Neu­es Le­ben in In­dus­trie­rui­nen

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - DF

Zug­rei­sen­de in Po­len ge­nies­sen we­nig Kom­fort. Das Roll­ma­te­ri­al ist ver­al­tet, we­gen Bau­ar­bei­ten müs­sen auf vie­len Stre­cken im­mer wie­der Stopps ein­ge­legt wer­den, und die meis­ten Bahn­hö­fe sind schä­big und schmut­zig. In der Rang­lis­te der graus­ligs­ten eu­ro­päi­schen Bahns­ta­tio­nen be­legt Lodz Fa­b­rycz­na zwei­fel­los ei­nen Spit­zen­platz. Al­les an die­sem Bahn­hof der zu­sam­men mit Kra­kau zweit­gröss­ten pol­ni­schen Stadt zer­fällt: von den löch­ri­gen Per­ron­dä­chern und der muf­fi­gen Schal­ter­hal­le bis zu dem von Schlag­lö­chern über­sä­ten Vor­platz.

EU-Mil­lio­nen flies­sen

Kaum vor­stell­bar, doch bis 2014 soll in Lodz Fa­b­rycz­na mit ei­nem neu­en Bahn­hof der ers­te Schritt für die An­knüp­fung Po­lens an das eu­ro­päi­sche Hoch­ge­schwin­dig­keits­bahn­netz ge­macht wer­den. Für 1,9 Mrd. Zlo­ty (rund 600 Mio. Fr.), von de­nen der gröss­te Teil die EU bei­steu­ern dürf­te, ist ge­plant, den Bahn­hof in den Un­ter­grund zu ver­le­gen. Rund um die Sta­ti­on Fa­b­rycz­na soll auf neun­zig Hekt­aren ein gross­räu­mi­ges Kul­tur-und Ge­schäfts­zen­trum er­rich­tet wer­den.

Der Traum von Lodz, 2016 Eu­ro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt zu wer­den, ist zwar ge­platzt. Die Stadt mit 755 000 Ein­woh­nern, in der in den letz­ten Jah­ren zahl­rei­che mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne wie ABB, Gil­let­te, In­fo­sys und Phi­lips Stand­or­te er­öff­net ha­ben, schaff­te es im Ok­to­ber im Wett­be­werb mit zehn wei­te­ren pol­ni­schen Städ­ten nicht in die en­ge­re Aus­wahl. Doch die Stadt­vä­ter wol­len Lodz trotz­dem zu ei­ner Me­tro­po­le der Kul­tur ma­chen. In ei­nem ehe­ma­li­gen Kraft­werk, dem EC1, ne­ben dem Bahn­hof wird ein Zen­trum der Küns­te mit Ate­liers, Aus­stel­lungs-und Kon­fe­renz­räu­men, ei­ner Bi­b­lio­thek und ei­nem 3D-Ki­no ein­ge­rich­tet. Es soll auch die Stu­di­os des US-Er­folgs­re­gis­seurs Da­vid Lynch («Twin Peaks», «Blue Vel­vet», «In­land Em­pi­re») be­her­ber­gen, der ein be­ken­nen­der Fan von Lodz und ih­res rei­chen Er­bes aus In­dus­trie­bau­ten des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts ist.

In der Bi­b­lio­thek des Kunst­zen­trums wer­den von Per­sön­lich­kei­ten aus ver­schie­de­nen Kul­tu­ren ge­spen­de­te Bü­cher zu se­hen sein. Das Kon­zept sieht vor, dass die Do­na­to­ren je­weils die fünf Wer­ke aus­wäh­len, die ih­ren Le­bens­weg am stärks­ten be­stimmt ha­ben. Un­ter den ers­ten Spen­dern fi­gu­rie­ren der Da­lai La­ma und der sau­di­sche Kö­nig. Als Sou­ve­nir kön­nen die Be­su­cher der­einst Ho­sen im Stil der ers­ten Wrang­ler-Je­ans kau­fen. Der Er­fin­der der Wrang­ler-Je­ans, Ben Lich­ten­stein, wur­de in Lodz ge­bo­ren, und die Stadt war zu ih­rer Blü­te­zeit von 1870 bis 1890 ei­ne eu­ro­päi­sche Tex­til­hoch­burg mit Dut­zen­den von Spin­ne­rei­en und We­be­rei­en.

El­do­ra­do für Ar­chi­tek­ten

Aus Lodz stam­men auch die Vor­fah­ren des be­kann­ten ame­ri­ka­ni­schen Ar­chi­tek­ten Frank Gehry (Gug­gen­heim-Mu­se­um in Bil­bao, Vi­tra De­sign Mu­se­um in Weil am Rhein). Da­ni­el Li­bes­kind, ein wei­te­rer Star­ar­chi­tekt aus den USA (Ein­kaufs­zen­trum West­side in Bern, Jü­di­sches Mu­se­um in Berlin), wur­de in der Stadt ge­bo­ren. Bei­de weil­ten in letz­ter Zeit zu Be­such in Lodz. Die Stadt­re­gie­rung hofft dar­auf, dass sie in der Sa­nie­rung der vie­ler­orts zer­fal­le­nen Bau­sub­stanz Ak­zen­te set­zen.

Im EC1 sol­len Künst­ler und Kul­tur­in­ter­es­sier­te aus Ost-und We­st­eu­ro­pa zu­sam­men­tref­fen, wes­halb die Initi­an­ten auch über den Na­men «Eu­ro­pa-Eu­ro­pa» nach­den­ken. Und falls sich der Traum vom pol­ni­schen Hoch­ge­schwin­dig­keits­zug­netz er­fül­len lässt, soll es auch we­sent­lich schnel­ler ge­hen: nach Berlin bei­spiels­wei­se nicht mehr in sechs bis sie­ben, son­dern in ein­ein­halb St­un­den. Und die polnische Ka­pi­ta­le und Wirt­schafts­me­tro­po­le War­schau wird mit dreis­sig statt neun­zig Mi­nu­ten Fahr­zeit nur noch ei­nen Kat­zen­sprung von Lodz ent­fernt sein.

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