Wie «netz­neu­tral» soll Da­ten­ver­kehr ge­re­gelt sein?

Finanz und Wirtschaft - - PODIUM - DM

Mit zu­neh­men­der Ab­wick­lung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­wen­dun­gen über das In­ter­net­Pro­to­koll stei­gen die Da­ten­men­gen in den Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zen. In ei­ni­gen Be­rei­chen führt dies zu Ka­pa­zi­täts­pro­ble­men. Dar­un­ter lei­den An­ge­bo­te, die auf ei­ne schnel­le und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Über­tra­gung an­ge­wie­sen sind. Des­halb ten­die­ren Netz­be­trei­ber da­zu, Ka­pa­zi­tä­ten für be­stimm­te Di­ens­te zu re­ser­vie­ren.

Dies wi­der­spricht dem (un­ge­schrie­be­nen) Grund­satz der Netz­neu­tra­li­tät. Sie be­deu­tet den un­ter­schieds­lo­sen Trans­port von Da­ten­pa­ke­ten, egal, wo­her die Da­ten kom­men, wel­cher An­wen­dung sie die­nen und von wem sie be­zo­gen wer­den. Der Netz­neu­tra­li­tät zu­grun­de liegt der Ge­dan­ke, dass das un­or­ga­ni­siert ge­wach­se­ne In­ter­net bis­her «of­fen» war. In den Au­gen ei­ni­ger Markt­teil­neh­mer und Be­ob­ach­ter be­dro­hen nicht nur au­to­ri­tä­re Staa­ten wie Iran oder Chi­na, son­dern auch kom­mer­zi­el­le In­ter­es­sen die­se Of­fen­heit. Bei­spiel­haft an­füh­ren lässt sich der Streit zwi­schen dem US-Glas­fa­ser­netz­be­trei­ber Le­vel 3 und dem US-Tele­com­kon­zern Com­cast. Die Ge­sell­schaf­ten ha­ben ein bi­la­te­ra­les Ab­kom­men ge­schlos­sen: Da­ten­men­gen dür­fen in bei­de Rich­tun­gen ge­schickt wer­den («Pee­ring»). Le­vel 3 bie­tet aber seit kur­zem nun ei­nem ih­rer Kun­den, der On­line-Vi­deo­thek Net­flix, Spei­che- rungs-und Strea­m­ing-Di­ens­te an. Das führt da­zu, dass Le­vel 3 deut­lich mehr Durch­lei­tungs­ka­pa­zi­tät bei Com­cast be­an­sprucht als um­ge­kehrt. Net­flix er­zeugt in Spit­zen­zei­ten ca. 20% des ge­sam­ten Da­ten­auf­kom­mens in den USA. Com­cast be­las­tet da­her pri­va­ten End­kun­den, die frem­de Vi­deo­diens­te – wie Net­flix – be­nut­zen, ei­ne Zu­satz­ge­bühr. Für Le­vel 3 stellt die­ses Vor­ge­hen ei­nen Ver­stoss ge­gen die Netz­neu­tra­li­tät dar – nun dürf­te ein neu­er Ver­trag aus­ge­han­delt wer­den. Die Fra­ge steht aber im Raum, ob hier ein Kon­flikt ent­stan­den ist, in dem prin­zi­pi­ell ein Re­gu­la­tor ein­schrei­ten soll­te.

Auch in Eu­ro­pa wird das The­ma dis­ku­tiert. Matthias Kurt, Prä­si­dent der Bun­des­netz­agen­tur, sä­he im Ver­lust der Netz­neu­tra­li­tät ei­ne «Be­dro­hung» für das freie In­ter­net. Durch aus­rei­chend Wett­be­werb könn­ten aber Neu­tra­li­tät und Trans­pa­renz er­hal­ten blei­ben. Ge­mäss Kurt ver­rin­gert je­doch ei­ne Zu­gangs­dif­fe­ren­zie­rung in Ab­hän­gig­keit von der Zahl­be­reit­schaft von In­halte­und Di­enst­an­bie­tern den Wett­be­werb zwi­schen den Net­zen. «Di­ens­tin­no­va­tio­nen» wür­den so er­schwert, da sie vor al­lem von Start-ups (Goog­le, Ama­zon usw.) oder In­ter­net-Be­nut­zern (E-Mail), nicht von Netz­be­trei­bern ent­wi­ckelt wür­den. Un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen kön­ne ei­ne Zu­gangs­dif­fe­ren­zie­rung je nach Zah­lungs­be­reit­schaft sinn- voll sein und Spiel­raum für In­no­va­tio­nen und neue Ge­schäfts­mo­del­le frei­le­gen. Dies be­deu­te ei­ne ge­wis­se Ab­wei­chung von ei­ner strik­ten, ab­so­lu­ten Netz­neu­tra­li­tät.

Die US-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­hör­de FCC hat ih­rer­seits am 21. De­zem­ber mit knap­per Mehr­heit ein Rah­men­werk ver­ab­schie­det, das vom Netz­be­trei­ber ver­langt, Netz­werk­ma­nage­ment­prak­ti­ken of­fen­zu­le­gen. Breit­ban­d­an­bie­ter dür­fen kei­ne In­ter­net­Da­ten und -Di­ens­te blo­ckie­ren, so­fern die­se «ge­set­zes­kon­form» sind. Die di­rek­te oder in­di­rek­te Be­vor­zu­gung von Da­ten – «Pay for Prio­ri­ty» – wür­de An­lass für Be­sorg­nis ge­ben. Die FCC un­ter­schei­det aber zwi­schen Fest­netz-und Mo­bil­funk­netz­be­trei­bern und stellt fest, dass im Mo­bil­funk die Kon­su­men­ten mehr Aus­wahl hät­ten und die Tech­no­lo­gie noch in frü­he­rem Ent­wick­lungs­sta­di­um sei. Es sei­en «an­ge­mes­se­ne» Schrit­te nö­tig, et­wa auch die un­ter­schied­lich schnel­le Über­tra­gung be­son­ders da­ten­in­ten­si­ver An­wen­dun­gen.

Der Chair­man der FCC be­tont die Be­deu­tung und den Wert von Ex­pe­ri­men­ten mit Ge­schäfts­mo­del­len wie «ab­ge­stuf­ten Preis­mo­del­len» – was auf die Zu­läs­sig­keit un­ter­schied­li­cher Ta­ri­fe je nach Di­enst hin­weist. Die FCC-Vor­schlä­ge las­sen er­heb­li­chen Ent­schei­dungs-und In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum of­fen.

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