Zu viel Hoff­nung in den Small-Cap-Ti­teln

Auf die Ver­lie­rer von 2010 set­zen – Kon­junk­tur­ver­lang­sa­mung wird den zy­kli­schen Ak­ti­en zu­set­zen – Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Phar­ma un­ter­be­wer­tet

Finanz und Wirtschaft - - IN KÜRZE - ANDRE­AS MEI­ER

Zum Jah­res­be­ginn nimmt an den Bör­sen je­weils der Wa­ge­mut wie­der zu, vor al­lem der pro­fes­sio­nel­len In­ves­to­ren – Pen­si­ons­kas­sen, An­la­ge­fonds und Ver­mö­gens­ver­wal­ter –, die in Jah­res­pe­ri­oden den­ken und ih­re Leis­tung je­weils per 31. De­zem­ber mes­sen.

Vor Jah­res­en­de re­giert Kon­ser­va­ti­vis­mus: Man will die er­reich­te Per­for­mance nicht durch ge­wag­te In­vest­ments aufs Spiel set­zen, son­dern si­chert ab, wech­selt in so­li­de, we­nig vo­la­ti­le Blue Chips oder ver­kauft gar ei­nen Teil der Po­si­tio­nen.

Ganz an­ders An­fang Jahr. Da ist der Zäh­ler wie­der auf null ge­stellt, und es gilt das De­pot so zu struk­tu­rie­ren, dass es von den im neu­en Jahr er­war­te­ten Trends an den Fi­nanz­märk­ten pro­fi­tie­ren wird. Das Jah­res­en­de und so­mit die Zeit des Bi­lanz­zie­hens ist noch weit, ent­spre­chend kön­nen auch ge­wag­te­re An­la­gen ge­kauft wer­den. Zeit, um all­fäl­li­ge Flops aus­zu­bü­geln, bleibt dann ja noch ge­nug.

Vor­wit­zig zum Jah­res­auf­takt

Die Kauf­lust war in den ers­ten Sit­zun­gen in ein­zel­nen Er­gän­zungs­wer­ten auf­ge­flammt (Bu­cher, Aus­tri­a­mi­cro­sys­tems, Mi­cro­nas, Burck­hardt usw.), wo­mit sich der Trend des ver­gan­ge­nen Jah­res (zy­kli­sche Nebenwerte avan­cier­ten 20 bis 30%) be­stä­tig­te. Da­ge­gen kor­ri­gier­ten Nest­lé in den ver­gan­ge­nen drei Wo­chen klar, vi­el­leicht eben, weil die An­le­ger An­fang Jahr eher be­reit sind, Ka­pi­tal aus kon­ser­va­ti­ven Ti­teln ab­zu­zie­hen und in ri­si­ko­rei­che­re Pa­pie­re um­zu­la­gern (vgl. «Geld und Brief» auf Sei­te 3). Dass die Halb­lei­ter­va­lo­ren Mi­cro­nas in den letz­ten Wo­chen der­art an­ge­zo­gen ha­ben, zeigt, dass die An­le­ger mitt­ler­wei­le gar wie­der be­reit sind, weit in der Zu­kunft lie­gen­des Ge­winn­po­ten­zi­al der Un­ter­neh­men schon heu­te zu ho­no­rie­ren. Mi­cro­nas hat­te von 2006 bis Mit­te 2010 Ver­lust ge­schrie­ben und hat ge­ra­de erst den Tur­naround gut über­stan­den.

Doch auf den mu­ti­gen Jah­res­auf­takt wird die Be­wäh­rungs­pro­be fol­gen: In den kom­men­den Wo­chen wer­den die ko­tier­ten Un­ter­neh­men ih­re Jah­res­ab­schlüs­se ver­öf­fent­li­chen und, be­son­ders wich­tig für die Bör­se, ei­ne ers­te Ein­schät­zung der Aus­sich­ten für 2011 ab­ge­ben.

Dies wird mit be­son­de­rer Span­nung er­war­tet, denn die Per­spek­ti­ven für 2011 sind ne­bu­lö­ser als sonst zu Be­ginn des Jah­res. Zwei Mei­nungs­la­ger ste­hen sich ge­gen­über. Die Volks­wirt­schafts­pro­gnos­ti­ker war­nen (schon seit Mo­na­ten) vor ei­ner all­mäh­li­chen Ab­küh­lung der Kon­junk­tur. Sie be­grün­den das mit dem Aus­lau­fen der staat­li­chen Sti­mu­lie­rungs­mass­nah­men und dem En­de des Wie­der­auf­sto­ckens der La­ger nach der Fi­nanz­kri­se. An­der­seits mel­den Un­ter­neh­men, vor al­lem aus der In­dus­trie, bis jüngst stei­gen­de Er­geb­nis­se und be­ur­tei­len ih­re La­ge zu­ver­sicht­lich.

Rück­blen­de: An­fang 2010 star­te­ten die An­le­ger vor­sich­tig ins neue Jahr. Die Ana­lys­ten der Bank Von­to­bel et­wa trau­ten den Schwei­zer Ma­schi­nen­bau­ern da­mals ein Ge­winn­wachs­tum von le­dig­lich 9% zu. Im Ver­lauf des Jah­res wur­den die Schät­zun­gen, im Ein­klang mit den über Er­war­ten gu­ten Quar­tals­er­geb­nis­sen, al­ler­dings lau­fend er­höht. Der­zeit geht Von­to­bel für das ver­gan­ge­ne Jahr von ei­nem Ge­winn­plus von 26% aus. Auch die Lu­xus­gü­ter­her­stel­ler wie Swatch Group oder Ri­che­mont ha­ben ei­ne viel bes­se­re Leis­tung ge­zeigt, als an­fäng­lich er­war­tet wer­den konn­te.

Über­schätzt wur­den da­ge­gen die Ban­ken und Ver­si­che­run­gen und auch die Med­tech-Un­ter­neh­men. Ih­re Ge­winn­per­spek­ti­ven ver­düs­ter­ten sich nach und nach (vgl. Ta­bel­le). Von den Er­war­tun­gen ab­wei­chen­de Ge­schäfts­ver­läu­fe in den ein­zel­nen Bran­chen kenn­zeich­ne­ten das Bör­sen­jahr 2010. Wäh­rend der Ge­samt­markt kaum vom Fleck kam (SPI +2,9%), ge­wann der Lu­xus­gü­ter­sek­tor 56% und der Ma­schi­nen­bau 15%. Bank­wer­te da­ge­gen büss­ten knapp 8% ein, Med­tech-Ti­tel ver­lo­ren 13%.

Die Be­wer­tun­gen (Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis­se) ha­ben sich nur be­schei­den ver­än­dert. Die mit Skep­sis be­trach­te­ten Bran­chen wie Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Phar­ma zei­gen wei­ter­hin nied­ri­ge KGV-Wer­te, und Med­tech ist zu­rück­ge­fal­len. Dass das KGV des Ma­schi­nen­baus der­art ge­sun­ken ist, hängt mit der Neu­auf­nah­me des Öl­för­der­zu­lie­fe­rers Tran­so­ce­an in die­sen Sek­tor im Früh­ling 2010 zu­sam­men. Sein KGV 2011 be­trägt bloss 8,6. Oh­ne Tran­so­ce­an dürf­ten es et­wa 16 sein.

Ma­schi­nen­bau­ak­ti­en sind heu­te güns­ti­ger als vor Jah­res­frist. Sie sind we­ni­ger ge­stie­gen als die Ge­win­ne der Bran­che, was si­gna­li­siert, dass die An­le­ger Bo­den­haf­tung be­hal­ten ha­ben, doch gibt es un­ter den Ti­teln gros­se Un­ter­schie­de.

Al­le sind op­ti­mis­tisch

Nüch­tern­heit ist denn auch an­ge­bracht. Nach­dem noch fast den gan­zen Som­mer 2010 hin­durch die meis­ten Bör­sen­pro­gnos­ti­ker vor­sich­tig ge­stimmt wa­ren, hat sich ge­gen En­de Jahr ziem­lich ein­mü­tig ei­ne po­si­ti­ve Ein­schät­zung her­aus­ge­bil­det. An­nä­hernd al­le Bank­stra­te­gen er­war­ten für 2011 ein gu­tes Ak­ti­en­jahr.

Da­bei hat sich die La­ge ge­gen­über Mit­te 2010 eher leicht ver­schlech­tert. Der Fran­ken ist noch­mals deut­lich här­ter ge­wor­den, was in den Er­folgs­rech­nun­gen der Un­ter­neh­men Spu­ren hin­ter­las­sen wird, auch im ers­ten Halb­jahr 2011. Der Eu­ro-Mit­tel­kurs be­trug im ers­ten Se­mes­ter 2010 noch ver­gleichs­wei­se ho­he 1.44 Fr., was den Pe­ri­oden­ver­gleich be­las­tet.

Zu­dem dürf­te nun die von den Kon­junk­tur­pro­gnos­ti­kern vor­her­ge­sag­te Ab­schwä­chung Tat­sa­che wer­den. In Chi­na, dem der­zeit wich­tigs­ten Wachs­tums­trei­ber der Welt­wirt­schaft, ver­sucht die Re­gie­rung, mit Zins­er­hö­hun­gen und Kre­dit­re­strik­tio­nen die Kon­junk­tur et­was zu brem­sen, um so des In­fla­ti­ons­drucks Herr zu wer­den. Ge­lingt das Ma­nö­ver, dürf­te das auch die Schwei­zer Ex­port­un­ter­neh­men tref­fen. Gleich­zei­tig be­las­tet der ho­he und wei­ter stei­gen­de Öl­preis gros­se Tei­le der Welt­wirt­schaft und den Pri­vat­kon­sum.

Die schlech­te Nach­richt ist: In den kom­men­den Mo­na­ten dürf­ten die Un­ter­neh­men eher ne­ga­tiv als po­si­tiv über­ra­schen, nicht bloss weil sich die Wirt­schaft et­was ab­kühlt, son­dern weil sich die Er­war­tun­gen – par­al­lel zu den Ak­ti­en­kur­sen – lau­fend er­höht ha­ben, be­son­ders im Be­reich der zy­kli­schen Er­gän­zungs­wer­te.

Die gu­te Nach­richt: Den Zen­tral­ban­ken wird nichts an­de­res üb­rig blei­ben, als die Leit­zin­sen wei­ter­hin nied­rig zu hal­ten. Das ist grund­sätz­lich güns­tig für al­le An­la­ge­märk­te, be­son­ders aber für Roh­stof­fe und Ak­ti­en­bör­sen.

So ge­se­hen könn­te die Stra­te­gie, auf die «Ver­lie­rer­bran­chen» des ver­gan­ge­nen Jah­res zu set­zen, je­den­falls im ers­ten Se­mes­ter kein schlech­ter An­satz sein. Statt auf Small und Mid Caps aus der In­dus­trie soll­te da­her ver­mehrt auf Bank-und Ver­si­che­rungs­ak­ti­en, Phar­ma-und Med­techTi­tel so­wie auf Pa­pie­re von Strom­ver­sor­gern ge­setzt wer­den. Un­se­re Wahl von Bör­sen­fa­vo­ri­ten für das ers­te Se­mes­ter wä­ren da­her: Cre­dit Suis­se Group, No­var­tis, Bâ­loi­se, St­raumann und Al­piq. Im Früh­ling wird über­prüft, ob sich un­se­re Ein­schät­zung aus­ge­zahlt hat.

Die Er­war­tun­gen der An­le­ger sind für 2011 hoch, trotz ne­bu­lö­ser Kon­junk­tur-und Wäh­rungs­per­spek­ti­ven.

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