Wi­der den Main­stream

Finanz und Wirtschaft - - AUF EINEN BLICK -

Der Mensch neigt zum Her­den­trieb. Man geht dort­hin, wo schon vie­le sind. Die­ses Ver­hal­ten lässt sich in fast al­len Le­bens­la­gen be­ob­ach­ten. Wo vie­le Leu­te sind, gibt’s was zu se­hen, zu er­le­ben, zu ge­nies­sen, zu pro­fi­tie­ren usw. Im Um­kehr­schluss heisst das, wo nix läuft, geht kei­ner hin, oder dann nur die, die sich be­wusst vom Main­stream fern­hal­ten und das Ge­gen­teil des­sen su­chen, was po­pu­lär, was Mo­de ist.

Auf die Bör­se resp. den An­le­ger be­zo­gen be­deu­tet das: Stei­gen die (Ak­ti­en-)Kur­se, nimmt die Be­reit­schaft, Ri­si­ken ein­zu­ge­hen, zu. Die Ri­si­ko­aver­si­on ist dem­ge­gen­über ge­ra­de dann am aus­ge­präg­tes­ten, wenn die Bör­sen im Tief und die Chan­cen auf Kurs­ge­win­ne hoch sind. Sich kon­se­quent als Con­tra­ri­an zu ver­hal­ten, brin­gen in­des nur we­ni­ge An­le­ger fer­tig. Der Haupt­harst war­tet ab und hü­tet sein Ba­res. Angst vor Ver­lus­ten lässt den güns­ti­gen Zeit­punkt für Käu­fe ver­strei­chen. Mut und Zu­ver­sicht keh­ren erst zu­rück, wenn der Be­weis vor­liegt, dass es wirk­lich wie­der auf­wärts geht. Die Krux ist nur, dass dann 20, 30 und mehr Pro­zent Ge­winn be­reits ver­passt sind. Wer Glück hat, ver­dient spä­ter vi­el­leicht noch 10% oder et­was mehr (vor­aus­ge­setzt, er rea­li­siert den Ge­winn vor der Kurs­wen­de). Das Phä­no­men des zy­kli­schen Ver­hal­tens ist auch in der Po­li­tik nichts Un­be­kann­tes, wie jüngs­tes Bei­spiel zeigt. Über­tref­fen die Steu­er­ein­nah­men den bud­ge­tier­ten Wert, stei­gen For­de­run­gen und Wün­sche von Po­li­ti­kern und Par­tei­en re­flex­ar­tig. Statt nur das Nö­ti­ge – das wur­de auch bud­ge­tiert – zu rea­li­sie­ren, lan­den flugs neue Be­gehr­lich­kei­ten auf dem Tisch. Da­bei ist das Sprich­wort, «Spa­re in der Zeit, dann hast du in der Not», All­ge­mein­wis­sen.

Just das müss­te der Bund jetzt tun – tut es aber nicht. Er will ei­nen Teil des un­er­war­tet ho­hen Haus­halt­über­schus­ses für In­ves­ti­tio­nen aus­ge­ben. Das in ei­ner Zeit, in der die Schwei­zer Wirt­schaft auf Hoch­tou­ren läuft. Doch der nächs­te Kon­junk­tur­ab­schwung kommt be­stimmt, und der Ruf nach ar­beits­be­schaf­fen­den In­ves­ti­tio­nen durch den Staat eben­so. Dann wä­re es gut, die Fi­nanz­la­ge von Ge­mein­den, Kan­to­ne und Bund wä­re ge­sund und wür­de es er­mög­li­chen, oh­ne Schul­den­ma­che­rei be­schäf­ti­gungs­wirk­sa­me Vor­ha­ben zu rea­li­sie­ren. An­ti­zy­klisch han­deln heisst auch, sich dem Main­stream der Be­gehr­lich­kei­ten zu wi­der­set­zen.

Chef­re­dak­tor Zum The­ma An­ti­zy­klisch oder zy­klisch?

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