fernt, ein­fach aus­ge­drückt pul­ve­ri­siert. Die Im­plan­ta­te kön­nen dann in ver­schie­de­nen For­men, nicht mehr nur in Kreis­form, pass­ge­nau ein­ge­setzt wer­den. Al­ler­dings stei­gen da­mit auch die An­for­de­run­gen an die Im­plan­ta­te, was For­men und Be­schich­tun­gen be­trifft. Po­ly­pep­ti­de kön­nen hier ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le spie­len. Das wä­re si­cher­lich ei­ne ech­te In­no­va­ti­on.

Was ist für ein Med­tech-In­vest­ment aus­ser­dem ent­schei­dend?

Der aus­ser­or­dent­li­che Wert der Pa­tent­port­fo­li­os wird ge­ra­de erst von den Un­ter­neh­men er­kannt.

Das Pa­tent­port­fo­lio des je­wei­li­gen Un­ter­neh­mens. Die­ser aus­ser­or­dent­li­che Wert wird von den Un­ter­neh­men ge­ra­de erst stär­ker er­kannt. Li­zenz­stra­te­gi­en kön­nen eben­falls im­mer at­trak­ti­ver wer­den. Ro­che ist da si­cher ein Vor­bild mit der Ver­ga­be von PCR-Pa­ten­ten an die Dia­gnos­tik-und die Li­fesci­ence-In­dus­trie in den letz­ten zwan­zig Jah­ren. Die meis­ten Med­tech-Un­ter­neh­men ha­ben es lei­der ver­säumt, Ein­zel­pa­ten­te durch Ab­gren­zung si­che­rer und wert­vol­ler zu ma­chen. In vie­len Ge­sell­schaf­ten sind aus­ge­feil­te Pa­tent­ent­wick­lungs­stra­te­gi­en erst in den letz­ten Jah­ren ent­wi­ckelt und mit ent­spre­chen­den An­reiz­sys­te­men ver­se­hen wor­den.

Wer ist dies­be­züg­lich gut auf­ge­stellt? Bei­spie­le sind Qia­gen mit ih­ren Pa­ten­ten zur Früh­er­ken­nung des hu­ma­nen Pa­pil­lo­ma­vi­rus und den ei­ge­nen Mar­kern für die per­so­na­li­sier­te Me­di­zin, Phi­lips mit Ul­tra­sound und bild­ge­ben­den Ver­fah­ren so­wie Ho­s­pi­ra im Be­reich Bio­ge­ne­ri­ka.

Hei­no von Prond­zyn­ski

Nun ist schon wie­der das Stich­wort Den­tal ge­fal­len, da­her ein paar Fra­gen zu No­bel Bio­ca­re, de­ren VR-Prä­si­dent Sie seit 2010 sind. Was ist der Grund der mi­se­ra­blen Per­for­mance der ver­gan­ge­nen drei Jah­re? War es fal­sches Ma­nage­ment?

Die Markt­ein­füh­rung von No­bel Pro­ce­ra ist nicht op­ti­mal ge­lau­fen.

Nein. Es muss­te erst ein­mal ein funk­tio­nie­ren­des Ma­nage­ment in al­len Ebe­nen auf-und aus­ge­baut wer­den.

Was war denn die Ur­sa­che? Ein­mal das Pro­dukt­port­fo­lio, das gröss­ten­teils auf das Pre­mi­um­seg­ment aus­ge­rich­tet war, und das Feh­len von Er­gän­zun­gen zum Pro­dukt­sor­ti­ment, zum an­de­ren die not­wen­di­gen Re­struk­tu­rie­run­gen. Die Port­fo­li­o­aus­wir­kun­gen ha­ben wir be­son­ders in un­se­ren gröss­ten Märk­ten USA und Spa­ni­en ge­spürt, die von der Wirt­schafts­kri­se hart ge­trof­fen wur­den. Die Her­aus­for­de­rung für No­bel Bio­ca­re ist, preis­lich dif­fe­ren­zier­te An­ge­bo­te, nicht nur im Pre­mi­um­be­reich, zu of­fe­rie­ren. Preis­dif­fe­ren­zie­run­gen in das un­te­re Seg­ment wer­den bei grös­ser wer­den­den Vo­lu­men und ei­ner brei­te­ren Kun­den­ba­sis im­mer wich­ti­ger. Die­ser Trend be­trifft die ge­sam­te Bran­che.

Sind die Pro­duk­te von No­bel Bio­ca­re wirk­lich Pre­mi­um oder ein­fach nur teu­er? Nein, die Pro­duk­te sind wirk­lich top, und Qua­li­tät hat im­mer ih­ren Preis. No­bel Bio­ca­re war und ist seit Jah­ren der In­no­va­tor der Bran­che. Der Wett­be­werb hat die gros­sen In­no­va­ti­ons­sprün­ge al­le nach­ge­macht, war aber lei­der teil­wei­se bes­ser in der Im­ple­men­tie­rung.

Wie steht es um die Äs­t­he­tik­li­nie No­bel Pro­ce­ra? Im Markt ist zu hö­ren, das Pro­dukt sei nicht gut ge­nug. Wenn Sie mich dies vor ei­nem Jahr, al­so vor mei­ner Amts­zeit als VR-Prä­si­dent, ge­fragt hät­ten, hät­te ich dem wohl mit mei­ner Aus­sen­sicht zu­ge­stimmt. Als No­bel Pro­ce­ra Mit­te 2009 aus­ge­bo­ten wur­de, war es noch nicht in dem Zu­stand, den die Kun­den zu Recht von uns er­war­ten. Der Scan­ner hat­te nicht die ver­spro­che­nen Fea­tu­res, die Soft­ware war nicht op­ti­mal, und auch die Ver­brauchs­ma­te­ria­li­en wa­ren un­voll­stän­dig. Es gab kein Ko­balt­chrom, kein Zir­kon­di­oxid und auch kei­ne Over­den­tu­rePro­the­sen. Die ent­schei­den­den Ve­rän­de­run­gen sind pas­siert, nach­dem mein Vor­gän­ger mit dem CEO die ent­spre­chen­den Ve­rän­de­run­gen in den Zu­stän­dig­kei­ten bei Mar­ke­ting und Pro­duk­ten vor­ge­nom­men hat.

Das heisst, No­bel Pro­ce­ra hät­te es sonst nicht ge­schafft? Die Aus­bie­tung von No­bel Pro­ce­ra ist nicht op­ti­mal ge­we­sen. Wenn der Per­so­nal­wech­sel und die Fo­kus­sie­rung der For­schungs-und Ent­wick­lungs­ak­ti­vi­tä­ten nicht statt­ge­fun­den hät­ten, müss­te hin­ter der In­ves­ti­ti­on in No­bel Pro­ce­ra ein gros­ses Fra­ge­zei­chen ste­hen. Nach den Kor­rek­tu­ren ist das Pro­dukt heu­te mehr als kom­pe­ti­tiv.

Woran ma­chen Sie das fest? Un­ter an­de­rem an un­se­rem Scan­ner-Ge­schäft. Wie im Jahr da­vor wer­den wohl auch 2010 zwi­schen 500 und 600 Scan­ner ver­kauft. Da­mit ha­ben wir ei­ne gu­te Ba­sis im Feld, und wir kön­nen nun mit den Ver­brauchs­ma­te­ria­li­en wach­sen. 2010 sind über 300 neue Pro­ce­ra-Pro­duk­te in den Markt ge­kom­men. Durch Part­ner­schaf­ten ha­ben wir uns zu­dem den Zu­gang zu wei­te­ren Ma­te­ria­li­en ge­öff­net und so un­se­ren adres­sier­ba­ren Markt auf 6 Mrd. $ fast ver­dop­pelt. Bis zum Er­rei­chen von ent­spre­chen­den Skalen­sprün­gen bei den Men­gen bleibt die­ser Be­reich aber si­cher­lich we­ni­ger at­trak­tiv als das klas­si­sche Im­plan­tat­ge­schäft.

Aber al­les in al­lem ha­ben Sie mit No­bel Pro­ce­ra ein Jahr ver­lo­ren? kla­rer Richt­li­ni­en un­ter­schied­lich ge­hand­habt. Da ist ei­ne stär­ke­re Dis­zi­pli­nie­rung si­cher sinn­voll. Ich könn­te mir al­ler­dings vor­stel­len, dass sich ei­ni­ge Ge­sell­schaf­ten gut über­le­gen wer­den, ob sie in ei­nem sol­chen stär­ker re­gu­lier­ten Um­feld noch so breit ak­tiv sein wol­len.

In der Re­gu­lie­rung des Hör­ge­rä­te­mark­tes hat die FDA ge­ra­de erst be­gon­nen, die Ne­ben­wir­kun­gen der Wi­re­less-Funk­tio­nen der Ge­rä­te zu prü­fen, ob­wohl sie schon seit Jah­ren ver­kauft wer­den. Es gibt Be­rei­che, wo die Re­gu­lie­rung den sich sehr schnell ent­wi­ckeln­den Tech­no­lo­gi­en kaum fol­gen konn­te. Auch das kommt jetzt stär­ker in den Fo­kus.

Wer­den die Pro­duk­te we­gen der stei­gen­den re­gu­la­to­ri­schen An­for­de­run­gen teu­rer? Es gibt Pre­mium­märk­te, wo der Raum für Preis­er­hö­hun­gen be­schränk­ter ist. Für wirk­li­che In­no­va­tio­nen mit Al­lein­stel­lungs­nut­zen und kla­rer Wei­ter­ent­wick­lung wer­den aber im­mer ent­spre­chen­de Prei­se an­ge­peilt wer­den kön­nen.

Wenn sich die In­dus­trie an die neu­en Richt­li­ni­en ge­wöhnt hat, kommt der nächs­te Ham­mer, näm­lich die neue Med­tech-Steu­er in den USA ab 2012. Das se­he ich wie­der­um nicht so dra­ma­tisch. Die­se Be­las­tung kön­nen die Un­ter­neh­men wahr­schein­lich in der Re­gel wei­ter­ge­ben, ähn­lich wie die Mehr­wert­steu­er. Auf Kun­den­sei­te kann das al­ler­dings Kos­ten­druck er­zeu­gen. Aber die­se Be­las­tung dürf­te die Wei­ter­ent­wick­lung des Med­tech-Sek­tors ins­ge­samt we­ni­ger be­ein­flus­sen.

Könn­ten künf­tig durch Über­nah­me­ak­ti­vi­tä­ten neue Kräf­te im Med­techU­ni­ver­sum ent­ste­hen? Es wä­re doch denk­bar, dass die gros­sen Phar­ma­gesell­schaf­ten bei­spiels­wei­se in das Den­tal­ge­schäft ein­stei­gen wol­len. Ich kann es mir im Mo­ment nicht vor­stel­len. Ro­che, Pfi­zer oder No­var­tis wer­den sich kaum in Rich­tung John­son & John­son oder Med­t­ro­nic ent­wi­ckeln und durch Zu­kauf wei­te­re Stand­bei­ne auf­bau­en. Der Phar­ma­an­teil ist ein­fach zu do­mi­nant und wich­tig. Da müss­te ein so klei­ner Be­reich wie Den­talim­plan­ta­te zu sehr um Res­sour­cen und Fi­nan­zie­rung kämp­fen. Er müss­te mit Impf­stof­fen, Dia­gnos­tik oder Au­gen­heil­kun­de kon­kur­rie­ren, die al­le we­sent­lich grös­ser sind. Da blie­be nicht viel üb­rig für In­no­va­tio­nen, die ja der Trei­ber die­ses Ge­schäfts sind.

Was wä­re ein künf­ti­ger M&A-Sek­tor? Ganz klar die La­bor­in­dus­trie. Beck­man Coul­ter steht zum Ver­kauf und könn­te von GE über­nom­men wer­den. Auch Ro­che könn­te sich über ei­nen La­bo­raus­rüs­ter im klas­si­schen Dia­gnos­tik­ge­schäft stär­ken. Die La­bo­ran­bie­ter­land­schaft wird sich wei­ter kon­so­li­die­ren, vi­el­leicht auch trans­at­lan­tisch.

Ei­ni­ge Un­ter­neh­men wer­den sich gut über­le­gen, ob sie in ei­nem stär­ker re­gu­lier­ten Markt noch tä­tig sein wol­len.

warnt, dass Zu­las­sungs­ver­fah­ren künf­tig län­ger dau­ern und den Un­ter­neh­men mehr Kos­ten ver­ur­sa­chen.

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