Öko­no­mie der Zwie­bel

In­fla­ti­on und Po­li­tik brem­sen in In­di­en das Re­form­tem­po – Bör­se Mum­bai hoch be­wer­tet

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ERNST HERB,

Der kla­re Sieg der re­gie­ren­den Kon­gress­par­tei in den Par­la­ments­wah­len wur­de vor rund zwan­zig Mo­na­ten an der in­di­schen Bör­se mit ei­nem Kurs­feu­er­werk be­grüsst. Denn da­mit schien für den seit 2004 nur mit man­gel­haf­ter Un­ter­stüt­zung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei re­gie­ren­den Pre­mier­mi­nis­ter Man­mo­han Singh die Zeit ge­kom­men zu sein, die Mo­der­ni­sie­rung der dritt­gröss­ten asia­ti­schen Volks­wirt­schaft schnel­ler vor­an­trei­ben zu kön­nen. Auch das ma­kro­öko­no­mi­sche Um­feld sprach da­mals für ein hö­he­res Re­form­tem­po: Es war trotz der glo­ba­len Fi­nanz­markt­kri­se dank ei­ner nach­las­sen­den In­fla­ti­on, ei­nem schrump­fen­den Staats­de­fi­zit und ei­nem boo­men­den Bin­nen­kon­sum güns­tig.

Der Sen­si­ti­ve-In­dex der Bör­se Mum­bai zog denn auch in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren bei­na­he 100% an. Doch mitt­ler­wei­le ist das zu­nächst be­ein­dru­cken­de Re­form­tem­po in An­be­tracht in­nen­po­li­ti­scher Pro­ble­me und ei­nes we­ni­ger gu­ten ma­kro­öko­no­mi­schen Um­felds ge­bremst wor­den. Das dürf­te sich in den nächs­ten Mo­na­ten auch in ei­ner mo­de­ra­ten Ent­wick­lung an der Bör­se Mum­bai nie­der­schla­gen. Die bri­ti­sche Gross­bank HSBC Hol­dings sieht im lau­fen­den Jahr für den Sen­sex ein Auf­wärts­po­ten­zi­al von we­ni­ger als 5% – nicht zu­letzt auch des­halb, weil der in­di­sche Ak­ti­en­markt mit ei­nem Kurs­Ge­winn-Ver­hält­nis 2011 von 16 deut­lich hö­her be­wer­tet ist als an­de­re asia­ti­sche Wachs­tums­märk­te.

Im Brenn­punkt der Po­li­tik

Nichts re­flek­tiert In­di­ens ver­än­der­te Gross­wet­ter­la­ge bes­ser als die Zwie­bel, die in den ver­gan­ge­nen Wo­chen in den Mit­tel­punkt des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses ge­rückt ist. Nach­dem der Preis für die­se schein­bar so be­schei­de­ne Ge­würz-und Ge­mü­se­pflan­ze in­nert we­ni­ger Wo­chen mehr als 100% hoch­schnell­te, rief Mi­nis­ter­prä­si­dent Singh am Di­ens­tag ei­ne Ka­bi­nett­sit­zung ein, um nach We­gen zur Be­ru­hi­gung an der Le­bens­mit­tel­front zu su­chen. Das ist nicht ver­wun­der­lich, le­ben doch in In­di­en rund zwei Drit­tel der Men­schen nach An­ga­ben der Welt­bank mit we­ni­ger als zwei Dol­lar pro Tag.

Wenn sich plötz­lich ei­ne in In­di­en zu fast al­len Mahl­zei­ten ver­wen­de­te Bei­ga­be wie die Zwie­bel mas­siv ver­teu­ert, wird das zu ei­nem bri­san­ten po­li­ti­schen The­ma. Das um­so mehr, als die Kon­su­men­ten­prei­se im De­zem­ber 8,4% hö­her no­tier­ten als zwölf Mo­na­te zu­vor. Singh, der sei­ne neue Amts­zeit mit küh­nen Re­form­plä­nen wie der Pri­va­ti­sie­rung von Staats­un­ter­neh­men und der Lan­cie­rung mas­si­ver In­fra­struk­tur­pro­jek­te an­trat, muss sich nun um die Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung mit Gr­und­nah­rungs­mit­teln küm­mern statt um vi­sio­nä­re Re­form­vor­ha­ben. Da­zu wur­den im De­zem­ber bis­her we­nig wirk­sa­me ad­mi­nis­tra­ti­ve Mass­nah­men wie un­ter an­de­rem ein Ex­port­stopp von Zwie­beln ein­ge­lei­tet.

Auf brei­ter Front kann die In­fla­ti­on, die in den ver­gan­ge­nen Wo­chen durch den stei­gen­den Erd­öl­preis an­ge­heizt wur­de, aber wohl nur durch das Dre­hen an der Zins­schrau­be un­ter Kon­trol­le ge­bracht wer­den. Das US-Fi­nanz­haus Gold­man Sachs geht da­von aus, dass die in­di­sche Zen­tral­bank den Leit­zins im lau­fen­den Fi­nanz­jahr um 100 Ba­sis­punk­te her­auf­set­zen wird. Ein sol­cher Schritt drängt sich auf, weil In­di­ens Wirt­schaft über­hitzt ist. Das Brut­to­in­land­pro­dukt wird im Fis­kal­jahr 2010/11 (per En­de März) wahr­schein­lich 8,2% wach­sen und oh­ne Brems­mass­nah­men im Jahr dar­auf wohl so­gar 9%.

Ge­tra­gen wird die Dy­na­mik vor al­lem von glo­bal wett­be­werbs­fä­hi­gen Ex­port­und Di­enst­leis­tungs­un­ter­neh­men wie Ta­ta Mo­tors und In­fo­sys Tech­no­lo­gies (vgl. Kas­ten). Sie pro­fi­tie­ren nicht nur von der sich er­ho­len­den Welt­wirt­schaft, son­dern auch von ei­ner ver­gleichs­wei­se klei­nen, doch kauf­kräf­ti­gen in­di­schen Mit­tel­schicht. Lang­fris­tig kann die Wachs­tums­dy­na­mik auf brei­ter Front aber nur dann auf­recht­er­hal­ten wer­den, wenn die Re­gie­rung die Wirt­schaft wei­ter öff­net. Denn trotz ein­zel­ner Er­fol­ge bleibt das In­ves­ti­ti­ons­kli­ma in In­di­en schwie­rig, wo­mit bis heu­te nur ei­ne Min­der­heit der Be­völ­ke­rung vom Wirt­schafts­wun­der pro­fi­tiert.

Li­zenz ge­gen Schmier­geld

Nach wie vor bremst ei­ne man­gel­haf­te In­fra­struk­tur das Wachs­tum. Zu­dem blei­ben Ex­pan­si­ons­plä­ne von so be­deu­ten­den Un­ter­neh­men wie dem Stahl­ko­cher Ar­celor Mit­tal, dem Ver­si­che­rungs­kon­zern Ame­ri­can In­ter­na­tio­nal Group oder dem Ein­zel­händ­ler Wal-Mart Sto­res an­ge­sichts po­li­ti­scher Wi­der­stän­de im Plan­sta­di­um ste­cken. Ein Grund da­für ist, dass die Re­gie­rung ih­re Auf­merk­sam­keit nicht nur stei­gen­den Le­bens­mit­tel­prei­sen zu­wen­den muss. Zur­zeit er­schüt­tert auch ein mas­si­ver Be­trugs­fall das Land. Der mitt­ler­wei­le ab­ge­setz­te Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mi­nis­ter ver­gab Li­zen­zen für den Be­trieb von Mo­bil­netz­wer­ken ge­gen Schmier­geld­zah­lun­gen. Ab­ge­lenkt wird Singh auch durch den an In­ten­si­tät ge­win­nen­den Auf­stand mao­is­ti­scher Ex­tre­mis­ten im Nord­os­ten des Lan­des.

Preis für Zwie­beln hat sich bin­nen we­ni­ger Wo­chen um mehr als 100% ver­teu­ert.

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